Wer kennt das nicht: Nach einem Schaden muss der angestaubte Aktenordner aus dem Regal gestemmt werden, um darin zwischen vielen Seiten von Papierdokumenten die Nummer des Versicherungsscheins herauszukramen. Das mutet in Zeiten, in denen man sein tägliches Leben in vielen Bereichen im Sekundentakt digital, über das Smartphone, abwickeln kann, veraltet.

Der Kunde will heute alles möglichst schnell und möglichst einfach. Versicherungen scheinen vielen da eher das Gegenteil zu bieten. Doch die Branche reagiert zunehmend auf den veränderten Kundenbedarf und springt auf den digitalen Zug auf, auch Start-ups versuchen, in der Versicherungsbranche Fuß zu fassen und wittern Chancen, den klassischen Versicherern Marktanteile streitig zu machen. Im Folgenden zeigen wir Ihnen einige Beispiele für digitale Versicherungsprodukte:
Digitale Versicherung: Angebot per Foto

Beispiel 1: Seit Ende Oktober wirbt der klassische Versicherer Zurich für "Picsurance". Damit begibt sich der Versicherer in die Lebenswirklichkeit seiner Kunden, die sich womöglich weniger die Frage stellen, ob sie eigentlich eine Hausratversicherung haben, sondern eher ein teures Fahrrad gekauft haben und wissen wollen, wie sie das versichern können. Bei Picsurance machen Kunden ein Foto mit dem Smartphone von dem Fahrrad oder von anderen Gegenständen, die sie versichern wollen. Mit Hilfe einer Bilderkennungssoftware erhalten sie umgehend ein konkretes Versicherungsangebot von der Zurich. Wer mehr Infos wünscht, wird auf die Homepage weitergeleitet oder kann mit einem Kundenberater telefonieren. Der Vertrag lässt sich direkt online abschließen.

Das müssen Sie wissen: Erfahrungswerte von Kunden, wie gut die Anwendung funktioniert, liegen noch nicht vor. Ein Angebot erhalten Sie nur von der Zurich. Um aber einschätzen zu können, ob das Angebot mehr als nur praktisch und schnell, nämlich auch noch günstig ist und gute Bedingungen bietet, müssen Sie noch Angebote anderer Versicherer einholen. So schnell geht es dann doch nicht.

Erste digitale Krankenversicherung
Beispiel 2: Anbieter wagen sich auch in komplexeres Terrain vor: Seit diesem Jahr gibt es die erste digitale Krankenversicherung. Ottonova heißt die Versicherung, die sich komplett digital abwickeln lässt. Der Kunde gibt in weniger als einer Minute Geburtsdatum, Berufsstatus, den gewünschten Versicherungsbeginn und die Höhe der gewünschten Selbstbeteiligung online ein und erhält genau zwei Tarife als Angebot: Business Class für 494,23 Euro und First Class für 537,27 Euro (Versicherungsnehmer 35 Jahre alt).

Darüber hinaus bietet eine App Serviceleistungen: Rechnungen kann der Nutzer scannen und direkt zur Erstattung einreichen. Er erhält eine Erinnerung an Vorsorgeuntersuchungen. Eine Timeline sammelt alle wichtigen Ereignisse und dazugehörigen Dokumente und: auch einen Arzt kann man über die App kontaktieren, der sogar eine Krankschreibung ausstellt. Auf Nimmerwiedersehen Aktenordner.

Das müssen Sie wissen: Auf den ersten Blick bieten die Tarife einen guten Leistungsumfang an, auch ambulante psychotherapeutische Behandlungen sind ziemlich umfassend abgedeckt. Ottonova legt ausführlich dar, wie die Beiträge berechnet werden. Tatsächliche Erfahrungswerte, wie es sich mit der Beitragssteigerung in der Zukunft verhält, liegen jedoch nicht vor.

Getsurance bietet digitale Berufsunfähigkeitspolice
Beispiel 3: Seit Juni gibt es auch eine digitale Berufsunfähigkeitsversicherung. "Getsurance" heißt das Start-up, das ebenfalls eine komplette Online-Abwicklung des Vertragsabschlusses vorsieht. Der Kunde erhält nach wenigen Mausklicks ein Angebot: drei Tarife - Job Basic, Job Comfort und Job Premium. Demnächst sollen über Getsurance auch eine Risikolebens- und eine Pflegezusatzversicherung angeboten werden.

Das müssen Sie wissen: Nur der teuerste Tarif, Job Premium, bietet auch wirklich einen umfassenden Berufsunfähigkeitsschutz. Ein 35 Jahre alter Angestellter zahlt dafür rund 69 Euro im Monat. Will er günstiger wegkommen, für rund 51 Euro, wählt er den Tarif Job Comfort, verzichtet aber auf Leistungen bei psychischen Erkrankungen. Das wäre ein großer Fehler, denn die sind mit einer der häufigsten Gründe, warum jemand berufsunfähig wird. Beim günstigsten Schutz, Job Basic, den ein 35 Jahre alter Versicherungsnehmer schon für 6,47 Euro im Monat erhält, handelt es sich aber gar nicht um das, was man unter einer Berufsunfähigkeitsversicherung versteht: Versichert ist hier nämlich nur der Unfall. Krankheiten sind ausgeschlossen.

Versicherung per App
Beispiel 4: Digitale Versicherungsmakler gibt es als App für das Smartphone. Sie heißen Knip, Clark oder Asuro. Nutzer können hier ihre eigenen, bereits bestehenden Policen hochladen, online verwalten und sich beraten lassen, etwa über bestehende Versicherungslücken. Sie können über die App auch Schäden melden, die Höhe ihrer Beiträge einsehen und gleichzeitig auch neue Policen abschließen: Hausrat-, Haftpflicht-, Kfz-, Reiserücktritt- und Rechtsschutzversicherung. Die App bietet also alle Dienstleistungen an, die ein klassischer Versicherungsmakler erfüllt.

Das müssen Sie wissen: Wer einen mobilen Versicherungsmakler nutzt, muss viele Daten preisgeben: bestehende Policen sind einsehbar, auch Angaben zur Person. Aufgabe eines Maklers ist es, einen günstigen Tarif zu vermitteln. Zwar arbeitet ein Makler nicht für ein Unternehmen, er kann durchaus Tarife verschiedener Unternehmen vermitteln. Allerdings bildet seine Tarifauswahl auch nicht den gesamten Markt ab. Wer selbst auf die Suche geht, kann eventuell noch günstigere Angebote finden. In Sachen Beratungsqualität haben die Apps noch Verbesserungsbedarf.

Das Fazit

Die digitale Verwaltung von Versicherungen oder der Abschluss von Policen per Apps ist praktisch und schnell. Verlassen sollte man sich jedoch noch nicht darauf, dass die schnelle Lösung auch immer die beste ist. Gerade bei komplexen Versicherungsprodukten wie einer privaten Krankenversicherung oder einer Berufsunfähigkeitsversicherung, bei denen es im Leistungsfall nicht nur auf Details in den Versicherungsbedingungen ankommt, sondern auch um viel Geld im Leistungsfall, sollte man vor Policenabschluss auf eine umfangreiche und detaillierte Beratung setzen. Und einen eben solchen Marktvergleich.


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