Ingolstadt: Der Abräumer kehrt heim
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Ingolstadt

Brasilien ist Rogers Heimat. Und wer den 31-Jährigen näher kennt, der weiß, dass die Sehnsucht nach Südamerika in ihm schon immer stark gelodert hat. Als er beispielsweise 2004 im Alter von 18 Jahren erstmals deutschen Boden betrat, machte sich das Heimweh bereits bemerkbar. "Julio Cesar von Borussia Dortmund fädelte das damals ein. Ich habe dann bei verschiedenen Vereinen trainiert und bin vier Monate in Bielefeld bei Trainer Uwe Rapolder geblieben. Aber als ich in der Winterpause in meiner Heimat war und meine Familie wiedersah, da wollte ich nicht mehr zurück", erzählte Roger unserer Zeitung vor drei Jahren von seinen Anfängen im Ausland. 2009 versuchte er nochmals den Sprung über den Großen Teich, landete zuerst bei Energie Cottbus und schließlich 2012 in Ingolstadt.

Doch die Sehnsucht nach Sonne, Meer und der Familie in Brasilien war immer da. "Es war immer wieder ein Thema bei ihm, dass er mit seiner Familie wieder nach Brasilien zurückkehren will", sagte gestern Sportdirektor Thomas Linke. Er habe sich zwar immer zu 100 Prozent in Ingolstadt wohlgefühlt, doch es sei immer sein Ziel gewesen, nach Brasilien zurückzukehren und dort noch ein paar Jahre Fußball zu spielen. Im Sommer folgt nun nach dem Auslaufen des Vertrags beim FCI der Wechsel zurück in die Heimat. "Die Entscheidung fiel mir schwer, aber es wird Zeit, nach acht Jahren in Deutschland nach Hause zu gehen. Es ist allen voran eine Entscheidung für die Familie, die meine Frau und ich getroffen haben", sagte Roger gestern.

Roger wurde am 10. August 1985 im Bundesstaat São Paulo geboren. Mit seinem Landsmann und ehemaligen FCI-Profi Caiuby spielte er bereits in Jugendmannschaften zusammen. Er war ein Grund, warum der heute 31-Jährige im Jahr 2012 zu den Schanzern wechselte. Denn Caiuby erleichterte ihm auch den Anschluss an seine Landsleute. In Cottbus, wo Roger zuvor unter Vertrag stand, absolvierte er 63 Zweitligaspiele und erzielte ein Tor. In Ingolstadt lief er in über doppelt so vielen Partien auf und wurde bei den Oberbayern als Abräumer im Mittelfeld geschätzt und half auch in der Abwehr aus. Roger war dort eine Stütze und sorgte mit seinem teils rustikalen Auftreten für eine stabile Defensive mit Kapitän Marvin Matip.

Rogers Weggang im Sommer wird also eine Lücke in der Mannschaft hinterlassen. Deshalb sahen die Ingolstädter auch von einem Wechsel im Winter ab, obwohl sie jetzt die letzte Chance gehabt hätten, noch eine Ablösesumme für den Brasilianer zu erhalten. "Wir haben uns im Gespräch mit ihm dafür entschieden, dass er die Saison mit dem FC Ingolstadt zu Ende spielt, weil die Wahrscheinlichkeit, die Klasse mit Roger zu halten, größer ist, als ohne ihn. Er wird sich hier bis zum Ende reinhauen", sagte Sportdirektor Thomas Linke. "Deshalb verzichten wir auf eine Ablösesumme." Angebote für ihn hätten aber vorgelegen. "Es gab Anfragen von renommierten Vereinen aus dem Ausland. Was Angebote betrifft, hätte er ohne Probleme bereits im Winter wechseln können."

So aber will Roger noch etwas Historisches mit dem FCI erreichen: den Klassenerhalt, den noch nie eine Mannschaft zuvor mit einem vergleichbar schlechten Saisonstart schaffte. "Ich freue mich auf die Rückrunde mit den Schanzern und will alles reinpacken, damit wir in der Liga bleiben, bevor für mich ein neues Kapitel beginnt", sagte Roger. Wo er künftig spielen wird, ist noch nicht endgültig fixiert. Allerdings scheint ein Wechsel zu Atlético Mineiro recht wahrscheinlich zu sein. Der brasilianische Traditionsverein wurde 1971 erster offizieller Fußball-Meister Brasiliens. Zudem ist Atlético der einzige Klub, der die Copa Conmebol zweimal gewinnen konnte.

Beim FC Ingolstadt haben dagegen schon die Planungen für die Nach-Roger-Ära begonnen. "Wir haben sechs Monate Zeit, darüber nachzudenken und die Zukunft nach Roger zu planen", sagte Linke. Allerdings rüsten die Schanzer personell wohl erst im Sommer nach - auch wenn sich der Sportdirektor noch ein Hintertürchen offen lässt: "Falls es bereits jetzt einen interessanten Perspektivspieler gibt, sind wir so flexibel, dass wir auch jetzt schon reagieren können." Und auch die Fans haben noch sechs Monate Gelegenheit, sich von Roger gebührend zu verabschieden - bevor er dem Ruf seiner Heimat endgültig folgt.