Herr Wambach, die Lufthansa übernimmt den größten Teil von Air Berlin. Ein Albtraum für Wettbewerbshüter wie Sie?

Achim Wambach: So weit sind wir ja noch nicht. Der nächste Schritt ist, dass die Kartellbehörden das Ganze sehr genau prüfen werden. Sie schauen sich die einzelnen Strecken an. Und wenn Wettbewerbsprobleme erkannt werden, wird es sicherlich Auflagen geben. Ich halte das für wahrscheinlich.

 

Was wäre da denkbar?

Wambach: Möglich wären Verpflichtungen, bestimmte Start- und Landerechte an Wettbewerber abzugeben. Bei jeder Strecke wird geprüft, ob alternative Möglichkeiten vorhanden sind. Auch Zugverbindungen werden dabei in Betracht gezogen. Klare rote Linien gibt es nicht für die Behörden. Aber wenn sie den Wettbewerb stark eingeschränkt sehen, werden sie Auflagen erteilen.

 

Lufthansa-Chef Carsten Spohr ist der Meinung, nicht die einzelne Strecke müsse der Maßstab sein, sondern eigentlich der weltweite Marktanteil. . .

Wambach: Es ist immer die Frage, was der relevante Markt ist. Das sind die Strecken, nicht der Weltmarkt. Die Alternative für die Strecke München-Berlin ist nicht München-Paris. Es führt kein Weg daran vorbei, die Wettbewerbssituation bei einzelnen Verbindungen zu überprüfen.

 

Auf einigen Strecken werden Lufthansa sowie ihre Tochter Eurowings fliegen. Wie bewerten Sie solche Konstruktionen?

Wambach: Es gibt Szenarien, wo zwei Unternehmen organisatorisch deutlich getrennt sind. Bei Eurowings und Lufthansa ist das nicht der Fall.

 

Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass die Kartellbehörden dem Deal am Ende zustimmen?

Wambach: Der Deal wird sicherlich genau geprüft werden. Allerdings: Ich gehe davon aus, dass sich Lufthansa hat beraten lassen und das Unternehmen mögliche kartellrechtliche Schranken sehr genau kennt. Es ist durchaus möglich, dass Zusagen gemacht werden, wie Wettbewerbsprobleme entschärft werden können - etwa durch Weitergabe bestimmter Slots an andere.

 

Welche Auswirkung wird der Air-Berlin-Verkauf auf die Ticketpreise haben?

Wambach: Eigentlich ist es so, dass die Preise steigen, wenn ein Wettbewerber aus dem Markt geht. Nun muss erst einmal die Entscheidung der Kartellbehörden abgewartet werden. Wenn sie dazu führt, dass Slots auch an andere Wettbewerber gehen, an Easyjet oder andere, kann es auf diesen Strecken durchaus zu niedrigen Preisen kommen.

 

Hat es im Bieterverfahren eine einseitige Bevorzugung von Lufthansa gegeben?

Wambach: Dieser Eindruck ist jedenfalls entstanden. Hochrangige Vertreter der Bundesregierung hatten sich für die Übernahme weiter Teile von Air Berlin durch Lufthansa ausgesprochen. Jetzt hat der Gläubigerausschuss seine Entscheidung getroffen. Das ist das normale Vorgehen.

 

Jetzt kommt es zu einer Zerschlagung von Air Berlin, obwohl auch Angebote vorlagen, die den Erhalt als Ganzes vorgesehen hätten. . .

Wambach: Diese Angebote lassen sich von außen nicht beurteilen. Klar ist: Das Geschäftsmodell von Air Berlin ist gescheitert. Sonst wäre das Unternehmen nicht in die Insolvenz gegangen.

 

War es richtig, Air Berlin einen staatlichen 150-Millionen-Euro-Kredit zu gewähren?

Wambach: Darüber lässt sich trefflich streiten. Die Bundesregierung stand unter starkem Druck, diesen Kredit zu gewähren. In einem vergleichbaren Fall hat Großbritannien gestrandete Passagiere auf Steuerzahlerkosten zurückfliegen lassen. Wie auch immer: Dass bei einer Unternehmensinsolvenz der Staat einspringt, ist nicht gut. Da muss es andere Lösungen geben - zum Beispiel Insolvenzversicherungen wie bei Pauschalreisen. ‹ŒDK

 

Die Fragen stellte Rasmus Buchsteiner.