Herr über drei Kilometer Absperrgitter
Ingolstadt (DK) Roland Knoll steht fast entspannt an der Adenauer-Brücke. Vor wenigen Minuten ist der Fitnesslauf vorbeigezogen. Noch zwei Stunden, bis der Wahnsinn losbrechen wird: 3300 Halbmarathonis sollen um 17 Uhr loslegen können. Mitorganisator Knoll ist Herr über die Absperrgitter und "Mädchen für alles", sagt er. Normalerweise wäre er jetzt gewaltig unter Strom, aber: "So früh waren wir noch nie dran. Hat alles super funktioniert."

Handy ständig am Ohr: Roland Knoll muss selbst noch Sekunden vor dem Start erreichbar sein und im lauten Umfeld wichtige Entscheidungen treffen. Er fährt per Rad auch dem Feld voraus und sorgt dafür, dass an der Strecke alles glatt läuft. - Foto: Rehberger
Dieses Mal ist an viel gedacht. Doch es geht nicht alles perfekt. 50 Minuten vor dem Startschuss: In der Mauthstraße wird es hektisch. Räder stehen kreuz und quer. Hier sollen sich Läufer und Zuschauer durchquetschen. Geht nicht! Knoll packt mit zwei Helfern an. Sie schleppen Rad für Rad weg. Einige sind fest gekettet. "Dann stellt sie auf den Kopf", ruft Knoll und springt auf seinen Drahtesel.
An der Moritzkirche vorbei, die Treppen runter zum Schliffelmarkt. "Stellt euch selbst zwischen die Gitter und lasst keinen mehr durch", sagt Knoll zu seinen Männern dort. Es ist bereits die achte Auflage des Laufs, doch die 400 freiwilligen Helfer wechseln. Das wäre der GAU: Ein Auto, Fahrrad oder Fußgänger bringt einen Läufer zu Fall oder sorgt für noch größeres Chaos. "Da hast du manchmal Albträume."
Die Harderstraße ist so ein Fall. Hier parken eine halbe Stunde vor Start mehrere Autos. Anruf bei der Polizei. "Was machen wir" Alles okay. Beamte kümmern sich persönlich darum. Also weiter. Nein, doch nicht. Das Handy klingelt. OB Alfred Lehmann ruft an. Er schafft es nicht rechtzeitig aus Italien für den Startschuss. "Danke für den Anruf", sagt Knoll. Auch ohne das Stadtoberhaupt wird der Lauf starten können.
Brücke schwingt im Takt
Noch zwanzig Minuten. Zum ersten Mal seit Stunden nimmt Knoll einen Schluck Wasser. Dann beschleunigt er im Wiegetritt. Auf der Schanz wird erst im letzten Moment abgesperrt. Das Feuerwehrauto hierhin, die Gitter dahin. Ein Fingerzeig von Knoll, der britische Autofahrer findet noch den Weg aus dem Gitterlabyrinth.
Wieder ein Tritt in die Pedale. Letzter Blick auf die Mauthstraße. "Alles okay!" Zurück zum Start. Die Brücke schwingt im Takt. Tausende Läufer springen sich warm. Aus den Lautsprechern plärrt Musik. Roland Knoll steht jetzt doch vollends unter Strom. Er streift sich ein gelbes Leibchen über.
Der Startschuss kracht. Die Menge jagt los. Alle Knoll hinterher. Die Pfeife im Mund dreht er die erste Runde mit. "Kinder bitte festhalten", ruft er auf die eine Seite. Auf die andere winkt er: Platz da, das Führungsfahrzeug kommt! Wieder dieses Bild vor Augen: Jemand stört die Läufer. Die Steinchen spritzen auf dem Hochwasserdamm von seinem Crossrad weg. In der Innenstadt fliegen die Zuschauer unscharf vorbei.
Zurück an der Adenauerbrücke. Runter vom Rad. Verschnaufen ist nicht nötig. Knoll greift sich Hütchen und teilt die Bahn: Rechts noch eine Runde, links ins Ziel. Zuschauer bitte zurück vom Bordstein! Der Sieger zieht vorbei. Die Masse wenig später. Knoll blickt leicht entspannt: "Jetzt müssen wir nur noch alle gesund ins Ziel bringen." Knapp über 1:40 Stunden zeigt die elektronische Uhr. Über die Adenauerbrücke müht sich der Letzte. Zwei junge Mädchen, der "Besenwagen", klingeln unaufhörlich. Knoll joggt hinterher. Ein kurzes Gespräch. Er rät dem jungen Mann auszusteigen. Nach drei Stunden wäre Zielschluss, er hätte es nicht geschafft. "Es ist bitter. Da müsstest du Psychologe sein", sagt Knoll. Das sind die wohl härtesten Aufgaben des Tages. Für ihn ist er noch lange nicht beendet: Das Abbaukommando legt schon los. Und Roland Knoll schwingt sich aufs Rad.
Von Christian Rehberger
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