G: "Die Hürden sind nur im Kopf"
Die Rollstuhlbasketballer sind das Aushängeschild des Behinderten- und Versehrten-Sportvereins Ingolstadt. - Foto: Kowalski
Ingolstadt

Es ist ein ganz normaler "Zwischenfall" beim Training der Rollstuhlbasketballer des Behinderten- und Versehrten-Sportvereins Ingolstadt (BVSV). Zweimal in der Woche kommt die Mannschaft für Einheiten zusammen. Im Kader für die kommende Saison stehen aktuell 16 Spieler. Die meisten von ihnen sind auch im Alltag auf den Rollstuhl angewiesen, allerdings gehört auch eine Handvoll "Fußgänger" zum Team. Die Saison in der Landesliga Bayern startet am 14. Oktober. Dann wollen die "Westpark Wheelys" gut vorbereitet sein - und vielleicht sogar ein kleines Wörtchen um den Aufstieg mitreden. In der vergangenen Saison belegten die Ingolstädter den dritten Platz in der Abschlusstabelle. "Natürlich wollen wir auch in der neuen Spielzeit wieder vorn mitspielen", sagt Andreas Gmeiner. "Vor allem aber geht es darum, dass wir als Team zusammen den größtmöglichen Spaß haben", sagt der 28-Jährige.

Gmeiner ist von Geburt an querschnittsgelähmt. "Spina bifida" nennen die Mediziner seine Behinderung - eine angeborene Fehlbildung in der Wirbelsäule. Statistisch gesehen ist eines von 1000 Kindern in Mitteleuropa betroffen. "In jungen Jahren hat mich das schon sehr beschäftigt. Ich habe mich damals gefragt, warum alle anderen Kinder um mich herum aufstehen und herumlaufen konnten - und ich nicht." Im Laufe der Jahre lernte der 28-Jährige, mit seiner körperlichen Einschränkung zurechtzukommen. "Ich kann heute trotz meiner Behinderung alles machen, was ich will. Ich habe gelernt, dass die Hürden nur im Kopf sind", sagt Gmeiner.

Seit dem Jahr 2000 treibt der gebürtige Ingolstädter Sport beim BVSV. Anfangs spielte er Rollstuhlhandball, "aber ich wollte irgendwann eine andere Herausfoderung". Gmeiner schaute daraufhin beim Training der Rollstuhlbasketballer vorbei, die seinerzeit in der dritthöchsten deutschen Spielklasse, der Regionalliga Süd, vertreten waren. Seitdem ist der 28-Jährige begeistert dabei.

In der vergangenen Saison musste Gmeiner jedoch einen herben Rückschlag einstecken: Bei einem Sturz brach er sich den Oberschenkel und musste monatelang pausieren. Jetzt ist die Verletzung aber vollständig ausgeheilt - und der Ingolstädter will mit seiner Mannschaft wieder angreifen.

Neun Mannschaften treten in der Landesliga an, 16 Saisonspiele stehen für Gmeiner und seine Teamkollegen in der kommenden Saison auf dem Programm. In einem Liga-Spiel stehen sich jeweils fünf Feldspieler gegenüber, die Spielzeit beträgt viermal zehn Minuten. Je nach Schwere der Behinderung erhält jeder Spieler Punkte, Fußgänger beispielsweise 4,5. Insgesamt dürfen die fünf Spieler den Gesamtwert von 14,5 Punkten nicht überschreiten.

"Es ist sehr athletisch, und du musst mit deinem Sportgerät verschmelzen", beschreibt Gmeiner seine Faszination für den Sport. "Als Team ist es zudem wichtig, zu harmonieren. Du musst dich mit den Kollegen sekundengenau abstimmen und brauchst ein gutes Timing, um erfolgreich zu sein", ergänzt der Ingolstädter. "Und dann ist da die physische Komponente. Beim Rollstuhlbasketball geht es zur Sache, es kracht auch einmal ordentlich", beschreibt Gmeiner. "Man könnte es als eine Mischung aus Athletik, Körperkontrolle und Rollstuhlbeherrschung, Kondition, viel Action und Teamgeist bezeichnen." Zudem sei Rollstuhlbasketball der perfekte Sport für integrativen Sportunterricht, "weil sowohl Menschen mit Behinderung als auch Fußgänger und sowohl Frauen als auch Männer gemeinsam in einem Team spielen können", erklärt Gmeiner. So spielt beispielsweise auch die Schwester des Ingolstädters hin und wieder mit. "Mittlerweile lebt sie mit ihrer Familie in der Nähe von Fürth, sie ist also nicht so oft da. Wenn sie in Ingolstadt ist, unterstützt sie uns aber als Trainerin und auch auf dem Feld."

Ohnehin prägt die Familie Gmeiner das Team des BVSV. Denn trainiert wurde die Mannschaft in den vergangenen Jahren von Gmeiners Vater Gerhard, der auch 1. Vorstand des Vereins ist. Bei den Trainingseinheiten in der Halle des TSV Ingolstadt-Nord stehen naturgemäß vor allem Wurfübungen auf dem Programm. "Aber auch Kondition, das Passspiel, das Blocken der Würfe und der Gegenspieler sind Details, an denen wir im Training arbeiten."

Aufgrund der hohen Materialbeanspruchung ("Rollstuhlbasketball ist ein Kontaktsport") geht des Öfteren auch einmal etwas zu Bruch. "Der Rahmen ist eigentlich unkaputtpar", erklärt Gmeiner. "Vielleicht gibt es nach ein paar Jahren mal einen Ermüdungsbruch, dann muss man zum Schweißer gehen." Ansonsten gehören platte Reifen und gebrochene Speichen zum Alltag. "Aber das lässt sich schnell reparieren."

Die fahrbaren Untersätze sind allerdings sehr teuer: Bis zu 6000 Euro kann eine Sonderanfertigung kosten. "Das ist natürlich ein riesiger Faktor, nicht jeder kann sich sofort einen solchen Rollstuhl leisten, da gibt es auch von der Krankenkasse keinen Zuschuss. Die sind der Meinung, Rollstuhlbasketball ist Privatsache", kritisiert Vorstand Gerhard Gmeiner. Sein Sohn pflichtet ihm bei: "Da könnte es sicher mehr Förderung geben, dann würden auch viel mehr Leute den Sport betreiben, da bin ich mir sicher."

Nicht zuletzt ist Rollstuhlbasketball für den 28-Jährigen "ein wichtiger Ausgleich zum Arbeitsalltag". Dabei gehe es nicht nur um das körperliche Training, sondern auch darum, mental fit zu sein. "Sport ist eine Art Therapie, Sport macht den Kopf frei. Wenn du einmal auf dem Feld bist, vergisst du alles andere um dich herum. Und alle sind gleich, jeder ist auf Reifen unterwegs", erzählt Gmeiner lachend.

Der 28-Jährige ist nicht nur mit seiner Mannschaft erfolgreich, auch beruflich läuft es für Andreas Gmeiner bestens. Von 2009 bis 2012 studierte der Ingolstädter soziale Arbeit in Heidelberg. Seit mittlerweile zwei Jahren arbeitet er als Sozialarbeiter in einer Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Auch ansonsten steht er mitten im Leben: "Ich gehe abends natürlich auch weg, dann fahre ich eben mit dem Rollstuhl in einen Club. tatsächlich treffe ich dabei immer wieder Leute, die es bewundern, was ich tue. Die mich genauso mögen, wie ich bin. Das bestärkt mich in dem, was ich tue."