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Kühbach: Fast sechs Stunden lang beste Unterhaltung
Einfach nur glücklich: der neue Deutsche Supermittelgewichtsmeister Roman Hardok mit Gürtel und Freundin Ella. - Foto: S. Kerpf
Kühbach
  • 18.50 Uhr: Noch zehn Minuten bis zum offiziellen Beginn des Kampfabends. Die TSV-Arena: bereits gut gefüllt. Am Ende werden es über 800 Zuschauer sein, die sich die Boxsportpremiere in der eigentlichen Stockschützenhalle nicht entgehen lassen wollen. "Wir sind sehr angetan", so Manuel Grötschl, der Marketingchef vom Veranstalter "Haan Promotion", schon jetzt.

 

  • 19.01 Uhr: Keine Spur von einem Beginn. Man isst, man trinkt, man unterhält sich noch. Beziehungsweise man spielt - im Falle von Hardok - noch ein bisschen mit dem eigenen Mobiltelefon. Nervosität ist beim 24-Jährigen, der ja später am Abend noch um den Deutschen Meistertitel im Supermittelgewicht kämpfen wird, nicht erkennbar. Der Augsburger wirkt entspannt, lächelt, genießt die Anwesenheit von Freundin Ella. "Mich bringt nichts so schnell aus der Ruhe", verrät er: "Ich bin eher eine tickende Zeitbombe." Die dann eben im Ring explodiert.

 

  • 19.23 Uhr: Rupprecht ist derweilen immer noch nicht zu sehen. Die Blondine, für die es im Hauptkampf dann um den WBC-Interims-Welltmeistertitel in der "Minimumweight"-Gewichtsklasse gehen wird, sucht lieber die Ruhe - irgendwo in den Katakomben. Oder ist sie mit Haareflechten beschäftigt - wie am Vortag, beim offiziellen Wiegen, angekündigt? Ihr Freund, der Kreisklassenfußballer Tobias Wieland vom TSV Inchenhofen, hat jedenfalls gerade andere Probleme: "Es sind so viele Bekannte da, die ich noch mit Karten versorgen muss", verrät er. Das lenkt wenigstens ab.

 

  • 19.40 Uhr: Tina Schüßler lächelt erwartungsfroh. Die Weltmeisterin im Kickboxen, Profiboxen und K-1 steht nämlich vor einer Premiere - sie steigt an diesem 2. Dezember 2017 zur weltweit ersten Ringsprecherin auf. "Alles ganz easy, bei meinen Kämpfen habe ich mehr Ameisen im Bauch", sagt sie - um danach doch sofort wieder auf ihre Spickzettel zu schauen.

 

  • 19.46 Uhr: "Guuten Aaabend, Kühbach."Alexander Bertsch, Manager von "Haan Promotion", spricht diesen Satz - um das Mikro an Schüßler weiterzugeben. Also endlich geht's los! Auch Cheftrainer Alexander Haan spricht noch ans Publikum, aber nicht viel: "Meine einzige Bitte ist, dass Sie wirklich alle Kämpfer mit Applaus verabschieden. Und jetzt bin ich fertig, ich gehe zurück in meine Arbeitskabine."

 

  • 19.51 Uhr: "Lasst uns das Adrenalin zum Kochen bringen", schreit Schüßler - um danach sofort lachend feststellen zu müssen, dass sie hierbei eine Fliege verschluckt hat.

 

  • 19.56 Uhr: Endlich fliegen auch die Fäuste. Mohammed Noma, ein einstiger Flüchtling aus Afghanistan, feiert im Mittelgewicht sein Profidebüt gegen den Bosnier Dragan Pesic. Der 19-Jährige macht das sogar richtig gut - schlägt seinen Kontrahenten zunächst kurzzeitig aus dem Ring und dann, in der zweiten Runde, sogar komplett K.o. Trotzdem entsetztes Kopfschütteln gerade bei den weiblichen Zuschauern: Dass das blonde Nummerngirl in den Ringpausen keine High Heels trägt, das geht ihrer Ansicht überhaupt nicht. Schwarze Sportschuhe zu gewagtem Outfit inklusive Netzstrumpfhose - ein No Go.

 

  • 20.10 Uhr: Schwergewicht ist angesagt. Dicke Jungs, mit ordentlich Bums in den Armen. Normalerweise. Sportsfreund Emir Islamovic hinterlässt jedoch sofort den Eindruck, als sei er aus einer Fast-Food-Filiale entführt worden und habe sich jetzt unabsichtlich in den Ring verlaufen. Drei leichte Tatscher von Rudolf Josic reichen dann schon aus, dass sich der Bosnier nach nur rund zehn Sekunden in den Ringstaub setzt - und keine Anstalten mehr macht, aufzustehen. Also offiziell K.o. Der arme Josic würde gerne weiterkämpfen.

 

  • 20.22 Uhr: Erstmals spritzt das Blut bei diesem Boxevent - und zwar aus der Nase von Rustam Shamilov. Den Halbschergewichtler hindert es aber nicht daran, seinen Kontrahenten Filipe Da Silva trotzdem durch technischen K.o. zu besiegen.

 

  • 20.41 Uhr: Erleichterung vor allem bei den weiblichen Zuschauern - denn beim Cruiserkampf zwischen Igor Kolomentschikov und Muhammad Ali Durmaz kommt ein neues Nummerngirl zum Einsatz. Mit gefährlich hohen Heels, mit eeewig langen Beinen - was dann eben auch die männlichen Besucher gerne zur Kenntnis nehmen. Übrigens, so am Rande: Kolomentschikov gewinnt bei seinem Profidebüt durch technisches K.o.

 

  • 20.51 Uhr: Pause ist angesagt, schließlich soll der TSV Kühbach auch ein bisschen was durch Getränke- beziehungsweise Essensverkauf verdienen. Und das tut er, an den Ständen herrscht Hochbetrieb. TSV-Stockschützenchef Anton Stadlmair, also quasi der Hausherr der Arena, atmet auf: "Es läuft alles. Wahnsinn, was wir da wieder auf die Beine gestellt haben!" Stefan Schneider ist ebenfalls angetan: "Das Miteinander bei uns kann man gar nicht hoch genug loben. Ich hätte nichts dagegen, wenn das nicht das letzte Boxevent bei uns ist", so der TSV-Klubboss.

 

  • 21.29 Uhr: Es gibt wieder Neues aus dem Lager der Nummerngirls. Die Blondine aus den ersten Fights gibt es jetzt, beim Damenkampf im Superbantamgewicht zwischen Tanja "Black Panther" Zrazhevskaya und Oksana "Amazone" Romanova, plötzlich auch in hohen Hacken zu sehen - also nicht mehr in Sportschuhen. Trotzdem sehenswerter: die technisch hochwertige Darbietung der beiden boxenden Frauen. Zrazhevskaya setzt sich am Ende nach Punkten durch.

 

  • 21.47 Uhr: Hardok ist dran, gegen Jakob Jakobi aus Neumünster soll nun der Deutsche Meistertitel im Supermittelgewicht her. Freundin Ella verfolgt's stehend und filmt begeistert mit der Handykamera, wie ihr Liebling sein Gegenüber aus Schleswig-Holstein regelrecht verprügelt. So blutet Jakobi sehr schnell - um in der zweiten Runde endgültig krachend zu Boden zu gehen. Nein, kurzzeitig sieht's überhaupt nicht gut für ihn aus, regungslos liegt er da. Die medizinische Versorgung funktioniert jedoch reibungslos, der Ringarzt ist sofort zur Stelle. Prompt gibt's Entwarnung - sowie für Hardok den Meistergürtel.

 

  • 22.06 Uhr: Wieder Pause. Hardok mischt sich unters Volk, muss viele Hände schütteln, wird geherzt und fotografiert. "Ich traue es mich gar nicht zu sagen, aber das war noch nicht einmal ,volle Pulle' von mir", so der Augsburger. Ja, er ist in diesem Moment glücklich. "Durch diesen Titel werden mir jetzt zweifellos so manche Türen geöffnet", glaubt der 24-Jährige. Im Jahr 2018 "etwas Internationales" machen dürfen, einen Kampf im Ausland - das wäre sein Traum. Mitleid mit Gegner Jakobi? Fehlanzeige. "So ist eben der Sport", meint Hardok ganz trocken - während der Mann aus Neumünster immer noch ungläubig den Kopf schüttelt: "So eine Klebe habe ich meiner gesamten Boxkarriere noch nie gekriegt."

 

  • 22.37 Uhr: Schwäbisches Firmenboxen steht auf dem Programm. Beziehungsweise das Duell zweier Chefs, dreimal zwei Minuten lang. Den anwesenden Angestellten von ihnen gefällt's vielleicht. Aber irgendwie nur ihnen. Der sportliche Wert dieser 360 Kampfsekunden: nahezu Null.
 

 

  • 22.52 Uhr: Umbau im Ring - weil Schüßler nun singen will. Gemeinsam mit ihrer Band "Backdoor Connection" gibt's die Premiere von "Du weißt, wir sind Sieger" - und wie die 43-Jährige den Song performt, das hat schon was. Nur schade, dass kurz vor Schluss urplötzlich die Technik streikt.

 

  • 23.06 Uhr: "Küüühbaaacher, seid Ihr bereit?" Es wird zeigt für den absoluten Höhepunkt des Abends, nämlich Rupprechts WM-Fight gegen die Französin Anne-Sophie Da Costa. In der Arena herrscht Gänsehautstimmung, beim Einmarsch der Kämpferinnen erhebt sich das Publikum.

 

  • 23.18 Uhr: Die Nationalhymnen sind nun auch gespielt. "Let's shake the ground", ruft Schüßler noch ins Mikrofon. Rupprechts Freund Tobias sowie ihre Schwester stehen aufgeregt fast ganz vorne am Ring. Es kann los gehen.

 

  • 23.20 Uhr: "Tiny Tina" befindet sich unter frenetischen Anfeuerungsrufen sofort im Vorwärtsgang, fast schon zu forsch. Prompt fügt sie Da Costa mit einem unabsichtlichen Kopfstoß eine Platzwunde zu. Der WM-Kampf hat also sehr schnell auch eine blutige Note.

 

  • 23.46 Uhr: So sehr sich die Französin wehrt - Rupprecht besitzt trotzdem Vorteile. Als dann vor den beiden letzten Runden das offizielle Zwischenergebnis durchgesagt wird (78:73, 77:74, 79:72 - stets aus Sicht der Augsburgerin), ist klar: Nur mehr ein unerwarteter Knock-out könnte den Sieg der 25-Jährigen verhindern.

 

  • 23.49 Uhr: Der Kampf ist aus - und Rupprecht springt sofort freudestrahlend auf die Ringseile. Sie weiß: Der Interims-WM-Gürtel des "World Boxing Councils" gehört nun ihr. Die Abschlusswertungen: 98:91, 97:92, 99:90. Eine klare Sache.

 

  • 23.53 Uhr: Da Costa sagt noch fair "Congratulations", der Rest ist für Rupprecht einfach nur Feiern. Sowie Selfies mit Fans machen müssen, Hände schütteln, umarmt werden, Bussis bekommen. Von einem Sponsor gibt's zudem ein schnittiges, weißes Auto als Geschenk. Also ein Abend wie gemalt für "Tiny Tina". Wenn nur ihr Freund nicht plötzlich verschwunden wäre. "Wo ist Tobi", fragt sie traurig.

 

  • 0.07 Uhr: Inzwischen ist Wieland natürlich wieder da, umarmt seine Freundin, auch für einen kurzen Kuss ist Zeit. "Ich bin so stolz, ich wollte diesen Gürtel unbedingt", verrät die 25-Jährige anschließend: "Und das Publikum hier in Kühbach hat mich toll gepusht."

 

  • 0.22 Uhr: Auch von Cheftrainer Haan fällt nun alle Anspannung schön langsam ab. "Es ist besser gelaufen, als ich gedacht habe", räumt er ein: "Wobei ich vor Tinas Kampf definitiv ein bisschen nervöser war als vor Romans." Sagt's und genießt mit Grötschl endlich einen ersten kleinen Schluck Siegerbier. "Hier in Kühbach waren alle extrem freundlich, unkompliziert und hilfsbereit", zeigt sich der Marketingchef beeindruckt: "In der Großstadt habe ich das in der Form noch nie erlebt." Haan sieht's ebenso: "Es war super in Kühbach, ich würde gerne sehr bald wieder hierherkommen."

 

  • 0.36 Uhr: Rupprecht-Freund Wieland sitzt allein im Zuschauerbereich und genießt einen Hähnchenburger, während seine Tina immer noch Hände schütteln und als Fotomodell dienen muss. "Ich bin so stolz auf sie", sagt er gerührt. Die Halle ist mittlerweile fast schon leer. Ein denkwürdiger Abend im Wittelsbacher Land neigt sich langsam dem Ende zu.