Sie: "Ich hätte in der NBA viel weiter kommen können"
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München

Herr Blab, Sie hatten den wohl coolsten Spitznamen der NBA-Geschichte: "The Burning Skyscraper", der "brennende Wolkenkratzer". Wer hat Ihnen den verpasst?

Uwe Blab: (lacht) Der kommt aus der Highschool. In der NBA war er eigentlich nie ein Thema. In der Highschool habe ich ungefähr 75 Kilogramm gewogen, war aber schon 2,13 Meter groß. Und gleichzeitig hatte ich einen ziemlichen Wuschelkopf.

 

Obwohl Ihre ganze Familie Basketball spielte, haben Sie erst mit 15 Jahren damit angefangen. Das wäre heute viel zu spät, oder?

Blab: Das würde auf keinen Fall mehr klappen. Das ist aber in allen Sportarten so: Wenn man nicht frühzeitig anfängt, kommt man nicht bis ganz nach oben. Mein jüngster Sohn rudert, und auch da muss man früh beginnen und unwahrscheinlich trainieren.

 

Als Austauschschüler gingen Sie mit 17 nach Amerika und wurden schnell zum Star an Ihrer Highschool. Im College in Indiana schufteten Sie unter Trainerlegende Bobby Knight. Ein ziemlich rasanter Aufstieg.

Blab: Das stimmt. Als ich 17 war, war ich im Kader der Jugend-Nationalmannschaft. Wir hatten eine EM in Beirut im Libanon. Da habe ich kaum gespielt, weil ich nichts getroffen habe. Mit 2,13 Metern in dem Alter kann man aber trotzdem was bringen (lacht). Zurück in München hat mich eine US-Mannschaft eingeladen, nach Amerika zu kommen. Dann ging es sehr schnell. In den beiden Jahren in der Highschool habe ich jeden Tag mit dem Ball trainiert, Gewichte gestemmt und viel Fleisch und Proteine gegessen. Unsere Mannschaft war für Highschool-Verhältnisse sehr gut, wir haben die State Finals erreicht. Da habe ich viel gelernt. Heutzutage hätte es trotzdem nicht für die NBA gereicht.

 

Damals schon: Nach Frido Frey in den 1940er-Jahren kamen Sie und Detlef Schrempf schließlich 1985 als zweiter und dritter Deutscher zu den Dallas Mavericks in die NBA, der besten Basketball-Liga der Welt. Mit welchen Vorurteilen hatten Sie als Deutscher zu kämpfen?

Blab: Ich war in der NBA ja hauptsächlich Ersatzspieler. Es gab natürlich viel Trash Talk, aber das hatte nie was mit Deutschland oder meiner Größe zu tun. Detlef und mich haben sie eigentlich immer respektiert. Wir konnten zwei Sprachen und haben unsere Ausbildung am College bekommen. Wir konnten auch die Spielzüge leicht lernen - das waren 50 oder 60. In der Hinsicht war alles ganz normal.

 

Wen haben Sie als besonders unangenehmen Gegenspieler in Erinnerung? Und von wem waren Sie positiv überrascht?

Blab: Ich war meist der Ersatzmann für James Donaldson. Der war noch ein bisschen größer und schwerer als ich. Damals wog ich etwas mehr als 100 Kilogramm. James hat mir viel beigebracht und mir das Körperspiel gezeigt. Als Gegenspieler, mit dem ich Probleme hatte, ist mir Joe Kleine in Erinnerung. Der war so groß wie ich und noch ein bisschen kräftiger, der hat mich im Spiel immer gut verprügelt. Gegen den wollte ich nicht so gerne ran (lacht). Ansonsten gab es viele Gleichaltrige wie Patrick Ewing oder Hakeem Olajuwon, die athletisch wesentlich besser waren als ich. Da ging es immer gut zur Sache, aber es hat Spaß gemacht. Da musste ich mehr schieben oder mit meinen Knien in ihre rein, damit sie ihre Balance verlieren. Ich musste mit Tricks arbeiten, um solche Jungs zu stoppen.

 

Sie und Schrempf haben Dirk Nowitzki den Weg nach Dallas geebnet. Hat er sich schon mal bei Ihnen bedankt? Und schauen Sie sich ab und zu Spiele Ihres Ex-Vereins um Nowitzki an?

Blab: Sie werden lachen: Ich habe noch nie mit ihm geredet. Obwohl er ja ganz in der Nähe spielt. Aber vier, fünf Jahre, nachdem ich 1989 von den Mavericks weggegangen war, hat sich dort einiges getan. Ich kenne heute nur noch eine einzige Person im Klub - und zwar den Radio-Ansager. Das ist ein ehemaliger Mitspieler von mir.

 

Erhalten Sie als ehemaliger Maverick denn keine Karten für die Heimspiele?

Blab: Ich würde schon Karten bekommen. Auch für die San Antonio Spurs, für die ich ebenfalls gespielt habe. Das ist von meinem Wohnort noch näher als nach Dallas. Aber ich war seit 15 Jahren bei keinem Spiel mehr, und auch im Fernsehen schaue ich die NBA nur noch selten. Der Sport ist heute ganz anders als damals, aber faszinierend. Große Leute wie ich müssen von draußen werfen und verteidigen können. Deshalb müssen sie viel beweglicher und athletischer sein, als ich es je war. Aber manchmal ist es mir fast zu maschinell, was die Jungs machen.

 

Sie haben mal gesagt, dass Ihr Herz nicht zu 100 Prozent am Basketball hing. War das der Grund dafür, dass Sie in der NBA über die Rolle des Ersatzmanns nicht hinauskamen?

Blab: Wahrscheinlich. Mit 25 denkt man, man weiß viel, aber im Vergleich zu 55 - mein jetziges Alter - weiß man sehr wenig. Wenn ich zurückblicke: Ich hätte wesentlich weiter kommen können in der NBA, wenn ich mich mehr reingehängt hätte. Im Sommer zwischen meinem zweiten und dritten Jahr bei den Mavericks habe ich sehr hart gearbeitet. Prompt hat sich meine Einsatzzeit erhöht. Wenn ich das jedes Jahr gemacht hätte, wäre ich bestimmt zehn Jahre in der Liga geblieben. Mein damaliger Mitspieler und guter Freund Bill Wennington, ein Kanadier mit ähnlicher Spielanlage, hat mehr gearbeitet - und drei Titel mit Chicago an der Seite von Michael Jordan geholt. Ich hätte das auch schaffen können.
 

Bereuen Sie es, nicht mehr für Ihre Karriere getan zu haben?

Blab: Ich bereue es eigentlich nicht. Dann müsste ich auch bereuen, was in Berlin passiert ist. 1993, nach zwei Jahren bei Alba, habe ich meine Karriere beendet. Ich war erst 31, ich hätte noch ein paar Jahre in mir gehabt. Berlin wollte mich weiterverpflichten und hätte mir gutes Geld gezahlt. Aber ich hatte die Schnauze voll. Dadurch habe ich auch nicht an der EM teilgenommen, bei der Deutschland sensationell den Titel holte.

 

In Ihrer Heimatstadt München.

Blab: Genau. Ich hätte gerne einen EM-Titel in der Vita stehen. Aber im Nachhinein muss ich ganz ehrlich sagen: Ich hatte die Schnauze voll.

 

Stimmt es, dass Sie - um das Werben der Berliner zu beenden - eine enorme Summe als Gehalt aufgerufen haben?

Blab: Ja, das stimmt. Ich saß mit einem Freund in Dallas und nannte Alba eine Summe. Nachdem ich aufgelegt hatte, sagte ich zu ihm: "Ich hoffe, dass das hoch genug war." Und das war es (lacht).

 

Dafür haben Sie zweimal an den Olympischen Spielen teilgenommen - unter anderem 1992 in Barcelona, als die USA das erste Dream Team entsendeten.

Blab: Vier oder fünf Spieler kannte ich sehr gut. David Robinson und Chris Mullin waren meine Teamkameraden, "Magic" Johnson hatte denselben Berater wie ich. Ich wusste, dass wir mit der deutschen Mannschaft keine Chance hatten, obwohl wir uns ganz gut verkauft haben. Der Witz war, dass auch die starken Litauer und Kroaten so extrem unterlegen waren.

 

Schon während Ihrer Karriere arbeiteten Sie nebenbei als Computer-Programmierer. Wurden Sie von Ihren Kollegen nicht belächelt, die sich eher für Autos, Frauen, Geld oder den nächsten Club interessierten?

Blab: Das heißt nicht, dass ich nicht in die Clubs gegangen bin. Aber nicht meiner Frau erzählen! (lacht) Zugegeben: Ich war schon ein Nerd. Aber besonders bei den Mavericks hatten wir viel Spaß und haben auch viel Mist gebaut. Was man halt in dem Alter so macht, insbesondere, wenn man die Möglichkeiten dazu hat. In der NBA habe ich 200.000 Dollar im Jahr verdient.

 

Nach der aktiven Laufbahn fingen Sie als Software-Entwickler in Texas an und hatten zwischenzeitlich auch Ihre eigene Firma. Warum in Texas und nicht im Silicon Valley, wo Unternehmen wie Google, Facebook oder Apple entstanden?

Blab: Kalifornien hat mich noch nie so richtig angemacht. Wir haben uns für Austin entschieden, weil es in der Nähe meiner Schwiegereltern liegt. Die Stadt ist sehr schön, und das Wetter ist toll: richtig heiß im Sommer - man muss halt einen Pool haben -, aber auch kalt im Winter. Ich mag diese Extreme. Die Texaner sind ja ein bisschen als Hinterwäldler verrufen - was auch stimmt. Das sind dann die, die Donald Trump wählen (lacht).

 

Haben Sie inzwischen einen amerikanischen Pass?

Blab: Nein. Vor ein paar Jahren hätte ich meinen deutschen Pass dafür abgeben müssen, das wollte ich nicht. Der hilft bei meinen beruflichen Reisen sehr. Und ich will meine europäischen Wurzeln nicht verlieren.

 

Sie leben mit Ihrer Frau Key abgeschieden in der Natur, fernab der nächsten Nachbarn. Mögen Sie Menschen nicht so oder sind Sie einfach gern allein?

Blab: Ich wollte es schon immer ruhig haben. Wir haben ein Haus mit unwahrscheinlich schönem Blick. Ich sitze gerne im Schatten, man hört nur die Natur. Und Flugzeuge (lacht).

 

Wie konkret ist Ihr Traum von der einsamen Berghütte in Colorado noch - ohne Flugzeuge?

Blab: Das hatte ich mir mal vorgestellt. Ich liebe es, völlig abgeschieden zu sein, ich könnte locker ohne Elektrizität leben. Aber mit 55, im Schnee und ohne Strom so ein Grundstück zu bewirtschaften - ich weiß nicht, ob ich das noch schaffe.

 

Privat mussten Sie einige Schicksalsschläge verkraften. Ihre Mutter starb bei einem Autounfall, 2010 verloren Sie einen Sohn nach einer Auseinandersetzung auf einer College-Feier, bei der er unglücklich auf den Boden prallte. Zu Ihrem Bruder Olaf, mit dem Sie einst in Berlin zusammenspielten, haben Sie seit Jahren keinen Kontakt mehr. Wie schafft man es, da nicht verbittert zu werden?

Blab: Gute Frage. Alle drei Tode waren sehr unerwartet, denn auch mein Vater ist plötzlich verstorben. Er hat an einem Mittwoch die Diagnose Lungenkrebs bekommen, am Samstag bin ich in München gelandet. Da war er schon gestorben. Mein Sohn war zuvor monatelang per Anhalter durch Europa gereist. Wenn es gefährlich gewesen wäre, dann dort. Zu Weihnachten war er zurück in Amerika, als Überraschung für meine Frau. Dort hat er sich dann tödlich verletzt. Aber etwas Positives: Mein Bruder ist vor ein paar Jahren erschienen. Sie haben ihn in Südfrankreich gefunden, weil er einen kleinen Herzanfall hatte. Er wohnte dort ganz einfach in der Natur. Jetzt wohnt er in München. Wenn ich im November nach Deutschland komme, werde ich ihn besuchen.

 

Kehren Sie irgendwann ganz nach Deutschland zurück?

Blab: Meine Kinder sind aus dem Haus. Wenn ich in Rente gehe, würden meine Frau und ich unser Haus gerne behalten. Ich habe aber eine Wohnung in Berlin und eine in München. Vielleicht kaufen wir uns ein Wohnmobil und fahren dahin, wo unsere Kinder sind. So könnte ich mir das vorstellen (lacht).

 

Das Gespräch führte Alexander Petri.