Erhält in Ingolstadt das Trikot mit der 19: Neuzugang Tim Stapleton wählte die Rückennummer in Anlehnung an sein Jugendidol Steve Yzerman von den Detroit Red Wings.
Erhält in Ingolstadt das Trikot mit der 19: Neuzugang Tim Stapleton wählte die Rückennummer in Anlehnung an sein Jugendidol Steve Yzerman von den Detroit Red Wings.
Bösl
Ingolstadt
Beim ersten Training präsentierte sich der nur 1,73 Meter große Stürmer gestern als Teamplayer mit Sinn für Humor.

 

 

"Sein Spielverständnis ist außerhalb der normalen Messwerte."

ERC-Trainer Doug Shedden über Neuzugang Tim Stapleton

 

Um sich dem Wesen eines Menschen zu nähern, ist sein Spitzname nicht der schlechteste Anhaltspunkt. Tim Stapleton hat gleich zwei: Sein Vater nannte ihn "Buster", was man mit "kleiner Junge" übersetzen kann. In Eishockeykreisen kennt man Stapleton aber noch unter einem anderen Spitznamen: "Ich nenne ihn ,Tiger', weil er ein bisschen wie Tiger Woods aussieht", sagt ERC-Trainer Doug Shedden schmunzelnd. "Ich mag Tiger Woods, also ist das okay für mich", sagt der Stürmer lächelnd.

Mit dem Profigolfer hat Stapleton allerdings nicht nur optisch eine gewisse Ähnlichkeit: Wie Woods ist auch der Mann aus einem Vorort von Chicago, der das Schlittschuhlaufen im vereisten Garten seines Elternhauses lernte, ziemlich gut darin, das Spielgerät zu versenken. In allen großen Ligen und Ländern der Eishockey-Welt und bei drei Weltmeisterschaften war Wandervogel Stapleton aktiv, und überall hat es der 35-Jährige im Tor klingeln lassen. Sogar in der nordamerikanischen Profiliga NHL, wo er 118-mal für die Toronto Maple Leafs, die Atlanta Thrashers und die Winnipeg Jets auflief und immerhin 19 Treffer erzielte.

"Ich hätte nie gedacht, dass ich es mal in die NHL schaffe", sagt Stapleton, der aufgrund seiner für Eishockey-Profis geringen Körpergröße von 1,73 Metern nicht gedraftet worden war. Inzwischen seien allerdings auch kleinere Spieler gefragt: "Patrick Kane (Stürmer von den Chicago Blackhawks, d. Red.) , einer der besten Spieler der Welt, ist wahrscheinlich das beste Beispiel."

Stapleton selbst hingegen kehrte nach seiner ersten kompletten Saison für die Jets 2011/12 nie wieder in die NHL zurück - trotz diverser Angebote. "Mein erstes Jahr in der russischen Liga (bei Dynamo Minsk wurde Stapleton sogar ins Allstar-Team berufen, d. Red.) lief ganz gut. Ich war 30, hatte keine Kinder, und um ehrlich zu sein, wollte ich Geld verdienen", gibt der Rechtsschütze zu. "Ich habe viele NHL-Kollegen wie Chris Chelios gefragt, was ich machen soll, und die meisten haben mir geraten, in Russland zu bleiben."

Also versuchte Stapleton sein Glück weiter in der KHL, der zweitbesten Liga der Welt. Er trug das Trikot der Teams aus Kasan, Nischnekamsk und Magnitogorsk und musste während der Wirtschaftskrise mit ansehen, wie die massive Entwertung des Rubels seine Einkünfte fast halbierte. "Über Russland könnte ich ein paar Bücher schreiben. Es ist anders, aber ich bin froh, dass ich diese Erfahrung gemacht habe", sagt er und lacht.

2015 verschlug es den Wandervogel in die Schweiz nach Biel und Lugano, 2016 zu Färjestads BK nach Schweden und noch mal nach Russland zu Spartak Moskau. 2017 heuerte er beim Schweizer Zweitligisten EHC Olten an, ehe er jetzt erstmals nach Ingolstadt und Deutschland kam. "Ich versuche es in jedes Land zu schaffen, bevor ich meine Karriere beende", scherzt Stapleton.

Dass er in den vergangenen zweieinhalb Jahren inklusive des ERC bei insgesamt acht Klubs unter Vertrag stand, erklärt er augenzwinkernd so: "Ich glaube, dass mich halt jeder haben will." Nicht jeder Wechsel sei allerdings geplant gewesen, so manches habe sich einfach ergeben, schiebt er hinterher.

Bei den Panthern arbeitet Stapleton, der einen Universitätsabschluss in Kriminologie vorweisen kann, zum dritten Mal in seiner Karriere mit Trainer Shedden zusammen - der ein gewichtiger Grund für seinen Wechsel nach Ingolstadt gewesen sei, wie er zugibt. "Wir waren gemeinsam in zwei Finalserien, einmal mit Jokerit in Finnland und mit Lugano in der Schweiz. Doug meint, dass ich dem Team helfen kann, und diese tolle Chance in einer höheren Liga wollte ich ergreifen und Spaß haben."

Shedden ist überzeugt, dass der schnelle Stapleton den ERC besser macht: "Er ist ein hochtalentierter Spieler mit guten Beinen. Er liest das Spiel exzellent, sein Spielverständnis ist außerhalb der normalen Messwerte", adelt ihn der 56-jährige Kanadier. "Und es ist angenehm und einfach, mit ihm zu arbeiten."

In Ingolstadt soll Stapleton, den Betreuer Andreas Weinzierl gestern Morgen aus Olten abholte, dem lahmenden Angriff neue Impulse verleihen. "Ich fühle mich auch mit 35 noch sehr gut. Ich war eigentlich immer ein Scorer. Hoffentlich kann ich das hier auch sein. Ich mag es, offensiv zu spielen", sagt er. Neben seiner Schnelligkeit verfügt der Bronzemedaillen-Gewinner der WM 2013 auch über einen harten Schuss: Bei einem teaminternen Wettbewerb in Winnipeg ließ der vergleichsweise zart gebaute Stapleton bis auf zwei alle Mitspieler hinter sich. "Sie waren überrascht, ich aber auch. Vielleicht hat das Messgerät aber auch meinen Schuss in Kilometern statt Meilen pro Stunde angezeigt", scherzt er.

In seinem ersten ERC-Training stürmte der Neue gestern an der Seite von Brett Olson und Joachim Ramoser. Auf welcher Position Stapleton bei seinem Debüt am Freitag gegen die Eisbären Berlin (19.30 Uhr, Saturn-Arena) auflaufen wird, steht laut Shedden aber noch nicht fest. "Ich werde mir ein Bild machen, mit ihm sprechen und rausfinden, wo er am besten reinpasst." Kein Problem für Stapleton: "Ich spiele, wo sie mich aufstellen. Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich mich wohl für die Mittelstürmerposition entscheiden. Aber ob Center oder auf dem Flügel - ich habe beides schon über eine komplette Saison gespielt."

Von seinem neuen Arbeitgeber zeigt sich der Allrounder angetan: "Es ist alles sehr professionell hier, die Halle und die Einrichtungen sind toll." Von seinen Teamkollegen bei den Panthern kannte er bis gestern keinen persönlich. "Gegen ein paar habe ich aber schon gespielt", sagt er. In der kommenden Woche sollen dann auch Stapletons Verlobte Marissa, Sohn Boomer und das drei Monate alte Töchterchen Sienna nach Ingolstadt nachkommen. Und beim ERC hoffen sie, dass der "Tiger" unter Panthern reiche Beute macht.

MCNEILL FÄLLT LÄNGER AUS

Verteidiger Patrick McNeill wird dem ERC Ingolstadt voraussichtlich bis zur Olympia-Pause der Deutschen Eishockey-Liga (3. bis 27. Februar) fehlen. Der 30-jährige Kanadier erlitt beim 5:4-Erfolg nach Verlängerung am vergangenen Sonntag gegen den EHC München eine von den Panthern nicht näher definierte Unterkörperverletzung. Damit dürfte auch McNeills Traum von der Olympia-Teilnahme in Pyeongchang/Südkorea geplatzt sein. Er war in den vorläufigen Kader von Team Canada für die Winterspiele berufen worden. Kael Mouillierat, der am Sonntag angeschlagen passen musste, soll nach Klubangaben am kommenden Freitag gegen die Eisbären Berlin wohl wieder auflaufen können. | alp