Der Trainer ist der Star
Mönchengladbach (DK) Borussia Mönchengladbach hatte Glück. In der Relegation schaffte es der fünffache Deutsche Fußball-Meister, die Klasse zu halten. Heuer will es Lucien Favre, einer der stärksten Trainer der Borussen-Geschichte, nicht so weit kommen lassen.
n Der unvergessliche Moment der vergangenen Saison: Der ereignete sich in Bochum, vorausgegangen war ein simpler Doppelpass zwischen Marco Reus und Igor de Camargo. Reus vollendete mit einem Flachschuss zum 1:1-Ausgleich und löste selbst beim sonst so kontrollierten Lucien Favre einen Jubellauf vor der Trainerbank aus. Reus' Tor im zweiten Relegationsspiel bedeutete die Rettung im Abstiegskampf nach dem 1:0 im Heimspiel.
n Zitat der Saison: Das lieferte eines der alten Borussen-Idole. Berti Vogts, Unterstützer der Initiative Borussia, die Präsident Rolf Königs stürzen wollte, urteilte in der Krise über die speziellen Gladbacher Verhältnisse und Sportdirektor Max Eberl: „Er weiß ja gar nicht, wie er in diese Position gekommen ist. Er ist wahrscheinlich zufällig mit dem Fahrrad vorbeigefahren und Rolf Königs hat ihn gesehen und dann gesagt: ,Max, willst Du nicht Sportdirektor werden’“
n So steht es um den Trainer: Jahrelang reihten sich die Gladbacher Trainer ganz weit vorne ein in der Liste derjenigen, denen als erste während einer Saison der Rauswurf drohte. Darüber muss sich Lucien Favre wenig Gedanken machen. Der Retter ist so stark, wie seit Hans Meyer niemand mehr. Und er nutzt seine Stellung, fordert Verstärkungen, die ihm Sportdirektor Eberl nicht liefern kann. Weil er kein Geld hat. Erst verkaufen, dann erst wieder einkaufen. Eine Bedingung, die Favre nicht mehr lange zähneknirschend akzeptieren wird.
n Wer ist bei den Fans umstritten? In der Euphorie des Last-Minute-Klassenerhaltes haben die Fans wieder alle lieb. Derjenige, der den Kredit als Erster aufgezehrt hätte, haben die Gladbacher verkauft: Karim Matmour steht jetzt bei Eintracht Frankfurt unter Vertrag. Aufgerückt ist deshalb Mohamadou Idrissou. Sein Pech: Beim Trainer steht auch der Kameruner auf dem Abstellgleis.
n Des Trainers Liebling: Lucien Favre gehört in die Trainer-Kategorie höchste Kompetenz, größtmögliche Unabhängigkeit. Daher ist Favre ein Trainer, der gänzlich ohne Lieblinge auskommt.
n Innenansichten – Skurriles aus dem Verein: Wenn der Mythos wankt, melden sich die Alt-Stars. Erst griff Berti Vogts an, dann sprang ihm Günter Netzer zur Seite. Leidtragender war Sportvorstand Rainer Bonhof, der sich mit seinen Weltmeister-Freunden im Winter anlegte – heraus kam ein absurdes Theater. Streitpunkt war unter anderem die „Vetternwirtschaft“ im Klub. Netzer kritisierte: „Der Verein wird von einem Präsidenten geführt, der alles an sich gerissen hat. Das ist viel zu viel Machtfülle.“ Dem widersprach Bonhof, sprach von „Blödsinn“, betonte zugleich sein gutes Verhältnis zu Vogts und Netzer, hieß beide stets herzlich willkommen, um ihre Sicht darzustellen. „Kaffee und Kuchen ist auch immer da“, sagte Bonhof. Und fing sich einen Korb ein. Netzer konterte das Angebot barsch. „Ich komme nicht“.
n So wollen sie spielen: Ter Stegen - Jantschke (Zimmermann), Stranzel, Dante, Daems (Wendt) - Reus, Bradley (Neustädter), Nordtveit, Arango (Rupp) - Hanke (Bobadilla), de Camargo.
n Was muss sich ändern? Die Erwartungshaltung an eine junge Mannschaft. Im Vorjahr hatte die Klubführung offiziell das Wort Abstieg aus dem Wortschatz gestrichen. Es trieb dann noch zehn Tage nach dem Saisonende sein Unwesen – wegen der Relegationsspiele. Nach dem Aufstieg 2008 hat Gladbach in zwei von drei Jahren den Abstieg erst in letzter Sekunde vermeiden können. Daher: Lieber vom Abstieg reden und dann so spielen, um damit nicht so viel konfrontiert zu sein, wie in den vergangenen Jahren.
n Einlauftipp: Platz elf mit Tendenz nach unten.
Von Stephan Esser
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