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05.12.2012 15:25 Uhr | x gelesen
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Welche Extras hättens' denn gerne?


Ein Autonarr hätte seine helle Freude am Vaterwerden; zumindest wenn es darum geht, das Gefährt für den Nachwuchs auszusuchen, oder besser gesagt zusammenzustellen. Denn weit ist der Kauf eines Neuwagens nicht von dem des fahrbaren Untersatz des Nachwuchses entfernt.

Die Zahl der Geburten ist in Deutschland im vergangenen Jahr leicht angestiegen. Im Jahr 2010 wurden 678.000 Kinder geboren, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mitteilte. Dies bedeutet im Vergleich zum Vorjahr einen Anstieg um 13.000 Kinder oder 1,9 Prozent. Allerdings war 2009 auch das Jahr mit der bisher niedrigsten Anzahl an Geburten. Frauen mit Kinderwagen
Mit einem schnellen Blick betrachtet, sehen fast alle Kinderwagen gleich aus. Doch dass der Teufel in den Details oder in der Ausstattung steckt, erfährt man erst beim Kauf.
© 2011 AFP
Zugegeben, wie ein Autoverkäufer sieht der Herr mit der hohen Stirn nicht aus, den sich meine Freundin als fachkundigen Berater für den Kinderwagenkauf an die Seite holt. Schon eher wie ein in den 68ern stehen gebliebener Alt-Hippie, der seinen Frust gegen das Establishment jetzt in der Kinderwagenabteilung eines Spielwarengeschäftes auslebt. „Sicher hat er Sozialpädagogik studiert, doch der Job als Streetworker war ihm zu gewöhnlich“, schießt es mir durch den Kopf, als ich den Schnauzbartträger mustere; mit seinen Birkenstock sowie der Jeans und dem T-Shirt, die die Waschmaschine schon ein paar Mal zu oft von Innen erlebt hat.

Kein Vergleich mit den geschniegelten Anzugträgern, die in den Ausstellungshallen der Autohäuser auf Kunden warten. Doch das Äußere soll auch schon der einzige Unterschied bleiben zwischen meinem Alt-Hippie und dem Autoverkäufer in meiner Fantasie. Würde mich jemand fragen, wer mir lieber wäre, die Entscheidung fiele mir schwer. Ich kaufe weder gerne ein Auto, noch - so wird mich die kommende halbe Stunde lehren - kaufe ich gerne einen Kinderwagen.


 

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Meine Illusion von einem schnellen Geschäft zerstört der Alt-Hippie im Handstreich. Wie ein Maschinengewehr rattert er meiner Freundin und mir die verschiedenen Modelle und deren Vorteile herunter. Feststellbare Vorderachse hier, schwenkbarer Schiebearm dort und die verschiedenen Schalentypen, das haben fast schon alle Hersteller. „Kompliment, der Mann kennt sich aus. Aber nochmal zum mitschreiben“, denke ich mir. Doch ich bin zu feige nachzufragen, nicht dass mich der Alt-Hippie wieder mit seinen Wortsalven über die Kinderwagen-Extras niederstreckt. Während der Verkäufer redet ohne Luft zu holen, versuche ich mir selbst ein Bild zu machen, und lese etwas verstohlen die Informationen auf den Preisschildern.

Das hätte ich lieber nicht getan. Kaum zu glauben: Das Gefährt für meinen Nachwuchs kostet weit mehr als ein Satz neuer Winterreifen für mein Auto. „Aber sie wollen doch einen guten Kinderwagen“, höre ich den Alt-Hippie rhetorisch fragen und klinke mich wieder in das Verkaufsgespräch ein.

Innerlich habe ich mich schon damit abgefunden, dass die neuen Winterreifen wohl noch etwas warten müssen. Denn wenn schon Kinderwagen, dann wird nicht gespart. Beschleunigen soll diese Entscheidung den Kauf aber nicht. Zu viel gibt es zu entscheiden. Gut, das mit dem schwenkbarer Schiebearm haben wir schon geklärt. Bei der Marke lässt sich meine Freundin nicht dreinreden - wieder ein Problem weniger. „Wollen sie nun eine Softtasche, eine Kombitasche oder eine Hartschale“, fragt der Verkäufer und meint damit die verschiedenen Aufsätze für das Kinderwagen-Gestell, in denen der Nachwuchs liegen soll. Für mich sehen die alle gleich aus, doch ich versuche den Erklärungen des Alt-Hippies zu folgen. Wir entscheiden uns am Ende für eine Kombitasche, irgendwie von jedem etwas. So kann man sich auch aus der Affäre ziehen.

„Endlich am Ende“, denke ich mir, da wirft der Verkäufer die nächste Frage auf. Mittlerweile habe ich den etwas schrägen Typen schon in mein Herz geschlossen: „Welche Farbe darf es denn sein?“ Wer glaubt, dass es der Farbkatalog nicht mit der Farbpalette deutscher Automobilhersteller aufnehmen kann, der irrt sich gewaltig. Doch bei der Farbwahl sind sich meine Freundin und ich schnell einig. Geschafft! Der Kinderwagen ist gekauft und kann nach zehn Wochen Lieferzeit abgeholt werden. „Da liegt wohl auch in der Ruhe die Kraft“, denke ich mir. Aber nach dem Alt-Hippie als Hahn im Korb der Spielwarenverkäuferinnen kann mich so schnell nichts mehr schocken. Auch nicht der nächste Autokauf.



bli

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