Das sitzt! Betretene Stille im Messe Center von Frankfurt, wo gestern Vormittag das "Who's Who" der Branche versammelt ist. In normalen Zeiten ist die IAA vor allem Leistungsschau, ein El Dorado für Autofans, mit Weltpremieren, Glanz, Glamour, viel PS und ehrgeizigen Konzernchefs, die mit stolz geschwellter Brust ihre Zahlen und Ziele vortragen.

Doch nun gibt es den Diesel-Skandal und die drohenden Fahrverbote in Innenstädten. Und dann wäre da auch noch der Wahlkampf: Zehn Tage vor der Entscheidung tut Messe-Ehrengast Merkel alles dafür, den Eindruck eines Kuschelkurses gegenüber den Autobossen zu vermeiden. "Aus Fehlern lernen", fordert die Kanzlerin. Dabei heißt das IAA-Motto diesmal: "Zukunft erleben."

Zu erleben ist in Frankfurt vor allem die Debatte darüber, ob es ein Weiter-so für die Automobilindustrie geben kann. Draußen stehen einige Demonstranten von Greenpeace und der Deutschen Umwelthilfe und erinnern an die Diesel-Tricksereien, die fast auf den Tag genau vor zwei Jahren publik geworden sind. Sturm und Starkregen zogen gestern über die Messehallen hinweg.

Drinnen ist es ausgerechnet Facebook-Chefin Sheryl Sandberg, die den Bossen Mut macht. "Ich komme mit einer sehr guten Nachricht zu Ihnen: Wir sind das einzige Unternehmen im Silicon Valley, das keine Autos baut", scherzt sie und spielt auf Google, Apple und Co. und deren Ambitionen beim automatisierten Fahren an. Doch dann setzt Sandberg an zum Hohelied auf die Innovationskraft und Wandlungsfähigkeit der deutschen Autobauer. Zufrieden lehnen sich die Manager auf ihren Plätzen zurück.

Und die Kanzlerin? Wer mit Angela Merkel in den Messehallen von Frankfurt unterwegs ist, erlebt eine Regierungschefin, die Fahrverbote unbedingt vermeiden will und findet, dass die Diesel-Technologie keinesfalls verdammt werden dürfe. "Es geht kein Weg daran vorbei, dass wir auf Jahrzehnte noch Verbrennungsmotoren brauchen und gleichzeitig in neue Antriebstechnologie investieren", mahnt sie, fordert eine "Doppel-Strategie". Das laute Nachdenken über ein Ende von Verbrennungsmotoren in China müsse die deutschen Exporteure aufhorchen lassen.

Womit das Thema gesetzt wäre. Die IAA ist in diesem Jahr die große Elektro-Show. 20 Milliarden Euro will allein Volkswagen in den nächsten Jahren in Strom-Fahrzeuge investieren, so soll der Abschied aus der Vergangenheit eingeleitet werden. "Wann soll der auf den Markt kommen", fragt Merkel, als sie in der VW-Halle vor einem gelb-grünen "I.D. Buzz" steht, dem Elektro-Nachfolger des T1-Bullis. "2022", so die Antwort. Die Ziele sind gesteckt, aber viel ist noch Zukunftsmusik, Merkel geht es offenbar nicht schnell genug. Sie fragt nach, lässt sich bei Mittelständlern Batterie-Module und neue Antriebe zeigen. Und bei Audi das Konzeptauto Aicon, eine viertürige Luxuslimousine mit futuristischem Design und ohne Steuerrad, die eines Tages vollautomatisch und vollelektronisch - mit 800 Kilometern Reichweite - unterwegs sein soll. Allerdings wohl erst in 10, 15 Jahren, wie Audi-Chef Rupert Stadler sagt.

Doch so sehr es bei der IAA auch um die Zukunft geht und die Schau Aufbruchstimmung verbreiten soll: Die Probleme der Gegenwart bleiben sehr real. Wo auch immer die Kanzlerin bei ihrem Messerundgang Station macht, die Besucher sich hinter rot-weißem Absperrband drängen und mit ihren Smartphones Erinnerungsfotos schießen, der Abgas-Skandal bleibt weitgehend ausgeklammert. The show must go on! "Ist das der Diesel", fragt Merkel, als sie bei VW vor dem neuen "T-Roc" steht, und bekommt rasch zu hören, dass dieses Modell nur fünf Liter verbrauche, also sauber sei.

Dass die Branche dem Selbstzünder-Thema mit einer Mischung aus demonstrativer Demut und Trotz begegnet, hatte sich schon bei der Eröffnung gezeigt. Es habe Fehler gegeben, die nicht hätten passieren dürfen, erklärt Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA). Die Unternehmen seien sich bewusst, dass sie Vertrauen verloren hätten. Es sei nun ihr "zentrales Anliegen", dieses wieder zurückzugewinnen. Zugleich sparte der "Autopräsident" nicht mit Ermahnungen an die Politik, beklagt "Pauschalkritik" und zu strenge Stickoxid-Vorgaben. Gäbe es in Deutschland Grenzwerte wie in den USA, "hätten wir nirgendwo ein Problem", so Wissmann.

Es werde auch in Zukunft wichtig sein, Grenzwerte zu setzen und deren Einhaltung zu kontrollieren, entgegnet die Kanzlerin wenig später. Mag sie die Bosse auch in die Pflicht nehmen: Merkel, die sich nach der Wende einen VW Golf zugelegt hatte, heute aber privat nicht mehr selbst hinter dem Steuer sitzt, gibt dann aber doch noch die Autokanzlerin, verlässt die weiten Hallen der IAA nicht ohne ein Bekenntnis zu den deutschen Herstellern. Sie seien eine Schlüsselindustrie: "Wir wissen, was unser Land an Ihrer Branche hat!"