Bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang ist erstmals ein jamaikanisches Frauenteam im Bob dabei. Die Pilotin Jazmine Fenlator-Victorian und die Anschieberin Carrie Russell haben sich im Zweierbob für die Spiele in Südkorea qualifiziert. Trainiert wird das Team von der gebürtigen Dresdnerin Sandra Kiriasis, die bei den Spielen 2006 in Turin die Goldmedaille gewann.

Die Qualifikation des Frauenteams aus Jamaika ist ein weiteres Kapitel des kuriosen Märchens aus dem Karibikstaat - genau 30 Jahre nach dem Debüt der Männer im kanadischen Calgary. Die US-Amerikaner George Fitch und William Maloney, die geschäftlich in der Hauptstadt Kingston weilten, besuchten eines der dort beliebten Seifenkistenrennen - und kamen dabei auf den Gedanken, eine jamaikanische Bobmannschaft zu gründen. Nachdem sie beim olympischen Sprintteam des Landes auf wenig Begeisterung gestoßen waren, wandten sich Fitch und Maloney an das jamaikanische Militär - und wurden fündig: Die Soldaten Devon Harris, Dudley Stokes, Michael White und Samuel Clayton - ein Leutnant, ein Kapitän, ein Reservist und ein Eisenbahntechniker - wurden zum "Bob-Dienst" abbestellt.

Das größte Problem war damit aber nicht beseitigt: Eis und Schnee kannte das Team nur aus dem Fernsehen, und eine konkurrenzfähige Bobmannschaft war das Militär-Quartett längst nicht. Doch der amerikanische Trainer Howard Siler übte unermüdlich Sprints mit seinem Team, und zusammen flogen sie nach Calgary und Innsbruck, um auf echten Bobbahnen zu trainieren.

Am Ende schaffte die Mannschaft tatsächlich die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Calgary und reiste im Februar 1988 nach Kanada - nie zuvor hatte eine karibische Insel ein Bobteam zu Olympischen Spielen geschickt. Andere Bobmannschaften gaben den Jamaikanern Ratschläge, die Ausrüstung liehen sich die Exoten zum Teil von konkurrierenden Olympioniken. Am Ende half dies sportlich gesehen jedoch wenig: Die Mannschaft erreichte im Zweierbob den 30. von 41 Plätzen, im Vierer kippte der Bob um und wurde mit Abstand Letzter.

Die Attraktion der Spiele von Calgary waren die Jamaikaner dennoch und kurvten mit ihrem Auftritt in die Herzen der Fans. Statt mit Spitzenplatzierungen punkteten die Jamaikaner mit ihrer guten Laune und ihrem Unterhaltungswert und avancierten so zu Publikumslieblingen. Ihre Teilname an den Olympischen Spielen lieferte die Vorlage für den Film "Cool Runnings", der 1993 ein Kino-Erfolg wurde.

Doch mit dem Auftritt in Calgary war der sportliche Ehrgeiz des karibischen Teams geweckt - die Jamaikaner kehrten bei den folgenden Spielen zurück. Bis 2002 nahm die Mannschaft an allen Olympischen Winterspielen teil. Schon 1992 in Albertville schaffte es das Bobteam im Zweier auf Rang zehn, im Vierer auf den 14. Platz - vor etablierten Mannschaften wie Russland, Frankreich oder den USA. Vier Jahre später in Lillehammer wurden die Jamaikaner zweimal Zehnte. Nach zwölf Jahren Pause startete bei den Spielen in Sotschi 2014 erneut ein Team. Der Zweier kam jedoch nur auf den 29. Platz unter 30 Teams, nachdem die serbische Mannschaft aufgegeben hatte - und wurde dennoch erneut gefeiert wie ein Sieger.

Das erhofft sich auch Kiriasis für ihr Frauen-Team. Die Trainerin hat ehrgeizige Pläne, ein Top-10-Platz ist das Ziel. "Sie wollen ihr Land repräsentieren", meint sie über ihre Mannschaft, "und nicht nur belächelt werden."