Ferdinand Piech
Ferdinand Piëch
Julian Stratenschulte (dpa)
Ferdinand Piëch hat wie kein anderer den VW-Konzern geprägt. Es ist vor allem ihm zu verdanken, dass der Automobilhersteller überlebt, ja zu seiner heutigen Größe gefunden hat. Nun aber setzt der bald 80-Jährige sein Lebenswerk aufs Spiel.


Lange Zeit war es ruhig, fast schon gespenstisch ruhig. Seit dem 25. April 2015 hat der Mann, den sie in Wolfsburg ehrfurchtsvoll nur den "Chef" nannten, geschwiegen, hat er sich in der Öffentlichkeit kaum blicken lassen. Das wäre an sich nicht ungewöhnlich, war er doch schon zu seinen aktiven Zeiten als Boss und Aufsichtsratschef des größten europäischen Automobilherstellers alles andere als der große Redner und Partylöwe. Aber diese Stille! Im Gespräch mit VW- oder Audi-Leuten kam in letzter Zeit immer wieder die Frage auf: "Was hört man eigentlich aus Salzburg" Und darin schwang immer ein Unterton der Besorgnis, ja sogar der Angst mit.

Wie berechtigt diese Besorgnis ist, hat sich vor einer Woche gezeigt. Ferdinand Karl Piëch ist wieder da - und wie. Fast zwei Jahre nachdem der verehrte wie gefürchtete VW-Patriarch über die missglückte Demontage des Konzernchefs Martin Winterkorn gestolpert und aus dem Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden gejagt worden war, lässt er das ob des Abgas-Skandals schwer angeschlagene Unternehmen einen Blick in die Hölle tun. Denn sollte tatsächlich stimmen, was Piëch den internen VW-Ermittlern von Jones Day und den Staatsanwälten in Braunschweig angeblich erzählt hat, stünde der Wolfsburger Autobauer möglicherweise vor der Existenzfrage.

Piëch  - so berichtet es jedenfalls der "Spiegel" - soll bei Befragungen der Ermittler angegeben haben, nicht nur Winterkorn sei von ihm schon im Frühjahr und nicht erst im September 2015 über Hinweise zu Abgas-Manipulationen bei Diesel-Autos informiert worden. Frühzeitig Kenntnis über ein entsprechendes Schreiben von US-Behörden an VW sollen demnach auch vier noch aktive wie ehemalige Mitglieder des VW-Aufsichtsratspräsidiums erhalten haben: Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh, der frühere IG-Metall-Boss Berthold Huber sowie Wolfgang Porsche. Soweit das Hamburger Nachrichtenmagazin.

Obwohl über den Wortlaut der Aussagen Piëchs bislang nichts publik wurde, ist das Entsetzen in Wolfsburg groß. Und entsprechend heftig fallen die Dementis aus: Die Darstellung sei von Jones Day "eingehend geprüft", die Behauptungen aber "insgesamt als unglaubwürdig eingestuft" worden, so VW. Auch die davon betroffenen Mitglieder des Aufsichtsratspräsidiums hätten "alle Behauptungen von Ferdinand Piëch klar und nachdrücklich als falsch zurückgewiesen". Der Konzern will nun "mögliche Maßnahmen und Ansprüche gegen Herrn Piëch sorgfältig prüfen". Ansonsten wolle man sich zu andauernden Untersuchungen nicht äußern. Und auch Piëch, der als Erster den Sachverhalt aufklären könnte, schweigt. Selbst dem Untersuchungsausschuss des Bundestages zur Abgas-Affäre verweigert er jegliche Auskunft. Sich öffentlich vernehmen zu lassen hat einer wie Piëch offenkundig nicht nötig.

Und so bleiben den wildesten Spekulationen Tür und Tor geöffnet - zumal Volkswagen entgegen früherer Bekenntnisse, den Skandal restlos, nachhaltig und voll transparent aufzuarbeiten, den Ermittlungsbericht von Jones Day nun doch unter Verschluss hält. Steckt im Konvolut zu "Dieselgate" möglicherweise weit mehr Sprengstoff für den Konzern? Entsprechen Ferdinand Piëchs Behauptungen vielleicht doch den Tatsachen? Vor allem aber: Was treibt den Enkel des VW-Stammvaters Ferdinand Porsche an, den Konzern, den er schon einmal vor der Pleite bewahrt und dann zu ungeahnter Größe geführt hat, derart an den Rand des Abgrunds zu führen? Warum setzt er, der über die Porsche SE zu den Großaktionären des Konzerns zählt, sein Milliardenvermögen aufs Spiel? Warum begibt er sich selbst als damaliger VW-Aufsichtsratsvorsitzender in die Gefahr der Strafverfolgung? Will der bald 80-Jährige gar Rache nehmen für die 2015 erlittene Schmach des erzwungenen Rücktritts als oberster VW-Kontrolleur - ohne Rücksicht auf Verluste?
 

Volkswagen, Familie, Geld - in dieser Reihenfolge

 

Zuzutrauen ist Piech so manches, aber dass das technische und unternehmerische Genie letzten Endes sein eigenes Werk zerstört und damit die Lebensperspektive Hunderttausender Menschen, wohl kaum. Denn für den begnadeten Ingenieur zählte in seinem Leben vor allem anderen diese eine Triade: Volkswagen, Familie, Geld - in dieser Reihenfolge. Obgleich: Die Finanzen sind für den Multimilliardär Piëch heute eher Nebensache, das Erbe ist in zwei Stiftungen gesichert. Und mit der Familie - insbesondere den anthroposophisch angehauchten Porsches - ist er heillos zerstritten, vor allem mit dem Oberhaupt des weit verzweigten Clans und VW-Chefkontrolleur Wolfgang Porsche - genannt WoPo. Volkswagen aber war und ist Piechs Leben, ein Erbe, das es auf jeden Fall zu erhalten gilt. So war es jedenfalls bislang.

Das zu Nazi-Zeiten von Zwangsarbeitern auf freiem Feld bei Fallersleben errichtete Volkswagenwerk ist ein wichtiger erster Baustein in Piëchs Biografie. Geboren am 17. April 1937 mit dem vermeintlichen Makel des falschen Namens, war es für den kleinen Ferdinand geradezu eine Auszeichnung, an der Seite seines berühmten Großvaters und Käfer-Konstrukteurs Ferdinand Porsche wenigstens zeitweise die Errichtung der gigantischen Autofabrik beobachten zu dürfen. Daher auch die frühe Begeisterung für Technik und vor allem für das Automobil.

Die Kriegs- und Nachkriegsjahre sind freilich hart - selbst für den noch verhältnismäßig komfortabel lebenden Auto-Clan. Während Ferdinands Vater Anton Piëch in Wolfsburg das VW-Werk leitet, zieht Mutter Louise - Ferdinand Porsches Tochter - in Österreich die vier Kinder groß - neben der Leitung der Salzburger Autoimportfirma. Und dies durchaus rigide. Als der Vater 1952 stirbt, wird es für den jungen Piëch noch härter. Die schulischen Leistungen sacken ab - vor allem in Englisch - mit der Konsequenz, dass der 16-Jährige nach Zuoz in der Schweiz ins Internat gesteckt wird. Für ihn ist eines schon früh klar: "Es war mein Ziel, einmal eine größere Firma zu leiten als mein Großvater." Naheliegend ist da geradezu, dass dieses Unternehmen irgendwie mit Autos zu tun haben sollte. Früher Größenwahn?

Die Karriere beginnt für Piëch erst einmal bescheiden. Als frisch diplomierter Absolvent der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich steigt der Ingenieur 1963 bei der Sportwagenschmiede der Porsches in Stuttgart als Sachbearbeiter im Motorenversuch ein. Acht Jahre später ist er bereits Technischer Geschäftsführer der Porsche KG. Doch der Karriereknick folgt auf dem Fuße: Wegen der schon damals heftigen Streitereien innerhalb der Familie beschließt der Clan den Rückzug aus allen operativen Funktionen der Firma. Damit ist auch Piëch seinen Job los - eine Zurücksetzung, die schwer verletzt und schmerzt.
 

Audi-Chef und Ehrenbürger Ingolstadts


Doch schon ein Jahr später sitzt er in der Technischen Entwicklung der Audi NSU Auto Union AG in Ingolstadt und 1975 als TE-Chef im Vorstand des Unternehmens, das er ab Anfang 1988 als Vorsitzender leitet. Der PS-verliebte Maschinenbauingenieur gilt als begnadeter Techniker mit einem sicheren Gespür für zukunftsweisende Konstruktionen und der Fähigkeit, die dann auch in marktfähige und begehrte Produkte umzusetzen. Auf sein Konto gehen unter anderem der permanente Vierradantrieb (quattro), der direkt einspritzende TDI-Motor oder die vollverzinkte Karosserie - Erfindungen, von denen Audi heute noch zehrt. Und unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten sicherlich auch die Stadt Ingolstadt, deren Ehrenbürger Piëch seit bald 15 Jahren ist.

 

Nicht nur technologisch, sondern auch wirtschaftlich bringt Ferdinand Piëch dann ab 1992 als Vorstandschef den kurz vor der Pleite stehenden Audi-Mutterkonzern Volkswagen wieder auf Vordermann. Seine Berufung auf die Spitzenposten sowohl in Ingolstadt als auch in Wolfsburg geht freilich nicht ohne massive Nachhilfe der Arbeitnehmer über die Bühne. Notlagen erfordern eben ungewöhnliche Bündnisse. Allerdings kämpft der als eiskalt und unnahbar geltende Piëch mit eisenharten Bandagen und schätzt nur diejenigen, die so ticken wie er. Persönliche Freundschaften entstehen da nur wenige, eher noch erbitterte Feindschaften.

"Dinge wie Fairness, Menschlichkeit, Rücksicht, Toleranz sind für ihn Fremdworte", zitiert so zum Beispiel die "Wirtschaftswoche" einen seiner Weggenossen. Und weiter: Der "Meister der Intrige" gehe, wenn es sein muss, auch "über Leichen". Das haben etliche VW- und Audi-Topmanager erfahren müssen: Fritz Indra, Jürgen Stockmar, Richard Berthold, Kurt Lauk, Franz-Josef Kortüm, Bernhard Pischetsrieder - um nur einige wenige Opfer des überaus misstrauischen Kontrollfreaks zu nennen.

Ex-VW-Vorstand Daniel Goedevert merkte zum Phänomen Piëch beizeiten an: "Das Problem ist nicht, mit ihm zu reden. Das Problem ist, dass er nicht gerne zuhört." Der Konzernpatriarch sieht das selbst natürlich anders: "Ich habe im Leben immer zuhören können. Nur manche Menschen verwechseln ständig, dass Zuhören und deren Meinung übernehmen zwei sehr verschiedene Dinge sind", verrät er 1992 in einem "Welt"-Interview. Im Zweifel - also meistens - gilt eben Piëchs Meinung.
 

Piëch spricht von Krieg


Denn für den Porsche-Enkel herrscht auf den Weltmärkten nicht normaler Wettbewerb, sondern Krieg. Deutlich wird das etwa in der Affäre um den in den 1990er-Jahren bei General Motors abgeworbenen Einkäufer José Ignacio Lopez. "Das ist der Kampf zweier großer Automobilfirmen vor dem Hintergrund eines Wirtschaftskrieges", äußert sich der VW-Boss mit dem für ihn typischen maliziösen Lächeln. Und: "Immer wenn es um Krieg geht, gibt es Gewinner und Verlierer. Und ich habe die Absicht, der Sieger zu sein." So tickt Piëch.

 

Freilich ist der VW-Patriarch aus den von ihm geführten Scharmützeln keineswegs immer als Sieger hervorgegangen. So musste er auch 2015 sein Gefecht um den Aufsichtsratsvorsitz bei VW verloren geben. Vorerst, denn so wie es aussieht, führt der "Chef" wieder Krieg. Stephan Weil, Bernd Osterloh, Berthold Huber und Wolfgang Porsche sollten daher auf der Hut sein - eingedenk der Erkenntnis des irischen Dramatikers George Bernard Shaw: "Alte Männer sind gefährlich, ihnen ist die Zukunft egal."