Er: "Wegen ,Kretzsche €˜ setzte ich mich beim Essen um"
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Interview des Monats

Herr Brand, der markante Schnauzbart gehört zu Ihnen wie der Dom zu Köln. Am Anfang Ihrer Karriere hat er Ihnen jedoch mal eine Nacht in der Arrestzelle eingebracht. Warum?

Heiner Brand: (lacht) Das war eine ganz besondere Geschichte. Damals spielte ich in der B-Nationalmannschaft, was heute die Junioren-Nationalmannschaft ist. Wir fuhren mit dem Zug in die damalige Tschechoslowakei, Richtung Pilsen. Bei der Grenzkontrolle stimmte das Passbild in meinem Reisepass, das noch ohne Schnäuzer war, nicht mit dem auf meinem Visum überein. Das war ein Jahr, nachdem ich den Schnäuzer bekommen hatte. Sie sagten: "Das sind Sie nicht!" Mit zwei anderen machten sie das ebenfalls. Wir mussten mitten in der Nacht aus dem Zug steigen und wurden im Nebenraum eines Bahnhofs eingeschlossen. Am nächsten Morgen um sechs wurden wir in einen Bus mit tschechoslowakischen Arbeitern gesetzt, die zwischendurch an ihren Fabriken ausstiegen. Zum Schluss wurden wir an der Grenzstation in Cheb rausgelassen. Sie wollten noch Geld für die Busfahrt haben, da haben wir uns aber geweigert (lacht).

 

Und dann?

Brand: Dann sind wir zu Fuß im dünnen Jäckchen durch das Niemandsland nach Deutschland zurückgegangen. Die Grenzbeamten sagten uns, dass die Tschechen bei jeder Reisegruppe zwei oder drei Leute rausziehen würden. Das war reine Schikane. Wir fragten die Grenzbeamten, was wir machen sollten. Sie rieten uns, die Bärte abzurasieren und ein neues Bild fürs Visum zu machen. Wir wollten unbedingt spielen und haben das gemacht. Dann durften wir rüber und sind mit dem Zug nach Pilsen hinterhergefahren.

 

Nach dem EM-Triumph 2004 in Slowenien haben Sie den Bart dann freiwillig abrasiert.

Brand: Alle Spieler wollten mich ohne Schnäuzer sehen, die kannten mich ja nicht ohne. Da durften alle mal dran schnibbeln. Und 1982, nach einer Meisterschaft mit Gummersbach, ist mein Bart mal für den guten Zweck versteigert worden. Da kamen ein paar Tausend Mark zusammen.

 

Bei der Heim-WM 2007 haben Sie als Bundestrainer mit Ihrer Mannschaft eine bislang ungekannte Handball-Begeisterung entfacht. Das Halbfinale gegen Frankreich verlief mit zwei Verlängerungen dramatisch, und den Finalsieg in Köln gegen Polen sahen in der Spitze 21 Millionen Menschen im Fernsehen. Wie nervenaufreibend haben Sie das Turnier in Erinnerung?

Brand: Obwohl wir nicht zu den Favoriten gehörten, war der Druck von Anfang an sehr groß. Das Eröffnungsspiel gegen Brasilien war in Berlin, und man merkte sowohl der Mannschaft als auch mir an, dass etwas Besonderes auf uns zukam. Wir haben uns in der Vorrunde davon auch nicht lösen können. Erst in der Hauptrunde konnten wir uns befreien, auch wenn das Halbfinale nervlich an die Grenzen ging. Ich habe mir vor Kurzem zum ersten Mal eine DVD von der WM angesehen, um noch einmal die Stimmung zu erleben. Das war wirklich gigantisch damals.

 

Zehn Jahre vor diesem Höhepunkt hatten Sie das Nationalteam als Bundestrainer übernommen - zu einer Zeit, als der deutsche Handball am Boden lag und niemand den Job machen wollte.

Brand: Die Personalsituation war nicht rosig. Ich musste Klaus-Dieter Petersen und Volker Zerbe überreden, noch mal zurückzukommen. Mit welcher Mannschaft wir Turniere gespielt haben! Ich habe in der "Handballwoche" geblättert, um zu gucken, wen ich überhaupt einladen kann (lacht). Ich habe Frank von Behren oder Florian Kehrmann als Zweitliga-Spieler nominiert. Die hatten zwar eine Perspektive, aber noch nicht erfolgreich in der Ersten Liga gespielt. Trotzdem haben wir beim ersten Turnier, der EM 1998 in Italien, eine Bronzemedaille geholt. Wir waren auch danach meist vorne mit dabei, obwohl wir immer großes Verletzungspech hatten. Ein Beispiel: Als ich übernommen hatte, habe ich gesagt: Ich baue eine Mannschaft um Daniel Stephan herum auf. Daniel wurde zwar 1998 Welthandballer, hat verletzungsbedingt aber nie eine WM gespielt.

 

Der langjährige Nationalspieler Stefan Kretzschmar hat die Anfangszeit mit Ihnen als Bundestrainer eine "Katastrophe" genannt. Er sagte: "Da gab's Regeln, die waren schlimmer als beim Militär. Um elf Uhr abends war Bettruhe, und Heiner saß auf dem Flur und hat kontrolliert. Beim Essen durften wir keinen Ketchup nehmen, keine Mayonnaise. Brand war da absolut militant." Waren Sie wirklich so schlimm? Oder eher die Spieler?

Brand: Ich glaube beides. Man muss wissen, dass "Kretzsche", zu dem ich heute ein sehr gutes Verhältnis habe, zu Übertreibungen neigt (lacht). Dass ich als neuer Trainer klare Regeln auf und neben dem Spielfeld aufgestellt habe, ist normal. Eine gewisse Disziplin ist im Mannschaftssport unerlässlich. Mir war wichtig, dass sich die Spieler vernünftig ernähren und sich nicht vor dem Spiel Pommes mit Mayo reinstopfen. Oder dass entsprechende Erholungszeiten, sprich Schlaf, nötig sind. Sicher habe ich mal einen Kontrollgang gemacht, aber ich habe nie auf dem Flur gesessen (lacht). Mit zunehmendem Alter wird man aber ein bisschen lockerer.

 

Mit Kretzschmar hatten Sie schon als Vereinstrainer in Gummersbach Ihre Probleme.

Brand: Es war die Zeit kurz nach der Wende. Ich hatte laut eines DDR-Trainers die drei größten Chaoten des DDR-Handballs im Team (lacht). Stefan, Jörn Schläger und Oliver Plohmann waren in der Kinder- und Jugendsportschule groß geworden. Plötzlich waren sie im Westen, hatten Geld und Freiheiten, und die haben sie sich auch genommen. Sie legten Verhaltensweisen an den Tag, die für mich unvorstellbar waren. Sie merkten, dass mich das aufregte, und provozierten weiter. Es ging so weit, dass ich mich extra umsetzte, um ihnen nicht beim Essen zusehen zu müssen (lacht). Nach einem Trainingslager mit dem VfL holte mich meine Frau am Bus ab und fragte, was mit mir los sei. Ich sagte: "Ich bin vollkommen fertig." Und das hatte nichts mit Handball zu tun.

 

Sie sind ein besonnener Mensch - doch bei der WM 2009 rasteten Sie aus: Mit erhobener Faust stürmten Sie nach einer Niederlage gegen Norwegen auf den Referee zu. Wären Sie beinahe handgreiflich geworden?

Brand: Nein. Ich kann ehrlich behaupten, dass ich mich noch nie in meinem Leben geschlagen habe. Das war eher Frust, ein Gefühl der Machtlosigkeit. Das hätte mir allerdings nicht passieren dürfen, ich habe mich dafür geschämt. Die Szene ist vielen Leuten aber im Gedächtnis geblieben. Als sie bei der "Sportler des Jahres"-Wahl gezeigt wurde, gab es Riesenbeifall - und ich wäre am liebsten unter den Tisch gekrochen, so peinlich war mir das.

 

Wenn Fußballtrainer Jürgen Klopp zähnefletschend auf den Schiedsrichter losstürmt, können Sie ihn also gut verstehen?

Brand: Bei ihm passiert es mir ein bisschen zu häufig (lacht). Auch er ist ja kein Nachwuchstrainer mehr. Dennoch kann ich jeden Trainer verstehen, der mal ausflippt. Durchgehend sollte es aber nicht sein, sonst verliert man an Glaubwürdigkeit.

 

Sie sind in der Stadt geboren, in der in den 70er- und frühen 80er-Jahren die beste Handballmannschaft der Welt zu Hause war. War das bequem, weil Sie in der Heimat bleiben konnten, oder wären Sie gerne mal ins Ausland gewechselt?

Brand: Aus heutiger Sicht schon. Es gab Angebote, aus finanzieller Sicht hätte ich das machen müssen, da bin ich doof gewesen. Im Nachhinein hat sich herausgestellt, dass es vielleicht nicht ganz so falsch war (lacht). Damals war das eigentlich kein Thema. Wir waren alle berufstätig, Studenten oder in der Ausbildung. Das war auch immer im Hinterkopf. Heute sind die Möglichkeiten für junge Spieler, sich weiterzuentwickeln, viel größer.

 

Zu Ihrer aktiven Zeit war der Handballsport noch nicht so professionell wie heute. Die Mannschaften trainierten nicht so oft, und auf der Rückfahrt nach den Auswärtsspielen wurde die eine oder andere Kiste Bier vernichtet.

Brand: Damals war Bier für die Rückfahrt etwas Normales, das gehörte dazu. Es gab in Minden mal einen Trainer, der Bier im Bus verboten hatte. Da haben wir drüber gelacht, weil das so außergewöhnlich war (lacht). Diese Zeit hatte sicherlich ihren Charme, weil auch nicht jeder ein Handy hatte und Fotos machte. Ich habe mich später mal mit dem ehemaligen Fußball-Bundestrainer Berti Vogts unterhalten, der auf einer Raststätte die Mannschaft der SG Flensburg-Handewitt getroffen hatte. Er war völlig entsetzt, dass die Bier tranken (lacht).

 

Die unbeschwerte Zeit als Handballer nahm 1979 ein jähes Ende, als Ihr Teamkollege Joachim Deckarm bei einem Europapokalspiel in Tatabanya in Ungarn schwer auf den Kopf stürzte, lange im Koma lag und seitdem auf fremde Hilfe angewiesen ist. Wie lange hat es gedauert, bis Sie nicht mehr an den Unfall denken mussten?

Brand: Das war ein Schock. "Jo" war 25, ich schon 26. In diesem Alter denkt man ja, dass man unantastbar ist. Plötzlich denkt man über einige Dinge anders nach. Die genaue Zeit kann ich nicht angeben, aber es hat gedauert, bis man wieder ganz frei gespielt hat. Es gab bestimmte Situationen, wo das bedingungslose Reingehen in eine Lücke nicht mehr da war. Wenn man diese Geschichte rational betrachtete, wusste man aber, dass der Unfall ein Zusammentreffen vieler unglücklicher Umstände war.

 

Ihr Sohn Markus hat mit Handball nichts am Hut - er entwickelt mit seiner Frau Inka Gesellschaftsspiele und wurde mehrfach ausgezeichnet. Wie oft müssen Sie als Testspieler ran?

Brand: Mit meiner Frau habe ich jetzt erst die Einführung des zum "Kennerspiel des Jahres" gekürten "Exit" gemacht. Es geht darum, sich aus einer Situation zu befreien, indem man Rätsel löst. Ansonsten bin ich nicht so der Typ für Gesellschaftsspiele. Meist ist mir das auch zu kompliziert: Ich lese mir eine Stunde lang die Spielregeln durch, und dann habe ich keine Lust mehr (lacht). Ich finde es aber toll, wenn jemand so etwas kann und Ideen entwickelt. Mir fehlt diese Fähigkeit komplett (lacht). Markus' Kinder haben auch schon zwei Spiele entwickelt, die spiele ich mit ihnen.

 

Zum Schluss noch ein Ausblick auf die EM in Kroatien, die am Wochenende beginnt: Hat die deutsche Mannschaft das Zeug dazu, ihren Titel zu verteidigen?

Brand: Mit dem Kader, den zwei sehr guten Torhütern und der starken Abwehr wird man vorne dabei sein und auch dabei sein müssen. Aber ein Selbstläufer wird es nicht. Ich muss zugeben, dass ich mich nicht mehr so intensiv mit den Nationalmannschaften beschäftige. Die Franzosen sind aber sicher ein heißer Titelanwärter. Die Norweger kommen mit jungen Leuten, und Kroatien hat den Heimvorteil.

 

Das Gespräch führte Alexander Petri.