Crossrennen: Fräulein Querfeldein
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Crossrennen
 In der letzten Runde war Luisa Beck an einem entscheidenden Punkt angekommen. Eigentlich war sie zu den deutschen Cyclocross-Meisterschaften in Bensheim nicht mit Ambitionen aufs Podest angereist. Platz vier bis sechs, das sollte es schon sein. Im vergangenen Jahr war sie am Ende Vierte geworden. Aber da war eben auch Lisa Brandau, die Siegerin von 2016, die im Vorjahr nicht in Bensheim angetreten war und nun wieder an den Start ging. "Ich hatte meine Chancen eher gering gesehen", sagt Beck. Doch das Rennen lief gut, die 28-Jährige kam mit der Strecke gut zurecht und behauptete sich lange im vorderen Feld.


Die letzten Runden entwickelten sich zu einem Dreikampf um Bronze, an vorderster Front fuhr Brandau ihrem erneuten Meistertitel schon längst entgegen. Kurz vor Schluss wurde aus dem Dreikampf ein Zweikampf, und dann brach die letzte Runde an. Luisa Beck gegen Stefanie Paul, es galt nun, den Kurs sauber zu Ende zu bringen, aber natürlich auch, nicht an Geschwindigkeit zu verlieren. Und vor allem: die Nerven zu behalten. "Ich hatte das Glück auf meiner Seite", beschreibt Beck, was danach passierte, es lässt sich schnell zusammenfassen: Konkurrentin Paul stürzte zweimal, Beck fuhr die Runde konzentriert zu Ende und sicherte sich mit Platz drei den größten Erfolg ihrer bisherigen Karriere. 54:57 Minuten lautete Becks Zeit, knapp drei Minuten langsamer als die Siegerin Lisa Brandau, aber eben auch 16 Sekunden schneller als Konkurrentin Paul. Was sie im Moment der Zieleinfahrt gedacht hat? Dass es eine Medaille geben würde, dass sie auf dem Treppchen stehen würde, umrahmt von glücklichen Gesichtern und Champagnerduschen? Dass sich das Training ausgezahlt hatte? "Ich war einfach völlig fertig", entgegnet sie ganz nüchtern, "ich hatte einen guten Tag".

Einen Monat ist das nun her, und es entspricht ihrer sachlichen Art, diesen 14. Januar nicht allzu hochzuhängen. Die Kelheimerin kann ihren Leistungsstand schon ganz gut einschätzen und weiß: "Ein Meistertitel wäre zu vermessen." Ursache dafür ist aber kein mangelnder Ehrgeiz, sondern einfach die nüchterne Analyse des Status quo: Es ist nicht allzu vermessen, Cyclocross als die kleine Schwester der Straßenrennen zu bezeichnen, der Sport wird kaum gefördert und steht in Deutschland auch nicht so im Mittelpunkt, wie es etwa in Belgien der Fall ist. "Die Profis dort verdienen richtig gut", sagt Beck. Sie sieht die Popularität der Querfeldeinrennen dort in ähnlichen Dimensionen, wie sie der Biathlon hierzulande einnimmt. Beck kann von ihrem Sport nicht leben, bei Weitem nicht, und arbeitet daher in Vollzeit. Im Leben abseits der Felder und Wiesen ist sie Lehrerin. An einer Realschule in Riedenburg unterrichtet die 28-Jährige in den Fächern Mathe und Sport. Seit zwei Jahren arbeitet sie nun in diesem Beruf, im vergangenen Jahr nutzte sie die Synergieeffekte ihrer Doppelrolle und bot einen Schnupperkurs im Mountainbiken an. Intensiver kann sie das Radfahren aber nicht in den Sportunterricht einbinden, "das funktioniert nicht im regulären Schulbetrieb".

Ihr Weg zur Sportlehrerin hat sich schon früh abgezeichnet, bereits in ihrer Jugend trieb Beck viel Sport: Skifahren und Langlauf im Winter, später spielte sie Handball im Verein. Und dann bekam sie ihr erstes Mountainbike. Beck blieb beim Radsport hängen, sie genoss es, durch ihre Heimat Kelheim zu fahren, denn: "Die Natur dort bietet das auch an." Seit 2009 fährt sie Rennen auf der Straße, "mal mehr, mal weniger intensiv", wie sie sagt, es gibt halt auch noch mehr im Leben: Damals das Studium, jetzt der Beruf, und dann ist da natürlich auch noch ihr Freund Johannes Pfaff. Wobei, auch in dieser Beziehung kann Beck nicht ganz von der Straße lassen: Pfaff ist der Organisator des jährlich stattfindenden Altmühltaler Straßenpreises - es ist ihr Lieblingsrennen, klar. Aber auch der Wintersport liegt ihr weiter am Herzen, "das ist auch ein Vorteil gegenüber meinen norddeutschen Kollegen": Die Gegend bietet es an. Zeit dafür findet sie eher außerhalb der Wettkampfphase, auf der Straße dauert diese von April bis September. Vor fünf Jahren stürzte Beck bei einem Straßenrennen, es war September, und ihr Ellenbogen brach. Eigentlich wollte sie aber noch Rennen fahren, sie wartete geduldig die Heilung ab und entdeckte eine neue Leidenschaft: Cyclocross. Anfangs "nur zum Spaß", fährt Beck seit zwei Jahren die komplette Saison. Auch beim Deutschland-Cup fuhr sie in den vergangenen zwei Jahren alle Rennen mit, im Vorjahr wurde Beck Dritte in der Gesamtwertung. Besonders in Wettkampfphasen "braucht es schon eine gute Organisation", drei- bis viermal pro Woche setzt sie sich nach der Arbeit aufs Rad und fährt anderthalb Stunden durch Ingolstädter Parks. Abends geht es dann noch einmal an den Schreibtisch, um den Unterricht vorzubereiten. Zerstreuung findet Beck auf dem Rad, im Sommer auf der Straße, im Winter im Matsch. In ihrem persönlichen Ranking mag sie aber nicht die eine über die andere Sportart stellen, "beides ist attraktiv."

Wenn sie sich aber doch festlegen muss, dann sagt die Pragmatikerin in ihr: "Beim Cross bin ich jedenfalls erfolgreicher als auf der Straße." Und der dritte Platz bei der jüngsten deutschen Meisterschaft gibt ihr da zweifelsfrei recht.

 

 

CYCLOCROSS

 

Die Anfänge des Cyclocross, auch Querfeldeinrennen genannt, gehen bis ins Ende des 19. Jahrhunderts zurück. Professionelle Straßenfahrer an der französischen Riviera bauten ihre Form auf, indem sie abseits der Straßen steile Anstiege und Abhänge befuhren. Aus dem Training wurde schnell ein Wettbewerb, erste nationale Meisterschaften entstanden Anfang des 20. Jahrhunderts in Frankreich und der Schweiz. Seit 1950 finden jährlich Weltmeisterschaften statt. Die wichtigsten Wettbewerbe in Deutschland sind die deutsche Meisterschaft, die jedes Jahr in Bensheim (Hessen) ausgetragen wird, sowie der Deutschland-Cup. Dieser erstreckt sich über eine Serie von elf Rennen durch ganz Deutschland. Die nationale Saison für Querfeldeinrennen ist von Oktober bis Mitte Januar, für viele Straßenfahrer ist Cyclocross so eine angenehme Abwechslung und Überbrückung abseits der Straßensaison. Die Rennen bei den Herren dauern 50 bis 60 Minuten, bei den Damen 40 bis 50. Die Rennleitung beobachtet jeweils den Verlauf der ersten Runden und legt dann die zu absolvierende Rundenzahl fest. Gefahren wird über Wald und Wiesen, aber auch Sand. Je nach Wetter können die Strecken auch recht matschig geraten, und erfordern von den Fahrern so umso mehr Kraft. Hin und wieder müssen die Fahrer auch absteigen. Die Räder beim Cyclocross sind eine Mischung aus Rennrad und Mountainbike: Das Grundgerüst bilden stabile Rennräder mit dem typisch gebogenen Lenker, die Reifen sind aber deutlich breiter und ähneln denen eines Mountainbikes.