Diszipliniert,: "Ich bin ein Stehaufmanderl"
"Ich lache gerne", sagt Roland Berger von sich selbst. Hier freut sich der Stiftungsgründer und Initiator der Profilschule in Ingolstadt mit den Kindern über den Start des am Scheiner-Gymnasium untergebrachten Bildungsprojekts. ‹ŒArch - foto: Eberl
Bayern

Herr Berger, Sie sind praktisch ein Ostbayer: Sie haben in Egglkofen, westlich von Eggenfelden, die Grundschule besucht und sind in Landshut aufs Gymnasium gegangen. Haben Sie noch gute Erinnerungen an die Region?

Roland Berger: Sehr gute sogar. Das ist meine Heimat, hier habe ich viele Jahre meiner Kindheit verbracht. Das Leben war bestimmt von der Bodenständigkeit der Menschen. Und von der Landwirtschaft. Hier habe ich gelernt: Wer ernten will, muss säen. Und hart arbeiten. Auch den ganzen Kreislauf in der Landwirtschaft haben wir hier miterlebt - von der Geburt des Kälbchens bis zur Schlachtung des Rindes. Als Kinder haben wir Kartoffelkäfer gesammelt, sozusagen ein erstes Geschäftsmodell. In Egglkofen befindet sich das Stammschloss der Montgelas, der Familie von Maximilian Joseph Graf von Montgelas, der im 19. Jahrhundert das moderne Bayern mit aufgebaut hat. Das hat mich sehr beeindruckt. In Landshut habe ich das Hans-Carossa-Gymnasium besucht, übrigens drei Klassen unter Roman Herzog, den ich als Bundespräsident beraten durfte. Meine Gastfamilie dort brachte mich in Kontakt mit der bürgerlich-kultivierten Gesellschaft dieser schönen, geschichtsträchtigen Stadt. All das hat mich für mein Leben geprägt - und hilft mir heute noch.

 

Heute sind Sie ein halber Selfmade-Milliardär: Das "Manager Magazin" führt Sie in der Liste der reichsten Deutschen auf Platz 295 - mit einem geschätzten Vermögen von einer halben Milliarde Euro. Hatten Sie einfach Glück im Leben?

Berger: Glück hatte ich auch. Und ich habe immer hart gearbeitet. Schon in der Schule habe ich mich durch große Disziplin ausgezeichnet. Gleichzeitig bin ich neugierig und kreativ. Sehr maßgeblich für meinen unternehmerischen Erfolg war immer, dass ich Dinge, die ich anfange, auch zu Ende denken und durchführen kann. Ferner glaube ich, dass Kritikfähigkeit wichtig ist: Klar, als Unternehmer benötigt man Optimismus. Wer aber eher optimistisch ist, braucht Personen an seiner Seite, die die Dinge nüchtern sehen. Mit solchen Leuten habe ich mich umgeben. Ich kann auch recht gut mit Menschen umgehen, eine der wichtigsten Eigenschaften, die man als Unternehmer, vor allem im Beratungsgeschäft, braucht. Man muss die Menschen, die mit einem arbeiten, mitnehmen und für Ziele begeistern können, mit ihnen Erfolge feiern und sie daran beteiligen - und zwar durchaus großzügig. Schließlich muss es einem gelingen, Verstand und Bauchgefühl, Emotion und Rationalität, in Einklang zu bringen.

 

Das Unternehmerische liegt Ihnen schon im Blut. Als Student haben Sie mal eine Wäscherei eröffnet . . .

Berger: . . . und sie 1961, zwischen mündlichem und schriftlichem Uni-Examen, verkauft. Als Student habe auch einen Spirituosendiscount eröffnet - ich wollte einfach das damals in Deutschland neue Modell eines Discounters, von dem ich im Studium gehört hatte, ausprobieren. Später habe ich das Geschäft ebenfalls für einen ordentlichen Preis verkauft.

 

Erzählen Sie von zwei Punkten in Ihrem Leben, die Sie nachhaltig beeinflusst haben und die nicht in Ihrem Lebenslauf vorkommen.

Berger: Die moralische Integrität meines Vaters, der sich in der Zeit des Dritten Reiches gegen die Nazis gewehrt hat und viele Male verhaftet wurde, hat mich geprägt. Und meine Mutter, die sehr streng mit mir war, aber gleichzeitig unendliches Vertrauen in mich besaß und an mich geglaubt hat. Von ihr habe ich das Selbstvertrauen bekommen, das man braucht, um im Leben, auch gegen Widerstände, etwas auf die Beine zu stellen. Hinzu kommt: Schon als Gymnasiast ab Alter 10 war ich als Wochenschüler bei Gastfamilien untergebracht - ich habe also früh gelernt, selbstständig zu leben und zu arbeiten, ohne Heimweh. Das hat mich zu einem überzeugten Weltbürger werden lassen.

 

Was ist eine Ihrer Schwächen?

Berger: Dass ich schwer Nein sagen kann - deshalb bin ich bis heute ständig überlastet. Gelegentlich sorgt das leider auch dafür, dass ich ungeduldig bin.

 

Was schätzen Ihre Freunde an Ihnen?

Berger: Verlässlichkeit - ich verspreche nichts, das ich nicht halten kann. Neugierde - ich bin offen für Neues. Ich mag Menschen und gehe auf sie zu. Ich habe eine grundsätzlich positive Einstellung zum Leben - mein Leib-und-Magen-Spruch stammt von unserem ersten Bundespräsidenten, Theodor Heuss: Der einzige Mist, auf dem nichts wächst, ist der Pessimist. Was meine Freunde, glaube ich, auch an mir schätzen, ist, dass ich vielseitig bin - wir können uns zu den unterschiedlichsten Themen unterhalten und auch gemeinsam etwas unternehmen. Außerdem lache ich gerne.

 

Was war eine wirkliche Hürde in Ihrem Leben, und wie haben Sie diese Hürde bewältigt?

Berger: Ui, das ist jetzt schwer. Hürden haben mein Leben nicht wirklich beeinflusst, weil ich sie wie normale Herausforderungen gesehen und entsprechend gehandelt habe. Sorry, da muss ich passen. Ich bin ein Stehaufmanderl, wie man in Bayern sagt.

 

Sie waren immer auch politisch unterwegs. Unter anderem haben Sie, obwohl sie als CSU-nah gelten, den damaligen Kanzler Gerhard Schröder beraten. Dessen Gegner hieß damals Edmund Stoiber. Redet der noch mit Ihnen?

Berger: Beide reden noch mit mir (lacht). Mit beiden bin ich per Du - allerdings erst, seit ich aufgehört habe, sie zu beraten. Ich sehe auch beide regelmäßig, Edmund Stoiber etwas öfter, weil er ja viel in München zu tun hat. Beide habe ich zudem nicht im Wahlkampf, sondern in wirtschaftlichen Fragen beraten - es ging ihnen darum, dieses Land wirtschaftlich wieder nach vorne zu bringen. Als Gerhard Schröder Kanzler wurde, galt Deutschland als der kranke Mann Europas - wirtschaftlich hatten wir die rote Laterne. Seine Reformen haben Deutschland international wieder wettbewerbsfähig gemacht und die Grundlagen dafür geschaffen, dass wir heute mit an der Weltspitze stehen. Edmund Stoiber war aus dem gleichen Holz geschnitzt: Er hat Bayern, nachdem Franz Josef Strauß erste entscheidende Weichen gestellt hatte, zu dem innovativen Hochtechnologiestandort entwickelt, der Bayern heute ist.

 

Wie sahen Sie die Auseinandersetzungen in der CSU während der jüngsten Koalitionssondierungen?

Berger: Die empfand ich als ausgesprochen unglücklich. Deutschland braucht eine starke und stabile Regierung. Nachá †dem die SPD sofort nach ihrer Wahlniederlage eine Regierungsverantwortung abgelehnt hat, blieb ja nur die Koalitionsmöglichkeit, die Jamaika hieß. In diese schwierigen Gespräche hätte die CSU ihren Hauptverhandler nicht als "lame duck", als lahme Ente, wie man sagt, schicken sollen. Trotzdem hat Horst Seehofer in den Kernpunkten sowohl mit der CDU als auch mit der Parteienrunde die Hauptanliegen der CSU durchgesetzt. Und angesichts der jetzt anstehenden Alternativen muss weiterverhandelt werden. Das ist also auch kein guter Zeitpunkt für einen Personalwechsel an der CSU-Spitze. Selbst wenn es zu - ja kurzfristig stattzufindenden - Neuwahlen käme, habe ich Zweifel, ob ein neuer Parteichef und ein neuer Spitzenkandidat die Wähler in ihrer Mehrheit so schnell für die CSU hinter sich bringen könnte. Seehofer ist ja ein guter Ministerpräsident, und Markus Söder, da bin ich mir sicher, wird auch einer werden.

 

Haben Sie an Jamaika geglaubt?

Berger: Ich glaube, dass Jamaika als eine eher bürgerliche Koalition jedenfalls besser gewesen wäre als eine erneute große Koalition oder die jetzt anstehenden Alternativen. Diese bedeuten allesamt für die Bundeskanzlerin einen Machtverlust - und damit eventuell sogar für die Union. Für die CSU könnten sie bei einer klugen (auch Personal-)Politik sogar Stimmengewinne bringen bei Neuwahlen im Bund wie bei der Landtagswahl 2018 - wenn sie ihre Rolle in Berlin gut und geschlossen spielt und dies auch vor allen den Wählern positiv vermittelt.

 

"Establishment" ist in der politischen Debatte zum Schimpfwort geworden. Das politische Establishment kümmere sich nicht ums Volk, so der Vorwurf, und das wirtschaftliche Establishment denke nur daran, den eigenen Vorteil zu mehren. Nun sind Sie in diesem Establishment bestens vernetzt. Können Sie die Vorwürfe nachvollziehen?

Berger: Es ist nur eine Minderheit innerhalb des Establishments, das gegen die Spielregeln, den Anstand, die guten Sitten und manchmal auch gegen Gesetze verstößt. Aber diese Minderheit färbt leider auf den Ruf der Mehrheit ab. Insgesamt setzen sich unsere Politiker in überwältigender Mehrá †heit fürs Gemeinwohl ein. Dazu brauchen sie Macht und Mehrheiten, wonach sie dann auch streben. Für die Wirtschaft gilt: Das deutsche Management, die deutschen Unternehmer, sind die besten der Welt. Sie sind am wenigsten geld- und am stärksten sachgetrieben, sie bieten bestmögliche Produkte und Dienstleistungen zu günstigen Konditionen an und schaffen Arbeitsplätze. Als unter Bundeskanzler Schröder die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen in Deutschland wieder ins Lot kamen, haben sie losgelegt - heute existiert in weiten Landstrichen praktisch Vollbeschäftigung. Und, ja, sie kümmern sich auch darum, dass ihre Aktionäre eine ordentliche Rendite erzielen. Und wer sind die Aktionäre? Zu 90 Prozent institutionelle Anleger wie Lebensversicherungen, Renten- und Pensionsfonds. Also die, die die private und betriebliche Altersversorgung für unsere Gesellschaft, auch die "kleinen Leute", bezahlen. Unsere Eliten erbringen eine herausragende Leistung für die Gemeinschaft - selbst wenn ein paar schwarze Schafe leider das Bild verzerren.

 

Wie feiern Sie Ihren 80. Geburtstag?

Berger: Ich feiere ihn zweimal: einmal am Geburtstag, privat, zu Hause. Es kommen junge Leute zu uns - meine Söhne, beide um die 50, und die Enkel und deren Freunde. Und dann feiere ich mit Freunden im Münchner Cuvillies-Theater, zu dem ich als Vorsitzender des Comité Cuvilliés und Fundraiser vor der Wiedereröffnung eine besondere Beziehung habe. Dorthin wollten wir eigentlich, dem Anlass angemessen, genau 80 Gäste einladen. Aber das einzuhalten schaffen wir nicht ganz - es sind mittlerweile einige mehr geworden.



 

UNTERNEHMER MIT VIELEN FACETTEN


Unternehmer, Unternehmens- und Politikberater, sozial und kulturell engagiert – Roland Berger ist eine bekannte Größe nicht nur im deutschen Wirtschaftsleben. Geboren wurde er am 22. November 1937 in Berlin als Sohn aus Bayern stammender Eltern. Sein Vater Georg Berger war Chef eines Nahrungsmittelunternehmens, die Mutter arbeitete zunächst als Geschäftsführerin des großelterlichen Gemischtwarenladens und leitete später eine Möbelfirma. Der junge Berger besuchte die Grundschule in Wien und Egglkofen ging dann aufs Gymnasium in Landshut, München und Nürnberg, wo er 1956 das Abitur ablegte.Danach studierte er Betriebswirtschaftslehre in Hamburg und München. Daneben betrieb er in der bayerischen Landeshauptstadt eine Wäscherei, die er 1961 für 600 000 D-Mark verkaufte. Im gleichen Jahr beendete er sein Studium als Diplom-Kaufmann. Bis 1967 arbeitete Berger für die Unternehmensberatung Boston Consulting Group, machte sich dann selbstständig und gründete sein eigenes Beratungsunternehmen, die heutige Roland Berger Strategy Consultants GmbH. Einen Namen machte sich Berger in der Branche, als er 1968 den Touristikkonzern Tui mit aus der Taufe hob. Seither war er begehrter Berater nicht nur großer Konzerne, sondern auch der Politik. Aktiv im Unternehmen ist Berger nicht mehr tätig – verbunden bleibt er ihm aber als Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrates.Berger ist mit der Journalistin Karin Berger verheiratet und hat zwei Söhne. Er ist heute an Universitäten sowie Forschungsinstituten engagiert und fördert etliche Kultureinrichtungen. Mit seiner Roland Berger Stiftung macht er sich für die Menschenrechte stark und fördert mit dem Deutschen Schülerstipendium begabte Kinder und Jugendliche mit schwierigen Startbedingungen – auch in Ingolstadt. So unterhält die Stiftung hier ein Haus für junge Flüchtlinge und hat mit Freistaat, Stadt und Audi eine Profilschule im Schülerstipendium errichtet.