Daniel Stein
Daniel Stein forscht seit einigen Jahren über populäre Serien.
Stein

Haben Sie eine Lieblingsserie?

Daniel Stein: Ich kann mich für viele gute Serien begeistern. Am stärksten habe ich bei den "Sopranos" mitgefiebert. Auch "The Wire" und "House of Cards" sind sehr interessante, komplexe Serien. Und dann gibt es noch ältere Sitcoms wie "Roseanne" und die "Bill Cosby Show".

 

Warum schauen wir so gern Serien?

Stein: Serien haben den großen Vorteil, dass die Handlung weitergeht. Es gibt keine abgeschlossene Geschichte wie in einem Roman oder in einem Kinofilm. Man begeistert sich für spannende Figuren oder auch interessante Schauplätze – und weiß, in der nächsten Woche oder am nächsten Tag kann man weiterschauen. Selbst diesem Warten wohnt eine gewisse Lust inne. Man kann spekulieren, was passieren wird, mit anderen Leuten darüber sprechen. Und gleichzeitig wird das Versprechen auf diese Erwartung meist wieder eingelöst.

 

Was macht eine gute Serie aus?

Stein: Aus der Perspektive der Kulturindustrie ist eine Serie dann gut, wenn sie lange läuft und erfolgreich ist. Vermutlich würden viele hier die "Lindenstraße" nennen, die seit 1985 immer sonntags läuft. Andere sagen: Richtig gute Serien sind Serien, die ihre Möglichkeiten und ihren Gestaltungsspielraum zu nutzen wissen, die auch mit den Erwartungen von Zuschauern spielen, sie herausfordern, statt sie nur zu berieseln, die komplexe Figuren und ansprechende Konflikte bieten.

 

Die "Lindenstraße" steuert auf ihre 1500. Folge zu. Können Sie ihr Erfolgsrezept erklären?

Stein: Das ist schwierig. Wenn es so ein Erfolgsrezept gäbe, dann hätte das schon längst jemand patentiert und man könnte einfach neue Serien danach generieren. Also: Es muss etwas mit dem Zeitgeist zu tun haben, dass eine Serie erfolgreich ist. Eine Serie muss eine gewisse Verlässlichkeit suggerieren. Aber darf dabei nicht komplett statisch sein. Ich werde ja mit der Serie älter und verändere mich. Also muss auch die Serie mit der Zeit gehen, neue, relevante Konflikte thematisieren, sich immer wieder modernisieren. 

 

Gibt es nationale Unterschiede im Seriengucken?

Stein: Bestimmt. Aber es gibt relativ wenig systematische Forschung dazu. Die USA haben hier sicher eine Pionierfunktion. Seriengucken hat dort eine längere Tradition – und man muss sich dafür auch nicht entschuldigen. Es gibt dort große Fankulturen. Denken Sie an „Star Trek“ mit mehr als 700 TV-Folgenund zwölf Kinofilmen. Es gibt dort auch eine höhere Bereitschaft der Zuschauer aktiv zu werden. Denn ich kann als Zuschauer ja auch Einfluss nehmen. Früher bei den Zeitungsromanen waren das Briefe, heute geht das über Twitternachrichten, in Online-Communities oder Blogs. Serienfans in den USA sind da aktiver als Serienfans in Deutschland.

 

Welches Land ist am innovativsten in der Serienproduktion?

Stein: Im Vergleich zu Europa sind die USA schon oft origineller und kreativer. In den USA gibt es eine andere Produktionskultur. Da hat man nicht einen Drehbuchautor wie in Deutschland, der dann oft eine ganze Serie schreibt, sondern man hat komplette Teams von Autoren im sogenannten Writers’ Room, die sich immer wieder ergänzen und herausfordern. Und dann gibt es einen Showrunner, der für die Richtung der Serie verantwortlich ist. Aus der Mischung resultiert oft eine große Innovation. 

 

Können populäre Serien auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren?

Stein: Sehr gut sogar – im Vergleich zu einem abgeschlossenen Text. Serien nehmen nicht nur soziale, gesellschaftliche und politische Konflikte auf, sondern modellieren auch unser Verständnis von Wirklichkeit. In der amerikanischen Serie "House of Cards" geht es um Politik – und um das Bild, das Menschen von Politik bekommen. Die Serie beeinflusst unsere Sicht auf die Welt, auf unsere eigene Gesellschaft. Der "Tatort" wäre auch ein Beispiel dafür, dass Deutschland jeden Sonntag sich selbst anguckt.

 

Wie nah ist denn beispielsweise die Serie "House of Cards" an der Realität?

Stein: Gute Frage. Viele dieser Serien haben einen erhöhten Realismus-Anspruch. Und man beobachtet eine gewisse Vermischung von Fakt und Fiktion. Barack Obama sagt, dass "House of Cards" eine seiner Lieblingsserien ist. Und bei "The Wire" ist es mittlerweile so, dass man nicht mehr sagen kann, ob die Gangster von Baltimore wirklich so reden, oder ob sie so reden, weil die Figuren in der Serie so reden. Aber es steckt auf jeden Fall sehr viel Recherche in der Arbeit und ein hoher Anspruch darauf, glaubwürdig zu sein. 

 

Serienformate sind kein Phänomen der Gegenwart.Wannhat das angefangen?

Stein: Bestimmt schon bei den Höhlenmenschen. Es gab schon immer Fortsetzungsgeschichten. Aber ich würde einen Unterschied machen zwischen generellem seriellen Erzählen und dem, was wir populärkulturelle Serien nennen. Ich denke mit Anfang des 19. Jahrhunderts mit dem Aufkommen des Massendrucks, als man billig produzieren und so leicht Leserschaften erreichen konnte, beginnt die Populärkultur auch als Kulturindustrie. Eine erste Blütezeit gibt es in Frankreich in den 1840- er Jahren mit Eugène Sues "Geheimnisse von Paris".

 

Gibt es irgendwann immer einen Schlusspunkt?

Stein: Bei den Daily Soaps ist die Idee, weiterzuerzählen, solange es geht. Es werden immer neue Konflikte und Nebenhandlungen eingeführt, und es geht so lange weiter, bis es keinen Absatzmarkt mehr dafür gibt. Dann gibt es andere – und das sind meist amerikanische Qualitätsserien – , die eine bestimmte Anzahl von Staffeln und Folgen planen – mit Grundkonzept und Endpunkt. Aber selbst wenn es ein Ende gibt, wie bei den "Sopranos" oder bei "Harry Potter", hört das Erzählen trotzdem nicht auf. Schauen Sie sich mal die Fan-Fiction im Internet an. Da gibt es eine ganze Fankultur, die solche Geschichten immer weitererzählt. 

 

Führt das viele Seriengucken zur Vereinsamung – mittlerweile gibt es ja fast alles auf DVD?

Stein: Natürlich besteht die Gefahr, dass man sich suchtartig ganze Staffeln an einem Wochenende ansieht. Aber es gibt auch eine verstärkte Kommunikation: Jeden Montag ist der "Tatort" vom Sonntag Gesprächsthema. Serien können auch so eine Art Motor sein, der die Kommunikation anschiebt.

 

Das Interview führte Anja Witzke.