Der IATA-Code des Großflughafens im Bau steht für Missmanagement, Politikversagen und Verschwendung von Steuergeldern. Seit dem geplanten ersten Eröffnungstermin sind inzwischen mehr als 1900 Tage vergangen – gute fünf Jahre. Jetzt müssen die Berliner auch noch aufs Christkind warten. Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup will nach dem 24. Dezember, aber noch in diesem Jahr den neuen Eröffnungstermin nennen. 2018 wird der BER nicht aufmachen, vielleicht 2019, eher 2020. Wenn alles gut läuft.

Die größten Pessimisten, und das sind in der Hauptstadt die meisten, glauben, dass der BER nie eröffnen wird, und machen sich Gedanken über alternative Nutzungskonzepte. In den immerhin schon überdachten Räumen könnten rauschende Techno-Parties für Berlins Hipster stattfinden, Lehrgänge für zukünftige Flughafenbauer angeboten (negatives Anschauungsbeispiel gleich vor Ort) oder aber Flüchtlinge untergebracht werden. Die Berliner sind inzwischen sehr gelassen, wenn sie hämisch auf die Großbaustelle in Schönefeld außerhalb von Berlin angesprochen werden.

Pfiffige verweisen freilich auf die Bayern. Denn auch München hat rund 25 Jahre benötigt, ehe der neue Flughafen „Franz Josef Strauß“ am 17. Mai 1992 im Erdinger Moos eröffnet werden konnte. Beinahe wäre er juristisch fast gekippt worden. Und um die rechtliche Auslegung geht es gerade auch in Berlin. Am 24. September wählen die Hauptstädter nämlich nicht nur den Bundestag, sondern sie entscheiden in einem Volksentscheid, ob sie für oder gegen die Offenhaltung des „alten“ innerstädtischen Flughafens Tegel sind.
Gut 55 Prozent der Berliner sind für eine Offenhaltung von Tegel. Ihr wichtigstes Argument: Die Kapazität des BER ist zu klein bemessen. Der ist nur für 22 Millionen Passagiere pro Jahr in seiner ersten Planung ausgelegt. Nur: An den alten Flughäfen Tegel und Schönefeld sind voriges Jahr schon 32,9 Millionen Fluggäste abgefertigt worden, so viele wie nie zuvor. Allein Tegel schaffte fast so viele wie am künftigen BER, nämlich 21,2 Millionen Passagiere.

Und dann gibt es noch ein emotionales Argument: Tegel ist gut zu erreichen, beim BER sind noch nicht einmal die Anbindungen vorhanden. Tegel ächzt vor sich hin, aber er funktioniert. Und der BER? Erst ein Drittel der 1600 Automatiktüren ist einreguliert und programmiert, die Sanierungsarbeiten an der Sprinkleranlage ziehen sich hin. Jeder Tag, den der BER nicht eröffnet, kostet zwischen 500000 und einer Million Euro. Das reicht irgendwann auch dem Berliner, der selbst in einer hoch verschuldeten Stadt lebt. Das Land Berlin ist momentan mit 59,7 Milliarden Euro verschuldet und zahlt dafür 1,4 Milliarden Euro Zinsen pro Jahr. Nur Bremen und Schleswig-Holstein müssen eine höhere Schuldenlast pro Einwohner tragen.

Die Fronten vor dem Volksentscheid sind klar: Opposition, also CDU, FDP und AfD, gegen Regierung. Rot-Rot-Grün argumentiert, dass allein 300000 Menschen bei einer Offenhaltung von Tegel weiterhin Fluglärm ertragen müssten. Die Regierung warnt vor einer Klagewelle und weist auf die rechtliche Situation hin. Der Planfeststellungsbeschluss zum BER steht unter dem Vorbehalt der Schließung des Flughafens Tegel spätestens nach einer Übergangszeit von sechs Monaten nach Inbetriebnahme. Wer wird den Volksentscheid gewinnen? In Berlin wird es am 24. September sehr spannend.

Wenn Sie glauben, dass die Bayern besser Flughäfen bauen können und Sie am BER selbst ein wenig mitwerkeln wollen: Für Flughafenenthusiasten gibt es das neue Brettspiel „UnberechenBER - Das verrückte Flughafenspiel“. Aber Vorsicht: Ziel des Spiels ist nicht, möglichst günstig zu bauen. Wer die meisten „Steuerzahlertaler“ verzockt, gewinnt. Die bisherigen BER-Baukosten belaufen sich auf 6,5 Milliarden Euro. Das werden Sie doch spielend schaffen.



Die Ingolstädterin Sabine Beikler lebt seit vielen Jahren in Berlin und arbeitet dort als politische Korrespondentin beim Tagesspiegel.