Mittwoch, 30.05.2012 |

 

11.12.2011, 22:26 Uhr | 548x gelesen
Drucken Text vergrößern

19er Alu Blog: Ein "magisches Dreieck" und der Geist, der stets vergeigt


Ingolstadt (dk) Der 1:0-Heimsieg des FC Ingolstadt 04 ist ein besonderes Spiel gewesen. In einem Briefwechsel lassen Lars Wilhelm, Moderator des Ingolstädter Fußball-Talks 19er Alu, und der St.-Pauli-Fan Gegengeraden-Gerd die Partie "Paroli laufen".

Lieber Gegengeraden-Gerd, geschätzter Freund und Bruder im Geiste im fernen Hamburg,
 
vielen Dank für Deine Zeilen neulich über die ich mich sehr gefreut habe! Von der Brillenschlange, die immer neben Dir im Block am Millerntor steht, hast Du ja schon mitbekommen, dass der Ausflug des FC St. Pauli an die Donau zum FC Ingolstadt 04 ganz nett war.

Die letzten Wochen waren für uns hier ja sehr aufregend: Neuer Trainer, neuer Sportdirektor, neueste Meldungen, dass der FC Ingolstadt 04 2014 oder spätestens 2015 endlich in der 1. Fußball-Bundesliga spielen soll. Lustig. Ein Masterplan, wie das gelingen soll wird sicherheitshalber nicht präsentiert. Auch lustig. Zu befürchten ist, dass es den gar nicht gibt. Nicht lustig.

Ingolstadt: Kult, Kommerz und Dialog
Bild: Webel Brief-Schreiber Lars-Wilhelm (2.v.l.) mit den 19er-Alu-Stamm-Diskutanten Bernhard Schilling (links) und Tom Haindl (rechtes) sowie den beiden St.-Pauli-Fans und Buch-Autoren Christoph Nagel (Mitte) und Michael Pahl (Zweiter von rechts)
Stell Dir vor Gerd, hier in Ingolstadt waren in den letzten Jahren schon viele gute Trainer: Fink, Wiesinger, Möhlmann: Alles Top-Leute. Aber keiner kann unseren Sauhaufen hier in Ingolstadt trainieren und aus den Einzelspielern ein funktionierendes Gesamtgefüge basteln. Die Zusammenstellung des Kaders ist mir ein Rätsel: Keine funktionierende Achse (Torwart, - Abwehrchef - Mittelfeldstratege - Sturmtank) um die herum man ein starkes Team zusammen stellen könnte, kein gutes Verhältnis zwischen Häuptlingen und Indianern, kein richtiger Teamgeist, keine richtigen Kämpferherzen, keine Leidenschaft, kein Wille, keine jungen, aufstrebenden Talente... und die für ein Team wichtigen Identifikationsfiguren (z.B. Wohlfarth, Karl) meint man nicht zu brauchen und schickt sie in die Wüste.

Gerade sie sind aber doch das wichtige Bindeglied zwischen Mannschaft, Verein und den Fans! Wie Du mir geschrieben hast macht der FC St. Pauli diese Fehler nicht. Bei Euch gibt es eine Vereinsidentität, eine Ausrichtung, eine Philosophie und einen Plan, wie man zukünftig spielen will. Und für diesen Plan holt man die geeigneten Spieler. So soll das normalerweise auch sein. Nur in Ingolstadt nicht. Du kannst Dich glücklich schätzen als Paulianer!

Zum Spiel des FCI gegen den FCSP waren geschätzte 4000 Totenkopf-Freunde im “Rupert-Stadler-seine-Frau-ihr-Stadion” in Ingolstadt. Die Stimmung war prächtig. Auch im Ingolstädter Stehplatz-Block U/V war wenig zu spüren, dass wir derzeit die rote Laterne hatten. Viel Leidenschaft und Herzblut auf den Rängen. Und immer friedlich. Schließlich vereint unsere beiden Fanlager ja, dass wir beide gerne Koggen versenken ;-)
 
Eine Task Force “Stadionstimmung” wie beim FC Arsenal in London, wo es wegen immer mehr VIP- und Schampus-Kunden kaum mehr Fußballgesänge gibt, braucht man beim FC Ingolstadt jedenfalls noch nicht einzuberufen. Hoffentlich bleibt das so. Aber das gute alte Vollbier wollen sie uns langsam endgültig wegnehmen. Sauerei! Protest! Selbst wenn wie im letzten Spiel gegen Braunschweig nur gefühlte 3000 Menschen sich im weiten Rund verlaufen, es saukalt ist und der Braunschweiger an sich dem Ingolstädter wohl doch ziemlich egal ist. Da muß und soll sich der FCI doch bitte schleunigst mal mit den obersten Ordnungshütern zusammen setzen und über das Thema sprechen. Für uns Schanzer gehört das Stadionbier und die Stadionwurst untrennbar mit dem Fußball zusammen! Eine Lösung wie in Augsburg wäre doch auch in Ingolstadt denkbar und einen Versuch wert: Alkoholfrei nur für Auswärtsfans. Für den FCSP würden wir natürlich eine Ausnahme machen... ;-)

Lieber Gerd, a propos Bier: Dass auch Deine Freunde vom Kiez hier eine Stadionkneipe in Ingolstadt vermisst haben, werden wir an den FCI zum wiederholten Male weitergeben. Genau, so was geht gar nicht. Gibt`s überall! Dass der FCI nun auch hier am Stadion das Public Viewing für die EM 2012 anstatt am geliebten Rathausplatz machen will ist ein Witz! Da müssen sich die Herren Oberen der Stadt und der FCI noch mal kurz schließen. Alle, die ich bis jetzt getroffen habe, wollen die EM im Stadtzentrum feiern und nicht auf der grünen Wiese! Hoffentlich passiert da noch ein Umdenken....

A propos feiern: Die 3 Punkte haben wir in Ingolstadt behalten. Und das verdient. Eine gute und diszipinierte Leistung. An unserem “magischen Dreieck” der Defensive mit den Herren Matip/Biliskov/Metzelder war für Euch kein Vorbeikommen. Hinten stand die Null und vorne haben wir Euch mit viel Dusel einen rein gemacht. Dieses Glück und diesen Sieg brauchen wir dringend für den Verbleib in Liga 2. Weil Du doch gesagt hast, dass Du beim näxten Spiel gegen den FC Ingolstadt auch hier live vor Ort sein willst. Diesen Termin musst Du dann aber auch wahr nehmen, weil wir ja 2014 in die 1. Bundesliga aufsteigen! Auf alle Fälle seid Ihr alle recht herzlich eingeladen, Du, die Brillenschlange und Deine 4000 Freunde vom Millerntor!

Es lebe der Fußball, Schanzer FC Ingolstadt olé & VIVA ST. PAULI!!!

Lars



Lieber Lars,
 
vielen Dank für die vielen Informationen über deinen Lieblingsclub. Ich bin jetzt ein bisschen beruhigt. „Sauhaufen“ (Zitat) machen mir keine Angst. Davon hatten wir am Millerntor auch schon so einige.
 
Aber die Internetseite Eures Vereins – die fand ich doch etwas brutal:  Oben auf der Startseite  wilde Kung-Fu-Übungen, genau in der Mitte des Mannschaftsfotos eine weißlackierte Kampfmaschine mit mehr Kraft unter der Haube als Hannibals legendäre Elefanten (so viel zum „Sturmtank“), und wenige Zentimeter darüber der fotografische Beweis, dass man als Fußballer zu Ingolstadt jederzeit mit platzstürmenden Sakkoträgern zu rechnen hat. Für sensible Naturen muss das doch verstörend sein!
 
Vielleicht deshalb, so entnehme ich dem Bildmaterial auf Eurer Vereinswebsite weiter, weichen Eure Kicker auf die Gassen Eurer schönen Stadt aus, suchen Schutz bei nicht-DFL-konform gekleideten Speerträgern, bewachen Fußgängerbrücken statt Aluminiumtoren, beschießen unsichtbare Omis im Park per Sitzfallzieher und spielen Straßenfußball, bis der letzte Passant Reißaus nimmt. Das alles mit Stollenschuhen auf historischem Kopfsteinpflaster. Kein sicherer Stand. Ein Grund für die sturzgefährdete Tabellensituation?
 

Gegengeraden-Gerd FC St. Pauli
Bild: Sabrina Adeline Hinck Gerhard von der Gegengerade, 55, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli. Als leicht entflammbare Ein-Mann-Meckerecke kämpft er für mehr Ernst im Fußball. Mehr in seinem Blog http://www.gegengeraden-gerd.de und auf Twitter.com/GG_Gerd!

Doch keine Sorge. Da lässt sich was machen. Denn wofür gibt es ihn sonst, den seltsamsten Heiligen des Fußballs? Nachname: Pauli, Vorname: Sankt, Spezialgebiet: Wiederbelebungsmaßnahmen. Wenn ich Deine anerkennenden Zeilen so lese, weiß ich nicht recht, ob seine Kunde sich schon bis zu Euch in den Süden verbreitet hat.
 
Der heilige Sankt Pauli hat in seiner über hundertjährigen Geschichte mehr bedürftige Vereine aus der Trübnis des Tabellenkellers gerettet als Superman hilflose alte Damen aus brennenden Häusern! Und das auf rein sportlichem Wege! Zugegeben: In den letzten Jahren war Sankt Pauli ein wenig abgekommen vom tugendhaftem Weg der Wohltätigkeit. Doch niemand, der ihn länger kennt, würde ernsthaft annehmen, dass er seine Superkräfte eingebüßt hätte.
 
Mit Chance auf Platz 2 zum Tabellenletzten? Noch dazu einem verdienten Koggeversenker? So eine Chance lässt Sankt Pauli sich nicht entgehen. Wir sind der Geist, der stets vergeigt! Jedenfalls wenn es für uns um etwas geht. Dass das zwischendurch mal anders ausgesehen hat: gut und schön, aber nur die Ausnahme, die die Regel bestätigt.
 
Schließlich muss man auch beim Versagen mal versagen, damit die Sache richtig rund wird. Erst recht, wenn man damit Gutes tun kann. Und dann noch am dritten Advent: Lichterglanz allüberall, Glanz in vorfreudigen Kinderaugen, Glanz auf den ersten Weihnachtskugeln ... Dann auch noch Glanz auf dem Platz? Das wäre wohl ein bisschen zuviel des Guten gewesen. Also haben unsere Jungs ihn konsequent weggelassen.
 
Anfangs dachte ich ja noch, es könnte trotzdem klappen. Querpässe und Ballkontrolle statt lange Verzweiflungsschläge. Sieht langweilig aus, hat aber schon ein paar Mal funktioniert diese Saison. Wenn dann der schnelle Konter kommt. Leider ist es aber so, dass das mit dem schnellen Kontern nur funktioniert, wenn man den Ball zum eigenen Mann passt statt zum Gegner oder ins Aus. Und das am allerbesten noch in den Lauf statt in den Rücken. Was Sankt Pauli aber alles nicht macht, wenn es im Heiligenmodus unterwegs ist. Und als Torchance eine ganze Halbzeit lang nur ein halbgefährliches Anstandsschüsschen von Herrn Bruns hinkriegt.
 
Auch in Hälfte zwo roch das ungefähr so stark nach einem Sankt-Pauli-Tor wie Apfelmus nach Blattspinat. Selbst wenn die boys in brown nun bemühter wirkten und die Herren Schanzer von ihrem Engagement in Hälfte eins etwas ausgelaugt. Letzten Endes kam es, wie es kommen musste: 1:0 für Euch in der 89. Minute. Für mich ein seltsam vertrautes Gefühl. Und nach all den für uns gedrehten Spielen in dieser Saison so etwas wie eine Last-Minute-Impfung gegen Euphoria, jene gefürchtetste aller Kiezkickerkrankheiten.
 
Glückwunsch zu Euren drei Punkten also. Die habt Ihr verdient. Und wenn es Euch so geht wie den vielen anderen Teams, denen in tiefster Bedrängnis der heilige Sankt Pauli erschienen ist: Dann bleibt Ihr auf sicher „drin“.

Mit den besten Grüßen,

Dein Gerhard von der Gegengerade

 

P.S. Hübsches Detail am Rande, Eure Bandenwerbung für „Hörgeräte Langer“! Vielleicht bringt das den St. Pauli zuständigen DFB-Beobachter ja auf ne Idee. Der versteht nämlich immer  „Nazi“ statt „Naki“.  Vielleicht habt Ihr davon ja schon gehört ...

P.P.S. Immerhin: Das Tabellenbild gefällt mir untenrum jetzt viel besser als vor diesem Spieltag.
 



Gerhard von der Gegengerade, 55, ist seit 1910 Dauerkarten-Besitzer des FC St. Pauli.

Als leicht entflammbare Ein-Mann-Meckerecke kämpft er für mehr Ernst im Fußball. Mehr in seinem Blog http://www.gegengeraden-gerd.de und auf Twitter.com/GG_Gerd!




 
Mehr zum Thema

Artikel weiterempfehlen  Empfehlen Artikel verlinken  Artikel verlinken

Wenn Sie diesen Artikel von donaukurier.de verlinken möchten, können Sie einfach folgenden HTML-Code verwenden:

 

Drucken  Drucken  Leserbrief schreiben   Leserbrief Kommentare lesen/schreiben  Kommentieren

zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingelogged sein!
Benutzername  
Passwort      
Noch keinen Zugang?
Jetzt kostenlos registrieren!
Anmeldung über Cookie merken

Weitere Themen  
Der Hintern von Manuel Junglas
Der Kaiser von China, Pannen-Olli und der Gündogan-Gedächtnis-Pfostenkracher
Moderator im Goldrausch
Auf der Suche nach dem verlorenen Gefühl
Oral tanzt den Favre
19er Alu Blog:
Der alten Dame gehörig eingeheizt
19er Alu Blog: Verbotene Liebe, Doppel-Effes und Planungen für Liga 3
19erAlu-Blog: Der FC lebt!
Das wird wohl nicht mehr reichen
19er Alu zum Weggang von Steffen Wohlfarth
 


>