Eddy: "Ich hatte den Willen,  alles zu gewinnen"
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Eddy

Rad an Rad mit der Legende" wirbt die Urlaubsregion Fuschl am See. Gemeint ist damit eine Ausfahrt mit dem wohl größten Radsportler aller Zeiten, Eddy Merckx. Der Belgier gewann in seiner einmaligen Karriere alles, was es im Radsport zu gewinnen gibt. Er feierte Erfolge bei Klassikerrennen, großen Rundfahrten und Sechstagerennen. Merckx siegte je fünfmal bei der Tour de France und dem Giro d'Italia. Der heute 72-Jährige dominierte zwischen 1964 und 1976 alles - gewann Sprints, siegte bei Bergetappen und war im Zeitfahren nicht zu schlagen. Noch heute hält er zahlreiche Rekorde im Radsport, unter anderem feierte er 525 Siege auf der Straße und 34 Etappenerfolge bei der Tour de France. Das Gelbe Trikot trug er 96 Tage lang. Wegen seines Siegeshungers wurde er der "Kannibale" genannt. Kein Wunder, dass Merckx vom Radsport-Weltverband zum besten Radrennfahrer des 20. Jahrhunderts gekürt wurde.

Einmal im Jahr können Radsportler aus aller Welt in der Nähe von Salzburg, in Fuschl am See, auf Tuchfühlung mit Merckx gehen. Die Vip-Ausfahrt am Samstag und das Radrennen am Sonntag werden seit elf Jahren immer traditionell Mitte September ausgerichtet. Nach der Vip-Ausfahrt warten die Teilnehmer gebannt auf den Stargast. Er erscheint mit Hemd und Jeans, ganz leger. Mit unserer Zeitung hat der Belgier eines seiner seltenen Interviews geführt - auf Deutsch.

 

Herr Merckx, ein ungewohntes Bild, Sie hier nicht im Radtrikot zu sehen.

Eddy Merckx: Zurzeit kann ich leider nicht Rad fahren. Ich hatte vor Kurzem eine Operation. Deshalb muss ich derzeit pausieren.

 

Aber sonst fahren Sie schon noch?

Merckx: Natürlich, das Radfahren ist Teil meines Lebens, und ich bin die vergangenen Jahre auch regelmäßig gefahren (zuletzt waren es etwa 7000 Kilometer pro Jahr, d. Red.).

Merckx ist schnell umringt von Fans und Autogrammjägern. Ein älterer Mann steuert mit einem Bündel von alten Fotos zielstrebig auf ihn zu. "Herr Merckx, ich habe Sie erstmals 1971 getroffen, damals in Dortmund", erzählt er mit leuchtenden Augen. Merckx lächelt und schwelgt mit dem Fan etwas in alten Zeiten. Er genießt den Rummel um seine Person, ist nahbar und für seine Anhänger da. Ein Idol zum Anfassen. Dabei, so heißt es, ist er in Belgien bekannter als der König.

Herr Merckx, können Sie sich in Belgien überhaupt noch auf die Straße trauen?

Merckx: So weit geht das nicht. Aber wenn ich ein Radrennen besuche, dann ist das etwas anderes. Die Menschen erkennen mich natürlich. Die Leute machen Selfies, wollen Autogramme und mit mir sprechen. Das geht den ganzen Tag so.

 

Kein Wunder, schließlich sind Sie eine lebende Legende und stehen auf einer Stufe mit dem Boxer Muhammad Ali oder dem Fußballer Pelé.

Merckx: Das ist jetzt etwas übertrieben. Ich war nur der Beste im Radsport.

 

Wann haben Sie mit dem Radsport begonnen?

Merckx: Mit 16 Jahren. Zuvor habe ich andere Sportarten betrieben. Ich habe Basketball oder Fußball gespielt oder bin geschwommen. Aber nur Basketball habe ich wettkampfmäßig betrieben.

 

Warum haben Sie erst so spät mit dem Radsport angefangen?

Merckx: Ich konnte frühestens mit 16 Jahren eine Rennlizenz beim belgischen Verband lösen.

 

Es heißt, dass Ihre Eltern zu Beginn nichts davon wussten, dass Sie Rennen fahren würden.

Merckx: Das stimmt nicht. Mein Vater wusste es von Anfang an. Er musste ja für meine Lizenz unterschreiben.

 

Und dann fuhren Sie auch gleich die ersten Rennen.

Merckx: Das ging schnell. Im Juli 1961 fuhr ich mein erstes Rennen.

 

Das Sie auch gleich gewannen?

Merckx: Nein, da war ich noch nicht so weit: Ich hatte nicht speziell dafür trainiert. Ich bin dann 1961 noch 13 Rennen gefahren. In einem stand ich dann tatsächlich als Sieger fest. Im Winter darauf bin ich dann auf die Bahn und habe dort die ganze Zeit trainiert. 1962 bin ich dann erstmals Belgischer Meister geworden. Das war quasi der Startschuss für meine Karriere.

Es war der Beginn einer Laufbahn, die wohl nie wieder ein Radsportler wiederholen wird. Mit 19 Jahren gewann Merckx die Amateurweltmeisterschaft - als damals jüngster Fahrer in der Geschichte. Zum Profi-Weltmeister kürte er sich drei Jahre später. Den Giro d'Italia gewann er erstmals 1968. Merckx galt deshalb auch als Favorit für die Tour de France im Jahr darauf. Dennoch begann das Jahr 1969 schlecht für Merckx. Der Belgier wurde aus dem Giro d'Italia ausgeschlossen, weil es einen positiven Dopingtest gab, den Merckx stets dementierte und Manipulationsvorwürfe aufwarf. "Der Spiegel" vom 14. Juli 1969 wusste zu berichten: "Mehr als 10 000 Merckx-Anhänger setzten die Funktionäre auf dem ,Platz der Märtyrer' (in Belgien, d. Red.) durch Sprechchöre und Transparente ( ...) unter Druck. Die Sperre wurde verkürzt". So durfte Merckx trotzdem bei der Tour starten - und gewann mit 18 Minuten Vorsprung.

Herr Merckx, woher kommt es, dass Sie so viele Rennen in Ihrer Karriere gewinnen konnten?

Merckx: Das ist mein Naturell. Ich wollte in meinem Leben alles gewinnen: Rundstrecken, Klassikerrennen, Bergrennen, Sprints. Egal, wo ich am Start war, ich wollte einfach nur siegen.

 

Was sind denn die Zutaten für eine solche Karriere?

Merckx: Nun, zum einen war der Radsport natürlich mein Leben, meine Passion. Das mache ich gerne. Ich habe dem Radsport alles untergeordnet. Das beginnt bereits bei der Vorbereitung. Ich trainiere gerne. Und ich hatte dazu den Willen, alles zu gewinnen. Und auch das Talent dafür. Es war vermutlich eine Kombination aus allem: dem Willen, dem Talent und dem Einsatz. Und ich habe immer gesund gelebt. Wenn eine dieser Komponenten nicht passt, wird man nicht so weit kommen. Wenn man von Natur aus nicht gemacht ist für den Radsport, dann schafft man dies auch nicht. Genauso, wenn der Wille fehlt oder man nicht hart genug dafür trainiert.

 

Dabei fuhren Sie teilweise auch unter Umständen, unter denen viele längst aufgegeben hätten. Beispielsweise 1975, als Sie bei der Tour de France am Fuß des Col du Télégraphe stürzten und aufs Gesicht fielen.

Merckx: Mit Brüchen im Gesicht (einem doppelten Bruch an Wangenknochen und Kiefer, d. Red.) weiterzufahren, war im Nachhinein ein Fehler. Aber ich habe zu diesem Zeitpunkt noch auf den Gesamtsieg bei der Tour de France gehofft.

Bis zum Ende der Etappe mussten die Fahrer noch 225 Kilometer zurücklegen. Trotz Brüchen im Gesicht jagte Merckx den damaligen Spitzenreiter Bernard Thévenet. Auch auf Anraten seiner Ärzte fuhr Merckx weiter und beendete die Tour de France. Thévenet gewann zwar die Rundfahrt, Merckx wurde trotz der Verletzungen Zweiter mit knapp drei Minuten Rückstand. Mit dieser Aktion manifestierte Merckx seinen Siegeswillen, den er sich über die Jahre zuvor aufgebaut hatte. Alles dem Erfolg unterzuordnen, war sein Markenzeichen. 1972 startete er in einem Jahr bei 120 Rennen und gewann davon 54. Aus dieser Zeit erhielt der Belgier auch einen Spitznamen, der ihn bis heute begleitet.

Herr Merckx, woher kommt der Name der "Kannibale"?

Merckx: Ich war am Start eines Rennens. Einer der Fahrer, Christian Raymond, sagte zu seiner Tochter: "Das ist der Mann, der immer alles gewinnen will." Sie antwortete darauf: "Das ist dann ein Kannibale."

 

Heute wäre es undenkbar, dass jemand nochmals den Radsport so dominiert wie Sie.

Merckx: Nein, unvorstellbar wäre das heute nicht.

 

Aber warum passiert das nicht mehr?

Merckx: Es müsste möglich sein, dass ein Radprofi an so vielen Rennen teilnimmt und das auch erfolgreich. Aber die heutigen Radprofis haben alle ihre speziellen Wettkämpfe. Sie konzentrieren sich entweder auf die Klassikerrennen im Frühjahr oder auf die großen Rundstreckenrennen wie die Tour de France. Sie sind Sprinter oder Kletterer oder fahren auf das Gesamtklassement. Sie haben sich also alle ihre Nische gesucht.

 

Vermissen Sie deshalb etwas Ihre Zeit?

Merckx: Ja, in diesem Punkt schon. Ich bin jedes Rennen gefahren, egal, ob es auf der Bahn oder auf der Straße war. Das ganze Jahr über war ich aktiv und erfolgreich.

 

Dazu waren Ihre Rennen nicht so stark von Taktik geprägt. Heute fährt jeder mit Watt- und Herzfrequenzmesser sowie großen Teams im Rücken.

Merckx: Bergauf müssen die heutigen Radprofis ja trotzdem noch fahren (lacht). Es ist ja nicht so, dass die heutigen Radprofis deshalb schlechter sind. Sie müssen trotzdem viel trainieren, aber heute sind die Rennen mit den Teams und den Wattmessern viel mehr geplant als früher, das stimmt.

Die großartige Karriere Merckx' hat aber auch ihre Schattenseiten. Dreimal wurde der Belgier in seiner Karriere positiv auf Dopingmittel getestet. Beim ersten Mal, 1969, betonte Merckx immer seine Unschuld, 1973 und 1977 wurde er bei den Eintagesrennen Lombardei-Rundfahrt und Wallonischer Pfeil positiv getestet. Nach seinem Karriereende wurde auch bekannt, dass Merckx Corticosteroide nahm. Diese wurden allerdings erst 1980 verboten. Dazu warb Merckx auch für Produkte, zu denen heutzutage kein Radsportler mehr eine Verbindung haben wollen würde.

Herr Merckx, rauchen Sie noch?

Merckx: Warum sollte ich rauchen?

 

Sie haben doch für die Zigarettenmarke R 6 geworben.

Merckx: Ach, Sie meinen das. Ich habe noch nie in meinem Leben geraucht, immer gesund gelebt. Aber der Zigarettenhersteller hat viel dafür bezahlt, dass ich für sie werbe. Im Nachhinein war es aber ein Fehler. Das war nicht gut.

Seinem Heldenstatus unter den Radsportlern tun diese Aspekte allerdings keinen Abbruch. Im Gegenteil: Wo Merckx im Salzburger Land auf Radfahrer trifft - sie halten an. Wer schüttelt nicht gerne die Hand einer Legende - vor allem die Radsportler freuen sich besonders, die beim Rennen, dem Eddy Merckx Classic, auf dem Podium stehen. Ihnen gratuliert Merckx persönlich für ihre Leistung. Und ein klein wenig treten sie dann auch in die Fußstapfen des Kannibalen.

Das Gespräch führte Timo Schoch.