Stefan Kutschke trifft vom Punkt zum 2:1 für den FCI Stefan Kutschke trifft vom Punkt zum 2:1 für den FCI
Stefan Kutschke
© 2017 SID
Ingolstadt

Als gebürtiger Dresdener und bekennender Dynamo-Fan steht Stefan Kutschke am Samstag unter besonderer Beobachtung. Vonseiten seines neuen Klubs FC Ingolstadt, und vermutlich noch mehr von den Anhängern seines Ex-Klubs Dynamo Dresden, für den er noch bis zum Sommer aktiv war. Dies umso mehr, nachdem Dynamo-Sportdirektor Ralf Minge in der laufenden Woche erklärt hat, dass die von vielen Dresdener Anhängern gewünschte Weiterverpflichtung Kutschkes an den Vorstellungen des Spielers gescheitert sei. Im Folgenden erzählt Kutschke vor dem Wiedersehen mit seinem Ex-Klub, wie er mit der Situation umgeht und warum seine Liebe zu Dresden und zu Dynamo ungebrochen ist.

 

Herr Kutschke, vor Ihrer Rückkehr in die Heimat werden Sie mit dem Vorwurf konfrontiert, dass ein Verbleib in Dresden an Ihnen gescheitert sei, Sie Dynamo "verraten" hätten. Stimmt das, oder will man damit nur das Duell anheizen?

Stefan Kutschke: Ob man die Stimmung anheizen will und was überhaupt "Verrat" heißt, darüber kann man natürlich sehr unterschiedlicher Meinung sein. Inzwischen habe ich so oft erklärt, dass die Vertragssituation seinerzeit nicht einfach war, dass ich von Nürnberg an Dresden ausgeliehen war und dementsprechend viele Faktoren eine Rolle gespielt haben. Deshalb: Wer sich mit dem Wechsel beschäftigt hat, weiß, was abgelaufen ist. Mich lassen solche Aussagen kalt.

 

Trotzdem kann man durch solche Aussagen natürlich die Stimmung beeinflussen. Was denken Sie, wie werden Sie die Dresdner Fans empfangen?

Kutschke: Ehrlich gesagt kann ich das nicht wirklich einschätzen. Es gibt auch genug Leute, die dankbar sind und sich erinnern, was ich zum Beispiel in Spielen gegen Leipzig, Stuttgart oder Braunschweig für den Klub geleistet habe. Andere sagen vielleicht, dass sie sich meinen Abschied anders vorgestellt haben. Möglich, dass es zwiegespalten ist, das ist aber auch völlig in Ordnung und hat keinen Einfluss auf das Spiel.

 

Ihre Konzentration auf das Spiel ist also nicht beeinträchtigt?

Kutschke: Nein, das wäre auch schlimm. Wenn ich irgendwo Bedenken hätte, würde ich heute unserem Trainer sagen: "Bitte lass mich zu Hause!" Aber das passiert ganz sicher nicht.

 

Ihre Verbindung zu Dynamo Dresden ist nicht nur intensiv, sie ist auch schon recht alt. Schon als Jugendlicher sind Sie Mitglied der Ultra-Fans geworden. Wie kam es dazu?

Kutschke: Ja, das stimmt, ich bin auch immer noch aktives Mitglied. Über die Familie und die Freunde gab es schon früh eine starke Beziehung zu Dynamo, und irgendwann wollte auch ich dann mitwirken und dabei sein. Damals habe ich ja noch überhaupt nicht damit gerechnet, jemals selber Profi werden zu können.

 

Entsprechend haben Sie auch Choreografien entwickelt, Fahnen gebastelt . . .

Kutschke: . . . ja sicher. Meine Mutter hat erst vor Kurzem eine selbst gebastelte Fahne im Keller wiederentdeckt und gefragt, ob sie die wegwerfen soll. "Ach nee, lasse mal noch liegen", hab' ich nur gesagt (lacht).
 

Dann hingen doch bestimmt auch Bilder von alten Dynamo-Größen wie zum Beispiel Dixie Dörner, Matthias Sammer oder Ulf Kirsten in Ihrem Kinderzimmer?

Kutschke: Meine Eltern haben mich tatsächlich mit Poster aus den glorreichen Zeiten versorgt, als Dynamo noch international gespielt hat. Hansi (Hans-Jürgen, Anmerk. d. Red.) Kreische, der nachher auch einer meiner Förderer war, gehörte dazu, aber natürlich auch Dixie Dörner oder Reinhard Häfner.

 

Überhaupt scheinen Sie Ihre Anfänge nicht vergessen zu haben. Stimmt es, dass Sie mit Ihrem Neffen noch heute regelmäßig den Bolzplatz besuchen, auf dem Sie selber begonnen haben?

Kutschke: Ja, das ist richtig. Auch wenn sich dort vieles verändert hat und mittlerweile ein toller Kunstrasenplatz entstanden ist, erinnere ich mich gerne und auch mit einer gewissen Dankbarkeit an meinen ersten Verein zurück. Da habe ich auf roter Erde, auf einem Hartplatz begonnen. Wenn ich heute zurückkomme, behandeln mich die Leute noch genauso herzlich wie damals.

 

Das war bei den Sportfreunden Dresden-Nord. Ihren ersten Jugendtrainer, Maik Hebenstreit, sehen Sie ja am Samstag wieder, weil er seit vielen Jahren Zeugwart bei Dynamo ist.

Kutschke: Er war mein erster Trainer, stimmt. Das sind solche Geschichten, die dir nur passieren, wenn du nach Hause kommst. Aber mal sehen, ob wir uns wirklich treffen, weil den Job seit dieser Saison jemand anderes macht. Ich würde mich aber natürlich freuen, wenn es klappt.

 

Auf wen freuen Sie sich noch?

Kutschke: Auf einige Leute. Zum Beispiel auf Trainer Uwe Neuhaus, der mich stets gefördert hat. Und natürlich auch auf Ralf Minge.

 

Auch auf den Dynamo-Sportdirektor? Schließlich hat der Ihnen vorgeworfen, dass eine Verpflichtung an Ihnen gescheitert ist?

Kutschke: Wenn ich sehe, was ich in den vergangenen eineinhalb Jahren dort erleben durfte, dann habe ich den Dynamo-Verantwortlichen einfach viel zu verdanken. Deshalb wird sich an meiner Einstellung zu diesen Leuten auch nichts ändern. Alles andere ist abgehakt.

 

Man kann annehmen, dass es am Samstag einen Kutschke-Block im Stadion geben wird. Wie viele Karten haben Sie denn für Freunde und Familie bestellt?

Kutschke: 30! Das Stadion ist zum ersten Mal in dieser Saison ausverkauft. Wir freuen uns schon riesig auf das Spiel.

 

In sportlicher Hinsicht scheinen beide Klubs nach einem jeweils holprigen Saisonstart derzeit ein ähnliches Schicksal zu teilen.

Kutschke: Ja, das kann man sicher vergleichen: Dynamo hatte durch den guten fünften Platz in der Vorsaison natürlich einen gewissen Druck, Ingolstadt wurde als Absteiger gleich in die Favoritenrolle gedrängt. Dann mussten beide Klubs feststellen, wie unangenehm und schwer zu spielen diese Liga ist. Beide haben aber zuletzt gewonnen. Vor allem unser Sieg gegen Darmstadt war natürlich richtig überragend und gibt uns Selbstvertrauen.

 

Zum Schluss die Frage, die jeder Rückkehrer beantworten muss: Würden Sie bei einem Torerfolg gegen Ihren Heimatklub jubeln?

Kutschke: Damit habe ich natürlich gerechnet, weil die Frage tatsächlich oft gestellt wird. Dabei vergessen viele, wie schwer es ist, überhaupt ein Tor zu erzielen. Sollte es tatsächlich passieren, werde ich aber sicher nicht in Jubelarien verfallen, das ist klar.

 

Das Gespräch führte Norbert Roth.

Zur Person

Stefan Kutschke ist gebürtiger Dresdener, kam aber erst im Jahr 2016, nach den Profistationen SV Babelsberg, RB Leipzig, VfL Wolfsburg, SC Paderborn und 1. FC Nürnberg, als Leihspieler zu seinem Herzensklub Dynamo Dresden. Mit 16 Toren avancierte Kutschke dort in der Vorsaison zum drittbesten Zweitligastürmer. Weil die Sachsen nicht bereit waren, die Ablöse von kolportierten 1,3 Millionen Euro zu zahlen, scheiterte eine Verpflichtung und der 28-Jährige unterschrieb bis 2021 beim FC Ingolstadt. nor


"Geisterspiel" in Dresden

An diesem Samstag (Anstoß 13 Uhr) wird es wieder laut im Stadion bei der Partie zwischen Dresden und dem FC Ingolstadt. Am 11. März 2012 war es dagegen ganz anders. Gähnende Leere auf den Rängen im Dresdner Stadion, als die Dynamo-Spieler und die Profis des FC Ingolstadt den Rasen betraten. Keine Anfeuerungsrufe, keine Musik – nichts hallt durch das Stadion, obwohl es ausverkauft ist. Nur dumpf sind innen die Fangesänge vor dem Stadion zu hören. Mehr als 25.000 Tickets verkauften die Dresdner im Vorfeld dieser Partie aus Solidarität, obwohl die Anhänger wissen, dass sie das Spiel gar nicht sehen dürfen. Der Grund: Die Zweitligapartie fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Ende Februar 2012 hatte das DFB-Sportgericht den Pokalausschluss Dynamos wegen der Krawalle beim Zweitrundenspiel in Dortmund in ein „Geisterspiel“ gegen den FCI umgewandelt. „Ein Spiel ohne Zuschauer ist schon komisch“, sagte anschließend der damalige FCI-Profi Caiuby nach dem 0:0. „Für mich war es eines der leichtesten Auswärtsspiele, die ich je spielen durfte“, sagte Florian Heller und erinnerte damit an die fehlende Unterstützung für die Heimmannschaft, die dem FCI zugute kam. Dies wird allerdings an diesem Samstag mit Sicherheit anders sein. tis