Frau Jones, seit 30 Jahren hat die deutsche Frauenfußball-Nationalmannschaft nicht mehr so schlecht bei einer EM abgeschnitten. Schmerzt das frühe Ausscheiden beim Turnier in den Niederlanden noch?

Steffi Jones: Wir haben es schon ganz gut verarbeitet. Dennoch tut es rückblickend immer noch weh. Ohne das nur am Ergebnis festzumachen, waren wir in allen Spielen überlegen und hatten mehr Ballbesitz. Wir hatten einen guten Spielaufbau, haben taktisch gut gespielt und phasenweise richtig toll durchkombiniert. Wir haben aber dann die Tore nicht gemacht oder uns durch individuelle Fehler das Leben schwergemacht. Wir mussten weite Wege machen, die eigentlich unnötig waren. Wir hätten direkt zupacken und uns etwas disziplinierter verhalten müssen. Dennoch wollen wir jetzt nur noch nach vorne schauen. Wir weisen auf das hin, was wir besser machen müssen, und daran arbeiten wir auch. Es ist der rote Faden, den wir fortführen.

 

Nach dem 1:2 im Viertelfinale gegen Dänemark hagelte es Kritik an Ihnen. Wie sind Sie damit zurechtgekommen?

Jones: Es ist nicht einfach, das kann ich sagen. Das geht nicht spurlos an einem vorbei. Man braucht dann Menschen in seinem Umfeld, die einen stärken, die einem zu verstehen geben, dass das nicht alles falsch war, sondern dass man daraus lernt und man es niemals persönlich nehmen darf. Es macht einen nur noch stärker und es motiviert einen, jetzt erst recht weiterzumachen.

 

Der DFB hat Ihren Vertrag bis zur WM verlängert. Haben Sie sich überlegt, ob Sie überhaupt weitermachen wollen?

Jones: Das steht und stand immer außer Frage, ich wollte auf jeden Fall weitermachen. Dafür sind die Leidenschaft, die Motivation und auch das Herz viel zu sehr bei der Sache. Es war mir klar, dass das zur Diskussion kommen wird, wenn wir im Viertelfinale ausscheiden. Aber wir dürfen ja weitermachen und diesen Prozess fortführen, was mich wahnsinnig freut. Denn es ist ganz klar ein Prozess.

 

Sie sagten kürzlich: "Die Fehler der EM werden mir sicher nicht ein zweites Mal passieren." Was waren Ihre größten Fehler?

Jones: Ich habe alle Entscheidungen, die ich bei der EM oder auch schon in der Vorbereitung getroffen habe, aus voller Überzeugung getroffen. Mit der heutigen Erfahrung würde ich sie aber vielleicht nicht mehr so treffen. Wir hatten einige Spielerinnenwechsel, manchmal taktisch, manchmal auch rein aus sportlicher Sicht bedingt, aufgrund der Trainingsleistung. Das finde ich nachvollziehbar, und sie waren auch nicht entscheidend dafür, dass wir ausgeschieden sind. Das belegen auch die Daten: Unser Spiel wurde dadurch nicht schlechter. Wir haben genauso viele Torchancen rausgespielt, und alle Spielerinnen, die neu rein kamen, konnten Impulse setzen. Aber es hat eben nicht den Effekt gebracht, den wir uns erhofft hatten. Von daher würde ich das im Nachhinein nicht mehr so machen.

 

Auch dass Sie den Spielerinnen Comicfiguren zugeteilt haben, wurde kritisiert.

Jones: Das war ganz anders angedacht. Das war einfach nur für die Mannschaft eine nette Sache, es ging mir um den Teamgeist. Es hat nichts damit zu tun, dass man sich über andere lustig machen will. So was würde ich aber auch nicht mehr machen. Das sind Maßnahmen, die können nach hinten losgehen, wenn es nicht gut läuft. Wenn wir zum nächsten Turnier gehen, mache ich einiges anders.

 

Sie sind erst ein Jahr im Amt der Bundestrainerin. Inwieweit haben Sie sich in der Zeit verändert?

Jones: Durch so eine Erfahrung reift man natürlich. Man kriegt viel ab und wird stärker. Ich weiß jetzt mit vielen Dingen besser umzugehen. Meine Gutgläubigkeit und meine Offenheit werde ich etwas einschränken. Ich bin keine, die sich kom-plett verschließt, aber ich muss dann halt ein Mittelmaß finden.

 

Sie sagten selbst: "Meine lange Leine wird kürzer." Was ändert sich nun im Umgang mit den Spielerinnen?

Jones: Das hört sich immer so an, als hätten die Spielerinnen alles machen dürfen. Wir haben bei der EM meist sehr spät gespielt und mussten diese langen Tage überbrücken. Da müssen wir das richtige Maß finden, damit die Spielerinnen sich fokussieren. Noch aufmerksamer sein. Man schenkt den Spielerinnen sehr viel Vertrauen und stellt dann fest, dass man der einen oder anderen noch ein bisschen mehr helfen muss, weil sie noch sehr unerfahren ist. Oh-ne dass das ein Misstrauen wird. Man muss sie noch ein bisschen mehr mitnehmen und darf nicht nur von seinen eigenen Erfahrungen als Spielerin ausgehen.

 

An was arbeiten Sie nun spielerisch im Hinblick auf die WM-Qualifikation?

Jones: Der Spielaufbau und die Spielfortsetzung haben schon sehr gut funktioniert. Wir sind gut in der Breite und in der Tiefe gestaffelt. Was immer noch ein bisschen fehlt, ist diese Zielstrebigkeit, dieser Zug zum Tor. Das ist manchmal noch zu viel klein klein, und gerade das Zentrum ist ja immer dicht. Da muss man noch mehr über die Flügel kommen und das Eins-gegen-Eins suchen. Das andere ist das Umschaltspiel generell, in die Defensive, aber auch in die Offensive. Wenn wir den Ball verlieren, müssen wir alle komplett im höchsten Tempo umschalten. Das hat uns im Gegensatz zu den anderen Mannschaften gefehlt. Die Gegner waren entschlossen, haben die Meter gemacht. Wir haben uns teilweise darauf verlassen, dass wir hinten eine Abwehrspielerin stehen haben, und haben nicht immer alle im höchsten Tempo umgeschaltet. Das geht heute nicht mehr, dafür sind die Mannschaften von der Physis her zu stark.

 

Auch offensiv gab es erhebliche Defizite.

Jones: Ja, nach einem Ballgewinn haben wir zu langsam nachgeschoben. Auch da müssen wir viel, viel zügiger spielen. Und dann brauchen wir auch eine Stürmerin, die den Ball festmacht und die Zeit rausholt, damit die anderen nachrücken können. Diese Umschaltphase ist ganz wichtig, da gehen wir ran, da spreche ich ja immer von den deutschen Tugenden. Wir müssen einfach wieder lernen, dass wir auch die entscheidenden Meter machen müssen, auch die, von denen wir glauben, dass sie unnötig sind. Denn das sind sie nicht. Das zeigen wir unseren Spielerinnen gerade auf. Taktisch werden wir Dinge feinjustieren, weil wir erst mal wieder Sicherheit haben wollen. Damit wir uns wohlfühlen und aus dieser Kompaktheit agieren können.

 

Ist die Qualität der deutschen Mannschaft noch immer eine der besten?

Jones: Ich bleibe dabei, dass wir immer noch zu den Top-Teams gehören. Ich bin immer noch davon überzeugt, dass wir jede Mannschaft schlagen können, aber dafür müssen wir eben alles abrufen. Aber dass wir eine sehr, sehr hohe Qualität haben, sehe ich ja in jeder Trainingseinheit. Auch die Jungen, die jetzt nachkommen.

 

Haben Sie Angst, dass die anderen Nationen langfristig an der deutschen Elf vorbeiziehen?

Jones: Dänemark, Österreich, die Niederlande und England standen bei der EM zu Recht im Halbfinale und haben auch gezeigt, dass die Leistungsdichte da ist. Das haben wir aber auch nie verneint. Wir alle haben schon vor der WM 2015 und auch vor Olympia darauf hingewiesen, dass es immer enger wird für uns und dass wir diesen Vorsprung nicht halten können, wenn wir uns auf den Lorbeeren ausruhen. Wir haben Talente, wir haben die Qualität, aber wir dürfen nicht glauben, das alles geht nur mit ein bisschen Tiki-Taka.

 

Mit welcher Einstellung gehen Sie jetzt an die WM-Quali ran?

Jones: Ich gehe in jedes Spiel und in jedes Turnier und möchte den Titel gewinnen, egal mit welcher Mannschaft. Und die Spielerinnen sollen genau so reingehen. Es wäre schade, wenn wir uns klein machen. Titel sind immer das Ziel.

 

Sie haben mit Carina Schlüter, Joelle Wedemeyer und Lea Schüller für das Qualifikationsspiel gegen Slowenien drei Neulinge nominiert, elf weitere Spielerinnen haben bisher weniger als 20 Länderspiele absolviert. Ist das der neue Umbruch?

Jones: Es ist kein weiterer Umbruch, es geht in diesem Prozess weiter. Nur jetzt wirkt es so, weil so viele Spielerinnen ausgefallen waren. Aber dass man immer wieder jüngere Spielerinnen integriert, ist auch wichtig, damit diese Erfahrung sammeln können.

 

Simone Laudehr kehrt nach 13-monatiger Verletzungspause zu-rück. Was erwarten Sie von ihr?

Jones: Simone ist eine leidenschaftliche Spielerin, sie bringt unwahrscheinlich viel Ehrgeiz mit, sie ist eine Kämpferin, sie ist lautstark, sie motiviert jetzt schon im Training jeden und redet direkt mit vielen Spielerinnen. Das zeigt, dass sie auch eine Leaderin sein kann. Jetzt ist es wichtig, dass sie auch bei uns wieder Spielpraxis kriegt, dass sie reinkommt und hoffentlich unverletzt bleibt.

 

Der DFB hat Ihnen sozusagen eine zweite Chance gegeben. Wie gehen Sie mit diesem Druck um?

Jones: Ich habe jetzt zwei Jahre Zeit - natürlich ist es ein Druck, das will ich auch gar nicht verhehlen, weil man jetzt auch wieder erwartet, dass da ein Weltmeistertitel herauskommt, den man nie versprechen kann. Ich und wir müssen mit dem Druck umgehen, aber man kann eben auch nicht mehr als seinen Job machen. Und dann sieht man am Ende, was dabei herauskommt. Ich habe schon so viel mitgemacht, dass ich genau weiß, wie stark ich bin und dass ich jetzt mit diesem Druck auch umgehen kann. Und wenn ich mich rausziehen will, dann habe ich ganz starke Menschen um mich herum, die das sofort erkennen und sagen: "So Fräulein, jetzt ziehen wir dich mal raus." Das ist super, das hilft mir dann.

 

Das Interview führte Julia Pickl.