Daniel: Nathan, der Wolf
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Daniel

Samstags, kurz vor acht Uhr morgens, vor einer Halle in Heßdorf, einem kleinen Ort bei Erlangen: Daniel Stenzel steigt aus seinem Wagen. Er ist der Erste, der da ist. Nach und nach rollen weitere Autos auf den Parkplatz. Als alle da sind, geht es durch eine kleine Tür in das Innere des Gebäudes. Die Trainingsteilnehmer verschwinden nach hinten in die Kabine, um sich umzuziehen.

In der Mitte der Halle steht der Ring, seitlich davon ein zweiter. An den Wänden hängen große Plakate mit grimmig dreinblickenden Männern darauf. Sie heißen "Demolition Davies" oder "Maveric Cross". Die martialischen Kampfnamen, die muskelbepackten Athleten, der Ring: In der von außen recht unscheinbaren Halle wird es gleich ordentlich zur Sache gehen. Hier wird der Kampfsport Wrestling trainiert.

Es ist keine Sportart wie jede andere: In einer wohl einzigartigen Verbindung stehen hier der Sport und die Show. Die Wrestler, so die Bezeichnung für die durchtrainierten Kämpfer, duellieren sich in einem quadratischen Ring mit spektakulären Griffen, Schlägen, Tritten und Würfen. Der Ringboden besteht aus Holz, überzogen ist er nur mit einer dünnen Matte.

Es sieht dementsprechend nicht nur schmerzhaft aus, es hört sich auch so an, wenn die Wrestler auf den Ringuntergrund krachen. "Es tut schon weh", bestätigt der 35-Jährige. Dennoch, und deshalb ist der Showaspekt so wichtig, soll es beim Wrestling nie das Ziel sein, seinen Kontrahenten zu verletzen. Der Kampf und seine Brutalität werden vorgespielt. "Du steigst als Wrestler in den Ring, um den Gegner zu besiegen, nicht aber, um ihn zu verletzen. Wenn du dich oder deinen Gegenüber verletzt, hast du irgendetwas falsch gemacht", stellt Stenzel klar.

Das Training beginnt - und einen Daniel Stenzel gibt es plötzlich nicht mehr. Der 35-Jährige aus Dunsdorf im Landkreis Eichstätt wird während des gesamten Trainings stattdessen Nathan gerufen. Nathan Wolf, das ist der vollständige Wrestlername, den Stenzel im Ring annimmt. Bei Events schlüpft er komplett in seine Rolle und macht dem zweiten Teil seines Namens alle Ehre: Vor seinen Gegnern fletscht er dann ein Raubtiergebiss, die Fingernägel sind schwarz lackiert, und neben seinen gelbgrünen Pupillen klafft eine - selbstverständlich aufgemalte - tiefe Wunde quer über der rechten Gesichtshälfte. Der Wolf ist also zumindest im Kampfring wieder präsent in Bayern. Würden seine Gegner allein wegen des Furcht einflößenden Äußeren die Flucht ergreifen, es wäre nur zu gut zu verstehen.

Für das Training sparen sich Stenzel und die übrigen Athleten natürlich das Make-up. Heute geht es los mit Liegestützen und Kniebeugen. Trainer Alex Wright - der als Profiwrestler den Sprung in die USA schaffte - gibt die Geschwindigkeit vor, seine vier Schützlinge folgen ihm. Einer der Trainingsteilnehmer spricht kein Deutsch, kurzerhand werden sämtliche Ansagen während des Trainings auf Englisch gemacht. Wright ruft: "One!" - Die Wrestler setzen zum Liegestütz an und wiederholen im Chor: "One!" Alle ziehen mit.

Bei den anschließenden Rollübungen hat Stenzel dann Probleme. Das Ziel der Übung ist es, sich möglichst gerade nach vorne abzurollen und schnell wieder aufzustehen. Stenzel gelingt das nicht immer zur Zufriedenheit des Coaches. In einem Kampf würde ein entsprechender Fehler womöglich zu einer eigenen Verletzung oder - noch schlimmer - zu einer Verletzung des Gegners führen. Nach mehreren falschen Ausführungen muss Stenzel "zur Strafe" 50 Liegestütze machen. "Aber das ist auch gut so", meint er nach dem Training.

Stenzel war bereits als Grundschüler Wrestling-Fan. Zu dieser Zeit, Anfang der 1990er-Jahre, erlebte der Sport einen Boom in Deutschland. Kämpfe aus den USA wurden im Fernsehen übertragen, es gab Sticker zum Sammeln. Zum aktiven Wrestling kam Stenzel durch einen Gutschein für einen Workshop in Hamburg. "Das habe ich einfach einmal ausprobiert. Es hat gut funktioniert und Spaß gemacht", erinnert sich der 35-Jährige. Auf der Suche nach näher gelegenen Trainingsmöglichkeiten stieß er schließlich auf die Schule von Alex Wright, den er bereits als aktiven Wrestler aus dem Fernsehen kannte.

Stenzel beschreibt Wrestling als Hochleistungssport: "Kraft, Ausdauer und Athletik sind wichtige Komponenten." Für ihn ist Wrestling darüber hinaus Kopfsache: "Man muss mit den Schmerzen klarkommen, sie wegstecken können." All das bringt jedoch nicht viel, wenn der Athlet nicht auch gewisse Entertainerqualitäten an den Tag legen kann. Bei Auftritten - im Ring wie in Videos auf Internetplattformen - muss das Publikum gut unterhalten und mit den Zuschauern gearbeitet werden. Das macht Wrestling für Stenzel einzigartig.

Im Training stehen jetzt die nächsten Übungen auf dem Plan. Jetzt trainieren die Wrestler jeweils zu zweit einzelne Kampfelemente. Nach jedem Durchgang gibt Trainer Wright ein kurzes Feedback. Was war gut? Was muss verbessert werden? Mit der Zeit ist den Kämpfern die enorme Anstrengung anzusehen, immer wieder werden kleine Verschnaufpausen eingelegt. Wurde Stenzel eben noch von seinem Trainer zurechtgewiesen, unterhalten die beiden sich nun ganz locker und analysieren die Fehler noch einmal in Ruhe. "An Alex schätze ich, dass er auch Kleinigkeiten wie das falsche Abrollen erkennt und mir eine Lösung für das Problem geben kann", lobt Stenzel seinen Coach.

Bereits seit 2007 besteht die "Pro Wrestling School" von Alex Wright. Dort trainiert Stenzel seit vier Jahren, seit 2015 tritt er bei Events auf. Der 35-Jährige absolviert ein Ringtraining von zwei Stunden pro Monat. Daneben spult der Dunsdorfer zum Erhalt der körperlichen Fitness vier- bis fünfmal wöchentlich ein individuelles Training ab. Er ist überzeugt: "Wer keine Ausdauer hat, bekommt im Ring schnell die Quittung."

Zum Abschluss des Trainings steigen "Maveric Cross" und "Nathan Wolf" alias Daniel Stenzel in den Ring: In einem Kampf über mehrere Minuten sollen die beiden Wrestler dem Trainer ihre Fähigkeiten präsentieren. Die zwei Protagonisten kennen sich schon lange - der Umgang miteinander nach dem Training ist sehr locker. Doch im Ring schenken sich Cross und Wolf nichts. Am Ende kann Nathan Wolf das Duell für sich entscheiden.

Nach zwei Stunden schweißtreibenden Trainings wird aus Nathan Wolf schließlich wieder Daniel Stenzel. Der 35-Jährige setzt sich in sein Auto. Nach etwa 100 Kilometern Rückfahrt kommt er schließlich pünktlich zum Mittagessen zu Hause in Dunsdorf an.