Herr: "Jamaika ist die einzig realistische Option"
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Herr Wiegard, für die kommende Bundesregierung geht die Reise voraussichtlich nach Jamaika. Wie schätzen Sie die Folgen ein?

Wolfgang Wiegard: Wenn man die Wahlprogramme der Parteien vergleicht, dann sind in vielen wirtschaftspolitischen Bereichen ganz erhebliche Unterschiede festzustellen - vor allem zwischen den Grünen und der CSU. Ich erwarte jedoch, dass man sich einigen wird, denn Jamaika ist die einzig realistische Option. Man wird einen Kompromiss eingehen. Das bedeutet für mich, dass die nächste Legislaturperiode von einem wirtschaftspolitischen Stillstand gekennzeichnet sein wird.

 

Was heißt das für die deutsche Wirtschaft?

Wiegard: Die deutsche Wirtschaft läuft ja seit einigen Jahren ganz außerordentlich gut. Insofern ist nicht zu erwarten, dass - sollte dieser Stillstand eintreten - es zu einem konjunkturellen Einbruch kommt. Allerdings sind die Weichen für langfristige Entwicklungen zu stellen, die mit dem demografischen Wandel zu tun haben. Denken Sie nur einmal an die gesetzliche Rentenversicherung: Solche Entscheidungen sollten nicht übermäßig lange aufgeschoben werden.

 

Wer wäre nach Schäuble Ihr Favorit als Finanzminister?

Wiegard: Da fällt mir, ehrlich gesagt, niemand so recht ein. Bei den Grünen wüsste ich überhaupt nicht, wer das machen könnte. Bei der FDP kommen verschiedene Personen infrage: Volker Wissing, der ja jetzt in Rheinland-Pfalz Minister ist, Christian Lindner selbst oder Alexander Graf Lambsdorff. Aber auch Werner Hoyer, Präsident der Europäischen Investitionsbank. Es gäbe genug Personal, aber klar ist: Derjenige tritt in große Fußstapfen, die Schäuble hinterlassen hat.

 

Die Konjunkturprognosen sind nach wie vor sehr positiv. Wie sind Ihre Aussichten fürs nächste Jahr?

Wiegard: Auch 2018 ist in ziemlich trockenen Tüchern, denke ich. Man weiß es nicht genau, denn wenn der Nordkorea-Konflikt eskalieren sollte oder Katalonien unabhängig wird, könnte das zu Turbulenzen führen. Ansonsten kann man davon ausgehen, dass die deutsche Wirtschaft im nächsten Jahr um zwei Prozent wachsen wird, und das ist wirklich anständig viel.

 

Wie beurteilen Sie die Entwicklung in Katalonien? Wenn ein Catalexit käme - könnte das erneut eine Euro-Krise auslösen?

Wiegard: Ein Ausstieg wäre für Katalonien fatal. Eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union würde erst einmal nicht infrage kommen. Spanien hätte ein Vetorecht. Das verbleibende Spanien selbst würde vermutlich herabgestuft werden von den Rating-Agenturen, sodass mit einem Anstieg der langfristigen Zinsen zu rechnen ist. Das könnte Spanien wieder in eine Krise stürzen. Ich hoffe, das kann abgewendet werden, denn alle Beteiligten würden nur verlieren. Auf der anderen Seite: Beim Brexit verlieren auch alle, und es ist trotzdem so weit gekommen.

 

Die europäische Schuldenkrise ist offenbar überstanden. Ist der Euro gerettet?

Wiegard: Der Euro wird Bestand haben, davon bin ich überzeugt. Aber die Euro-Krise währt jetzt seit fast zehn Jahren - das ist kein Dauerzustand. Es wäre sinnvoll, Reformen anzupacken, um die institutionellen Grundlagen der Euro-Zone auf solidere Füße zu stellen. Das Problem ist, dass dies einstimmig geschehen muss und gegebenenfalls auch die Europäischen Verträge geändert werden müssen. Da hakt es schon.

 

Wie lange wird es noch gut gehen mit der Politik der Europäischen Zentralbank?

Wiegard: Ich vermute, dass die EZB 2018 aus ihrem Programm der Anleihenaufkäufe langsam aussteigen wird. Im Moment kauft sie ja noch jeden Monat für 60 Milliarden Euro Staatsanleihen der Mitgliedländer, teils auch Unternehmensanleihen. Das wird sie vermutlich ab 2018 schrittweise reduzieren. Und danach wird die EZB langsam und vorsichtig anfangen, die Leitzinsen anzuheben. Wir können aber davon ausgehen, dass wir die nächsten zwei oder drei Jahre noch relativ niedrige Zinsen haben werden.

 

Sie waren früher Mitglied im Rat der Immobilienweisen. Was sagen Sie: Gibt es schon eine Immobilienblase?

Wiegard: Bundesweit, da sind sich alle Marktbeobachter einig, haben wir keine Immobilienblase. Wir haben Preisübertreibungen in der Größenordnung von 15 bis 30 Prozent in den großen Städten - insbesondere in sogenannten A-Städten wie Berlin, Hamburg, Stuttgart, Frankfurt und natürlich auch München. Aber die sind nicht so außerordentlich hoch, dass, wenn es zu einer Korrektur kommt, gleich der Markt zusammenbricht. Auch alle anderen Indikatoren wie das Wachstum der Kreditvergabe für Immobilien oder das Verhältnis von Jahreseinkommen zum Kaufpreis deuten darauf hin, dass man bundesweit keinesfalls von einer Immobilienblase sprechen kann. Aber der Markt ist regional sehr unterschiedlich.

 

Wie bewerten Sie die Situation bei uns in der Region?

Wiegard: Ich habe einen Vergleich gemacht zwischen Pfaffenhofen und den umliegenden Landkreisen. Mein Eindruck ist, dass Pfaffenhofen sehr gut abschneidet. Die Preissteigerungen für Wohneigentum zwischen 2005 und 2016 liegen bei rund 23 Prozent. Das ist nicht übermäßig viel. Die Quadratmeterpreise sind hoch, aber auch noch akzeptabel.

 

Sollten wir unsere Ersparnisse nun zum Beispiel in Mikro-Appartments für Studenten investieren?

Wiegard: Ich bin sehr skeptisch, was solche Nischen betrifft. Bei Studenten-Appartments oder auch Pflege-Immobilien braucht es schon eine extrem gute Marktkenntnis, die man als normaler Investor eigentlich nicht hat. Der Erwerb von selbst genutztem Wohneigentum hingegen ist in allen 402 Landkreisen Deutschlands nach wie vor günstiger als das Wohnen zur Miete. Das erfordert allerdings ein Eigenkapital von 20 bis 30 Prozent der Kaufsumme, und das muss man erst einmal haben.

 

Die Fragen stellte Suzanne Schattenhofer.

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