Der Lippenstift ist perfekt auf das schwarz-rote Kostüm abgestimmt, Katarina Witt hat ihn vor lauter Nervosität immer wieder nachgezogen. Die glamouröse Erscheinung, gepaart mit der einsetzenden Flamenco-Musik, verzaubert das Eiskunstlauf-Publikum von der ersten Sekunde an. Die 22-Jährige strahlt Souveränität aus, zeigt vier Dreifachsprünge, den Rittberger aber nur doppelt, ehe sie am Ende theatralisch aufs Eis sinkt, tödlich getroffen durch den Messerstich ihres Geliebten Don José. "Mein erster Gedanke nach meiner Kür war: Mist, ich habe Debi die Tür noch offengelassen", erzählt Witt später einmal in einem Interview mit der Zeitung "Die Welt".

Denn im Anschluss geht Debi Thomas auf das Eis. Zuvor hatte Witt bei den Olympischen Winterspielen von Calgary die Pflicht auf dem dritten Platz beendet, Thomas kam auf Rang zwei. Das Kurzprogramm aber gewann die Sportlerin aus Karl-Marx-Stadt vor ihrer US-amerikanischen Rivalin. So ist klar: Die Kür wird an diesem 28. Februar 1988 die Entscheidung bringen. Und dieses Duell hat es doppelt in sich: Beide Athletinnen interpretieren in ihrer Kür "Carmen", die feurige Tänzerin, zur Musik von Georges Bizet. Die Medien nennen die Entscheidung um Gold "Battle of the Carmens" - denn spannender kann ein Duell nicht inszeniert werden. Zugleich ist es das Duell Ost gegen West, Sozialismus gegen Kapitalismus. Der Kalte Krieg auf dem Eis. Noch dazu hat Thomas einen russischen Choreographen engagiert. "Viel mehr Drama hätte sich kein Autor ausdenken können", sagte Witt.

Doch auch Thomas gelingt die Kür nicht fehlerfrei: Die US-Amerikanerin verfehlt drei ihrer geplanten fünf Dreifachsprünge. "Ich schaute mir ihre Kür von der Tribüne an. Aber ich merkte sofort, dass sie diesem Druck nicht gewachsen war", erzählte Witt. Die Carmen, das zeigt sich nun, passt besser zu Witt, die mit Publikum und Preisrichtern gekonnt flirtet und mit Schönheit, Erotik und Anmut verführt. Am Ende ist die Kanadierin Elizabeth Manley die umjubelte Siegerin der Kür, Katarina Witt aber gewinnt dank ihrer Leistung im Pflicht- und Kurzprogramm die Goldmedaille - und verteidigt so ihren Titel von den Spielen vier Jahre zuvor in Sarajevo. Manley holt Silber, Bronze geht an Thomas.

Die beiden Goldmedaillen machen die heute 52 Jahre alte Witt zusammen mit ihren vier Titeln bei Weltmeisterschaften und ihren sechs Triumphen bei Europameisterschaften zu einer der erfolgreichsten Eiskunstläuferinnen der Geschichte. Als erste Eiskunstläuferin seit der Norwegerin Sonja Henie schaffte sie es, ihr Olympisches Gold zu verteidigen.

1994 versuchte Witt bei den Olympischen Winterspielen in Lillehammer ein Comeback und kam auf den siebten Platz. Nach ihrer Karriere tourte die Sächsin mit den großen Eisshows durch die USA und Kanada, drehte mehrere Filme, war Jurorin bei TV-Shows und warb für die Münchner Bewerbung um die Winterspiele 2018, die schließlich nach Pyeongchang gingen.

Das schwarz-rote Kostüm Witts, das einst im Berliner Friedrichstadt-Palast angefertigt worden war, hängt mittlerweile im olympischen Museum in Lausanne. "Das Kleid galt damals als so besonders, weil es dem Image der DDR in der Welt total widersprach", erzählte Witt. "Es war sexy, glamourös und dramatisch. Nicht so grau und neblig, wie viele die DDR gesehen haben wollen."