Neuburg: Andrea Wesp hat ein neues Arbeitsgerät
Tolle Körperbeherrschung: Andrea Wesp hat im Fahrradtrial internationale Erfolge gesammelt und den Motorclub Neuburg bekannt gemacht. - Foto: kx
Neuburg

Auf den ersten Blick betrachtet hat sich die Ausrüstung etwas geändert. War das Arbeitsgerät früher ein kleines Fahrrad mit kleinen Reifen, ist es heute ein großes Fahrrad mit großen Reifen - und einem Sattel. Den suchte man bei Andrea Wesps Trial-Rädern nämlich vergeblich. Genauso wie die Federgabeln ihres neuen "Fullys", auch die gibt es bei den kleinen Trialbikes nicht. Doch die Unterschiede der Sportarten Fahrradtrial und Enduro-Mountainbike sind weitaus größer, als der Laie mit einem flüchtigen Blick auf die Vehikel zu erkennen vermag.

Beim Fahrradtrial spielen Gleichgewichtssinn und Kon-trolle über den Körper eine wesentliche Rolle. Andrea Wesp war, im wahrsten Sinne des Wortes, eine echte Meisterin dieser Sportart, in der die Athleten mit ihren Fahrrädern festgelegten Kursen folgen und Hindernisse überwinden müssen. Fahrradtrial ist deshalb ein sehr akrobatisch anmutender Sport. 13 Jahre lang erklomm die Neuburgerin mit ihrem Fahrrad Betonblöcke, hüpfte auf und über Reifen und andere Hindernisse und durfte dabei nie einen Fuß auf den Boden setzen - andernfalls gibt das im Trialsport nämlich Strafpunkte. Wesps Talent, in kürzester Zeit mit so wenig Fehlern wie möglich die vor ihr liegenden Sektionen zu meistern, wurde schnell erkennbar. So holte sie für den Motorclub Neuburg (MCN) bereits im Jahr 2009 den ersten Deutschen Meistertitel der Frauen - wohlgemerkt war sie damals erst 15 Jahre alt, die Konkurrenz älter und deshalb teils wesentlich erfahrener. Beste Fahrradtrialerin der Bundesrepublik wurde sie auch in den Jahren 2010, 2013 und 2014. Damit aber noch nicht genug.

Schnell reichte ihr der nationale Wettbewerb nicht mehr, weshalb sie sich bei Worldcups und Weltmeisterschaften der Konkurrenz aus aller Herren Länder stellte - und bald wieder an der Spitze mitmischte. Schon 2011 reiste sie ans andere Ende des Erdballs nach Kanada, nahm an der dort ausgetragenen Weltmeisterschaft teil und kam als Neuling auf internationaler Bühne gleich auf Platz sechs. Im Jahr darauf wurde sie bei der in Deutschland ausgetragenen Europameisterschaft Dritte, gewann das belgische Rennen des Worldcups und kam auf Gesamtrang zwei der Serie. Karrierehöhepunkt war dann die Weltmeisterschaft 2012 in Österreich, wo die damals 17-Jährige sensationell auf den zweiten Platz kam.

Im Jahr 2015 stand für Wesp bereits fest, dass sie sich aus dem Wettkampfgeschehen im Fahrradtrial zurückziehen würde - wie so oft bei jungen Erwachsenen, war es der Beruf, der mehr und mehr Zeit verschlang. So auch bei der damals 19-Jährigen, die ihren Brief als Industriemeisterin Metall erwarb. Einen Abschlusswettkampf gab es da aber noch: Die Europameisterschaft wurde vor zweieinhalb Jahren in Italien ausgetragen, Andrea Wesp wollte ihren Sportskameradinnen dort stilecht Servus sagen. Am Ende kam sie bei diesem Wettbewerb auf Rang vier. Das ärgert sie immer noch ein wenig. "Mir haben nur zwei Punkte gefehlt, und ich wäre auf Platz drei gekommen", erklärt sie und rümpft ob des verpassten Stockerlplatzes heute noch etwas die Nase. Auf ihre 13 Jahre als Trialfahrerin blickt sie insgesamt aber gerne zurück. "Ich bin nicht gerade unzufrieden damit", sagt sie bescheiden.

Und nun Enduro-Mountainbike. Auf den ersten Blick sehr ähnlich, bei genauer Betrachtung aber doch ganz anders als gewohnt. In dieser Disziplin geht es darum, mit einem Geländerad, das vorne und hinten mit großen Federn ausgestattet ist - daher der Name "Fully" für vollgefedert - einen festgelegten Kurs so schnell wie möglich zu bewältigen. Die Serie "Enduro One", bei der Andrea Wesp an den Start geht, beschreibt den Grundgedanken so: "Das Profil der Veranstaltungen spiegelt die Idee des Mountainbikens in seinen Grundzügen wider." Soll heißen: Die Teilnehmer rasen auf ihren Gefährten nicht nur bergab, sie müssen sich auch aufwärts kämpfen und bei manchen Abschnitten Aufgaben bewältigen, wie zum Beispiel Sprünge über Rampen zeigen. Von den Anforderungen her passt der Sport genau in Andrea Wesps Profil. Es ist dem Trialfahren nicht ganz unähnlich, eigentlich aber auch komplett anders.

Das sieht man nicht zuletzt auch an der Arbeitskleidung. Statt eines herkömmlichen Fahrradhelms trägt sie nun einen Schutz, der den gesamten Kopf, also auch die Gesichtspartie, bedeckt. Protektoren an Arm- und Beingelenken sowie ein Rückenpanzer gehören ebenso dazu - die Tage des leichten Sportdresses sind definitiv vorbei.

Zu ihrem neuen Hobby ist Andrea Wesp vor längerer Zeit gekommen. "Ich bin eigentlich schon immer mit dem Mountainbike unterwegs gewesen. Ich hab da so eine Clique, mit der ich hier in der Gegend oft fahre und trainiere", erzählt sie. So schien es irgendwann natürlich logisch, sich auch bei Wettbewerben mit der Konkurrenz zu messen. Das hat im vergangenen Jahr schon ganz gut geklappt - die Neuburgerin war bereits in Wildschönau, am Ochsenkopf und in Aschau sowie beim Drei-Länder-Enduro-Trail am Reschenpass unter den Teilnehmern. Heuer will Wesp die Enduro-One-Serie ernsthafter angehen, weshalb sie bereits jetzt schwer im Training ist. Das führt sie aktuell aber nicht so oft hinaus in die Natur, wie sie gerne möchte. "Bei dem Wetter zurzeit ist das extrem nervig. Ich bin gerade viel im Fitnessstudio und mache Spinning und Kraft- und Ausdauertraining." Wenn es die Witterung zulässt, denn gehe es aber auch zum ,Kilometer zählen' nach draußen."

Als Ausgleich zur Vorbereitung auf die Wettbewerbe im Sommer und dem Alltagsstress in der Arbeit kehrt Wesp aber auch gerne zu ihren Wurzeln zurück - zumindest fast. Bei ihrem Heimatverein, dem Motorclub Neuburg, hat sie sich der Motorradtrial-Abteilung angeschlossen. "Das war eine ganz schöne Umstellung. Mein Trialrad früher wog sieben Kilo, das Trialmotorrad wiegt 70 Kilo. Als ich es zum ersten Mal ausprobiert habe, stand ich wie ein Anfänger auf der Maschine", sagt die Neuburgerin und muss hierbei lachen. Ihr gefalle es sehr gut. "Ganz kann ich es mit dem Trial eben doch nicht lassen", sagt sie.