Ingolstadt: Den Ärzten auf die Finger schauen
Genaues Hinsehen ist bei der Arbeit des Operateurs gefragt. Inzwischen achten aber auch die Krankenkassen im Nachhinein immer mehr darauf, ob Mediziner und Pflegepersonal sauber arbeiten. So werden Behandlungsfehler häufiger aufgedeckt. - Foto: Thinkstock
Ingolstadt

Es ist ein schwieriges Thema. Wer für eine Operation ins Krankenhaus oder anderweitig zum Doktor muss, vertraut erst einmal auf die Kompetenz der Mediziner und des Pflegepersonals. Nicht ohne Grund: "In Deutschland erhält man grundsätzlich eine sehr gute Behandlung", stellt Direktor Ulrich Resch von der AOK Ingolstadt fest. Panikmache vor Ärztepfusch ist also fehl am Platz. Aber wie überall, wo Menschen arbeiten, kommt es zu Missständen. Das Behandlungs- und Pflegefehlermanagement gewinnt zunehmend an Bedeutung, weil der Gesetzgeber seit 2013 deutliche Vorgaben macht. Die AOK schaut gar schon seit 2000 im Dienst der Patienten - aber auch zum eigenen Vorteil - genauer hin.

Vorweg gesagt eine Klarstellung: Rund zwei Drittel aller Beschwerden sind unbegründet, was für die Aussage des AOK-Direktors spricht. Wenn die Zahl der Falschbehandlungen dennoch steigt, heißt das im Umkehrschluss auch nicht unbedingt, dass die Ärzte schlechter arbeiten - es wird nur intensiver nachgefragt. So hat der Medizinische Dienst der Krankenversicherung Bayern (MDK) vergangenes Jahr 3852 Behandlungsfehlergutachten im Freistaat in Auftrag gegeben, bei 1072 Fällen bestätigte sich der Verdacht. Fast die Hälfte davon hatte allein die AOK Bayern beigetragen, in absoluten Zahlen waren es 1451 Gutachten und 499 bestätigte Behandlungsfehler. "Wir haben unsere Qualität auf diesem Gebiet seit 2000 permanent gesteigert", sagt Dominik Schirmer als zuständiger Bereichsleiter. Neben Ingolstadt für den Bereich Südbayern mit neun Mitarbeitern gebe es auch eine Patientenberatung in Bamberg für Nordbayern mit elf Beschäftigten. "Der Kontakt kann aber auf allen Wegen erfolgen, persönlich, schriftlich, per Mail oder telefonisch."

Die AOK meldet für den Bezirk Oberbayern - das Jahr 2016 betreffend - 187 Gutachteraufträge bei 68 bestätigten Behandlungsfehlern. Was die Region Ingolstadt angeht, waren voriges Jahr 49 Gutachten erfolgt, in 17 Fällen gelang der Nachweis einer Falschbehandlung. Die Audi-BKK hatte im selben Zeitraum 57 Fälle bearbeitet. Die meisten Fehler passieren in der Chirurgie, Orthopädie und Zahnmedizin. Alle Zahlen sind bezüglich ihrer räumlichen Zuordnung aber insofern zu relativieren, als sie sich nur auf den Wohnort der Betroffenen beziehen - die fehlerhafte Behandlung kann durchaus anderswo erfolgt sein.

Unglaubliche Dinge spielten sich freilich auch in Einrichtungen der Region 10 ab. So hielt die AOK den Fall einer 48-Jährigen aus dem Pfaffenhofener Raum fest, die im Krankenhaus eine Gebärmutterentfernung vornehmen ließ - ein Routinefall, möchte man meinen. Die Frau hatte jedoch einige Stunden danach starke Blutungen, kalte Schweißausbrüche und einen kaum mehr spürbaren Puls. Eine Not-OP wurde angeordnet, doch dann soll die Patientin rund 40 Minuten dagelegen sein, ohne dass etwas passierte. "Sie ist praktisch auf dem OP-Tisch fast verblutet", sagt Schirmer. Selbst als die Mediziner die Bauchhöhle geöffnet hatten und starke innere Blutungen feststellten, blieben die Transfusionen zunächst aus. Die Frau starb später. Ein Strafverfahren blieb ohne Folgen für die Ärzte, die Kasse setzte zumindest zivilrechtliche Forderungen durch.

In einem anderen Fall im Raum Neuburg-Schrobenhausen musste eine wegen Hüftgelenksproblemen aufgenommene 81-Jährige in einem Krankenhaus starke Schmerzen ertragen, weil sich ihre gesamte Mundschleimhaut auflöste, zudem litt sie an einer offenen Zunge. Blutbildveränderungen ließen niemand aufhorchen, erst nach sechs Tagen erfolgte eine genauere Untersuchung. Das Klinikpersonal hatte der Seniorin ein Rheumamedikament in viel zu hohen Dosen verabreicht, kam heraus - um ihr dann noch ein linderndes Gegenmittel zu versagen.

"Uns geht es nicht darum, Mediziner an den Pranger zu stellen", macht AOK-Direktor Ulrich Resch klar. "Für mich ist die Prävention der wichtigste Punkt." Die Aufklärungsarbeit der Krankenkassen solle dazu beitragen, die Versorgung zu optimieren. Die Ärzte sähen das aber mitunter als "Majestätsbeleidigung" an und agierten wenig kooperativ, berichtet sein Kollege Schirmer - eine vertane Chance, wie er findet. "Wir wollen eine Fehlerkultur entwickeln. Wenn etwas verkehrt läuft, muss man darüber reden, auch mit den Betroffenen." Da die Erfassung von Falschbehandlungen bisher nicht genormt sei, tue man sich aber schwer. "Wir bräuchten ein bundeseinheitliches Zentralregister und eine Beweislastumkehr." Nicht der Patient solle in der Pflicht stehen, vielmehr müssten Mediziner belegen, keine Fehler gemacht zu haben.

Doch auch nach geltender Rechtslage gelingt es der AOK, für viele Betroffene eine Entschädigung herauszuholen, wobei es keine konkreten Zahlen gibt. Die Kasse profitiert ebenfalls und verbuchte zwischen 2000 und 2016 rund 92,5 Millionen Euro an Regresszahlungen für sich. Die Audi-BKK hält es mit der Betreuung ganz ähnlich, wenn es um Falschbehandlungen geht: "Während des gesamten Ablaufs begleiten wir unsere Versicherten intensiv", sagt ihr Sprecher Philipp Drinkut. "In der Regel leiten wir den Prozess mit einer Beurteilung des Vorwurfes durch die Fachleute des MDK ein, bis hin zur engen Zusammenarbeit mit Anwälten unserer Versicherten. Natürlich ist dies für unsere Kunden mit keinerlei Kosten verbunden."

Die AOK geht noch weiter und sucht über die Auswertung von Patientendaten, intern "Medicus-Programm\" genannt, inzwischen auch ohne Auftrag nach Unstimmigkeiten, leitet aber nur dann Schritte ein, wenn die Betroffenen zustimmen. Die Auswertung von Abrechnungen über Suchalgorithmen filtert dabei Auffälligkeiten heraus, etwa Druckgeschwüre durch falsche Pflege. Die Kasse stellte weiter fest, dass die horrend gestiegenen Haftpflichtbeiträge für Hebammen in keinem Verhältnis zu den tatsächlich festgestellten Geburtsschäden stehen. "Das ist nicht nachzuvollziehen."

Defekte Medizinprodukte sind ein akutes Thema. Es komme immer öfter zu Serienschäden, etwa zu Haarrissen bei künstlichen Gelenken. "Das hängt mit den recht einfachen Zulassungsverfahren bei uns zusammen", sagt Dominik Schirmer. "Hier ist der Gesetzgeber gefordert."