Netflix
Mobbing, Sexuelle Belästigung und schließlich sogar Vergewaltigung - Die Themen, die in der neuen Netflix-Serie "Tote Mädchen lügen nicht" behandelt werden, sind nichts für schwache Gemüter. Erzählt wird die Geschichte der 17-jährigen Hannah Baker, die sich das Leben nimmt. Kurz nach ihrem Tod erhält einer ihrer Mitschüler, Clay Jensen, ein Paket ohne Absender. Der Inhalt? Sieben Kassetten. Darauf nennt Hannah insgesamt 13 Personen, denen sie die Mitschuld an ihrem Suizid gibt.
 

Unter den Personen ist auch Clay. Der Zuschauer folgt dem Schüler dabei, wie er nach und nach die düsteren Geheimnisse seiner Mitschüler aufdeckt. Anders als im Buch von Jay Asher, auf dem die Serie basiert, erfährt man hier nicht nur die Hintergründe von Hannahs Selbstmord, sondern erhält auch genaueren Einblick in das Leben der vermeintlichen Täter. Das verhindert eine schwarz-weiße Sichtweise: Ein Stalker kann selbst ein Opfer sein, ein Vergewaltiger kann auch sympathische Seiten haben. 

Und nicht nur das ist ein großer Pluspunkt der Serie: Auch schafft sie es mühelos, verschiedene Ethnien in das Cast einzubinden - ebenso wie Homosexuelle. Das Moderne dabei: Es wirkt nicht gewollt, sondern erscheint ganz natürlich. 

Daneben zeigt "Tote Mädchen lügen nicht", dass Mobbing und sexuelle Belästigung für viele Menschen Alltag ist. Die Serie übertreibt nichts, sondern spiegelt die harte, kalte Lebenswelt wieder - mit all ihren schrecklichen Folgen: Alkoholismus, Drogensucht, selbstverletzendes Verhalten, Depression. Dem tritt "Tote Mädchen lügen nicht" vehement entgegen und wirbt für einen besseren Umgang miteinander.

Trotz aller positiver Aspekte warnen nun Behörden in Amerika und Australien vor der Serie vor "gefährlichen Inhalten". Die Darstellung zeige das Thema Suizid sehr deutlich - in einer Szene sieht man in aller Ausführlichkeit, wie sich Hannah die Pulsadern aufschneidet - und könne beunruhigende Reaktionen bei den Zuschauern auslösen, vor allem bei Kindern und Jugendlichen. Man befürchtet Nachahmungseffekte.

Da viele User auf Twitter über ihre Selbstmordgedanken schreiben, müssen die Betreiber des Serien-Accounts fast täglich Informationen zu Präventionsmaßnahmen posten. 

 

Die Wohltätigkeitsorganisation Save, die sich für suizidgefährdete Menschen einsetzt, hat sogar Tipps veröffentlicht, wie man die Serie am besten anschauen sollte. Hier heißt es unter anderem: "Suizid ist weder ein heroischer noch ein romantischer Akt. Hannahs Selbstmord (auch, wenn er nur fiktional ist) ist ein warnendes Beispiel. Es sollte als schreckliche Tragödie angesehen werden, nicht als Heldentat." 

Gegen diese Interpretation wehrt sich Jay Asher, der Autor des Buches, vehement: "Hannah hätte mehr tun können." Sie hätte die Leute weggestoßen und ihrem Vertrauenslehrer zu wenige Anhaltspunkte gegeben. "Das hätte sie tun sollen. Sie war nicht perfekt." Hannah Baker hätte im Grunde die Stärke gefehlt, auszusprechen, was ihr wirklich passiert sei.

Kate Walsh spielt in der Serie Hannahs Mutter. Sie betont die Bedeutung der Pulsadern-Szene: "Ich finde sie absolut notwendig", erklärt sie in einem Interview. Die Serienmacher hätten Suizid so darstellen wollen, wie er wirklich ist - ohne etwas zu vermeiden oder gar zu romantisieren. 

Video: Kate Walsh über die Selbstmord-Szene


Die große Diskussion um "Tote Mädchen lügen nicht" zeigt, dass die Serien-Macher hier ein wichtiges Thema angestoßen haben. Das unterstreicht auch der Erfolg der Serie: Gemessen an Elf Millionen Tweets dürfte es die erfolgreichste Serie das Jahres werden. Auf Netflix hat "Tote Mädchen lügen nicht" fünf von fünf Sternen bekommen, auf IMDB liegt die Serie bei neun von zehn Sternen. Und schon jetzt fordern Fans lautstark eine zweite Staffel, auch wenn das Buch eigentlich zu Ende ist und es daher kein weiteres Material gibt. Dennoch scheint bei diesem Erfolg eine zweite Staffel nicht ausgeschlossen. 



 

In eigener Sache: Als Medien berichten wir grundsätzlich nicht über Suizide, um Nachahmungen zu vermeiden. Es gibt lediglich eine Berichterstattung, wenn die Selbsttötung enorme Auswirkungen hat, die auch die übrige Bevölkerung betreffen können. Sollten Sie selbst - oder Ihnen bekannte Personen - eine existenzielle Krise haben, unter selbstverletzendem Verhalten oder Depressionen leiden, bitten wir Sie, sich bei dieser Stelle Hilfe zu suchen: Telefonseelsorge Ingolstadt, Telefon: (08 00) 1 11 01 11 oder (08 00) 1 11 02 22. Der Anruf ist kostenfrei.  Eine Chatberatung finden Sie hierHilfe bietet auch der Krisendienst Psychiatrie für Oberbayern unter der Telefonnummer (01 80) 6 55 30 00. Weitere Infos finden Sie auf der Webseite www.krisendienst-psychiatrie.de.