Herr Uhrich, was sind die Vorteile der 50+1-Regel?

Sebastian Uhrich: Prinzipiell hatte man mit der Regel im Auge, die Fußball-Bundesliga vor dem Einfluss fußballfremder und am Wohle des Fußballs möglicherweise desinteressierter Investoren zu schützen, indem man den Stammvereinen diese 50+1 Prozent des Stimmrechts garantiert hat. Hintergrund dessen ist die Auffassung, dass für den Fußball Nachteile entstehen können, wenn Investoren plötzlich komplett losgelöst von den Interessen der Liga insgesamt, vielleicht sogar auch von langfristigen Interessen des Klubs, bei dem sie einsteigen, bestimmte Entscheidungen treffen und das Große und Ganze, das heißt, eine funktionierende Liga, nicht im Auge haben. 


Ist die Regel noch zeitgemäß, wenn man bedenkt, dass die Konkurrenz aus England, Frankreich oder Spanien immer größer wird?

Uhrich: Ich habe da meine Zweifel, ob die Regel wirklich das bewirkt, was sie zu bewirken vorgibt. Aus meiner Sicht ist sie nicht so richtig zeitgemäß. Man wird den Fußball nicht davor schützen können – und vielleicht sollte man das auch gar nicht –, dass es Unternehmen und einzelne Investoren gibt, die sich engagieren. Diese Regel gilt sowieso nur innerhalb Deutschlands, gerade die Top-Vereine konkurrieren heutzutage jedoch viel mehr international als national. Da entstehen natürlich gewisse Nachteile. Man muss sich fragen, ob das tatsächlich so dramatisch ist, wie man sich das vorstellt. Was versucht man da eigentlich zu bewahren? Denn den Fußball vom Kapital abzuschirmen, das ist unrealistisch, das hat man verpasst. Das Kapital regiert den Fußball zu großen Teilen, das ist inzwischen Realität. Diese Realität kann man freilich gut oder schlecht finden. Die 50+1 Regel schützt uns davor aber kaum.


Wird die Regel in der nahen Zukunft fallen?

Uhrich: Ich würde davon ausgehen, dass sie fällt oder zumindest stark modifiziert wird. Unter anderem, weil sie nicht richtig konsequent angewendet wird, es zu viele alternative Möglichkeiten gibt, letztlich genau das doch zu machen, wovor die Regel eigentlich schützen soll – dass die Kapitalgeber doch Mehrheitsstimmrecht im Fußball haben und einen starken Einfluss nehmen. Das ist ja auch ein Hauptkritikpunkt an dieser Regel, dass es zu viele Ausnahmen gibt und sich daher die Frage nach der Fairness stellt.


Wie zum Beispiel in Leipzig oder Hoffenheim.

Uhrich: Leipzig ist ein klassisches Beispiel. Dort wurde der Stammverein nur mit dem Zweck gegründet, dass man als Red Bull sein Fußball-Business betreiben kann. So hat zwar formal gesehen der Stammverein die Mehrheit der Stimmen, aber er ist letztlich der verlängerte Arm von Red Bull. Außerdem greift die Regel generell nicht, wenn sich Investoren seit mindestens 20 Jahren bei einem Klub für den Fußball einsetzen, wie beispielsweise in Wolfsburg und Leverkusen. Dies gilt auch, wenn diese Förderung durch einzelne Mäzene geschieht wie in Hoffenheim. Auch in Hannover wird eine Investorengruppe um Präsident Martin Kind ab 2018 die Mehrheit der Stimmrechte ausüben. Insofern muss man fragen: Ist das wirklich noch Chancengleichheit, wenn anderen Klubs das verwehrt wird? 


Wie kann man dann verhindern, dass Investoren mit wenig Fußballsachverstand mitreden und der sportliche Absturz folgt wie bei beim TSV 1860?

Uhrich: Davor wird man sich letztlich nie richtig schützen können. Das ist das Problem: Wenn jemand das Geld zur Verfügung stellt, dann könnte man argumentieren, hat er auch das Recht, ein Unternehmen oder Sportverein gegen die Wand zu fahren. Das wollen natürlich weder Unternehmen noch Sportvereine. Schützen kann man sich davor nur, indem man sich seine Kapitalgeber ganz genau aussucht und vor allem überlegt, ob nicht noch andere Kriterien eine Rolle spielen als nur, wie viel Geld sie mitbringen. Man könnte mit ihnen individualvertraglich vereinbaren, dass sie sich aus bestimmten Sachentscheidungen raushalten. Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Denn wenn einer mit einem großen Geldbeutel vor der Tür steht, dann schickt man den natürlich ungerne wieder weg. 


Umgekehrt ist es auch ein Risiko für die Investoren. Vielleicht sind Ismaiks Millionen jetzt verloren. Wie riskant sind Fußballklubs als Geldanlage?

Uhrich: Hochriskant. Ich glaube, die einzigen Kapitalgeber, bei denen tatsächlich eine echte Geschäftsstrategie dahintersteckt und die vielleicht mit Gewinn rausgehen, sind die Investoren, die das wohlüberlegt über Jahre machen, sei es Adidas bei Bayern München, VW bei Wolfsburg oder Bayer in Leverkusen. Das, was viele Mäzene machen und Kapitalgeber wie bei 1860, die Ölscheichs in Frankreich, die russischen Milliardäre in England, das sind eher Geldvernichtungsaktivitäten als renditeorientierte Geldanlagen. Die pumpen ihr Geld nicht in Klubs, weil sie sich davon ein gutes Geschäft versprechen, sondern weil es ihr Hobby ist. Das bringt vielleicht Prestige und macht ihnen Spaß. Aber wenn sie wirklich ihr Geld vermehren wollen, dann sollten sie sich nach etwas anderem umschauen, weil der Fußball unkalkulierbar ist. Alles hängt sehr stark vom sportlichen Erfolg ab. Ich glaube kaum, dass Kühne in Hamburg mit dem HSV irgendwelches Geld verdient hat. 

In München wird derzeit über eine Insolvenz der Löwen diskutiert. Was wäre die Konsequenz?

Uhrich: In der Regel muss man in eine sehr niedrige Liga, wo es keine festen Budgets gibt, um eine Lizenz zu erhalten, und hat dann nur die Chance, sich über Jahre wieder nach oben zu arbeiten. Das erfordert ein neues Gesamtkonzept. Die Frage ist: Wo kommt Geld her, um wieder an frühere Zeiten anzuknüpfen.


Wie kann der Klub Ismaik sonst loswerden?

Uhrich: Das ist schwierig. Er hält ja nun 60 Prozent der Aktien. Man kann ihn nicht zwingen, die zu verkaufen. Das kann nur eine Lösung sein, die in beiderseitigem Einvernehmen funktioniert. Er muss sich letztlich auch fragen, warum er dieses Geschäft noch weiterbetreiben will. Vielleicht erkennt er ja selbst irgendwann, dass das nicht so richtig passt. Aber da er Anteilseigner ist, wird es wohl schwierig, ihn zwangsweise zu entfernen.

Das Interview führte Julia Pickl.