Herr: Faktencheck gegen Fakenews
Journalistikprofessor Klaus Meier. - Foto: upd/Klenk
Herr Meier, Fakenews - also gefälschte Nachrichten - verbreiten sich derzeit rasend schnell. Womöglich können sie sogar die Bundestagswahl 2017 beeinflussen. Das ist ein Thema, mit dem sich Journalisten immer häufiger befassen müssen. Ist es auch Inhalt in der Ausbildung?

Klaus Meier: Die Prüfung von aktuellen Fakten ist der Kern des Journalismus, war also schon immer Thema der Ausbildung. Und gleichzeitig gab es schon immer gezielte Unwahrheit in der Öffentlichkeit. "Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit", sagt ein altes Sprichwort. Und übertragen auf den Kampf um Aufmerksamkeit und Zustimmung hat es schon immer auch in Friedenszeiten Versuche gegeben, mit Unwahrheiten den Gegner zu diskreditieren. Das ist an sich nicht neu, wir erleben es aber durch Internet und soziale Medien erheblich verschärft - vor allem weil hier der prüfende Journalismus umgangen werden kann und weil jeder Unwahrheiten verbreiten kann.

 

Neu ist also, dass Fakenews die Menschen ohne journalistischen Zwischenschritt erreichen.

Meier: Genau das zeigt, wie extrem wichtig ein gut funktionierender Journalismus für eine offene Gesellschaft und für eine Demokratie ist. In Zeiten, in denen Journalisten unter Druck geraten, etwa im Krieg oder in Diktaturen, kann man den Journalisten nicht mehr glauben, man weiß nicht, was stimmt. Heute, in unserer offenen Gesellschaft, sind die Journalisten weniger vom Staat bedroht, sondern durch gezielte Angriffe: Es wird versucht, Journalismus zu diskreditieren, etwa von der AfD, Pegida oder in den USA von Trump und seinen Anhängern. Wenn man Journalisten nicht mehr traut oder sich selbst nicht mehr über Tageszeitung und öffentlich-rechtlichen Rundfunk informiert, läuft man Gefahr, dass man denjenigen aufsitzt, die Unwahrheiten verbreiten.

 

Wie können Leser und User glaubwürdige Quellen erkennen? Gilt der alte Journalistengrundsatz, dass man sich eben nicht nur aus einer Quelle informieren sollte?

Meier: Absolut. Es gibt verschiedene Grundsätze, die jeder anwenden kann, nicht nur Journalisten. Die erste Frage ist: Woher kommt eine Information, wer ist die Quelle und wie belegt sie die Fakten? Was verbreitet die Quelle sonst noch? Wenn das immer ähnliche Geschichten mit einschlägiger politischer Färbung sind, dann müssen wir skeptisch sein. Und die zweite Frage: Gibt es andere Quellen, zumindest eine zweite, die diese Nachricht auch verbreitet? Und ist die zweite Quelle unabhängig von der ersten?
 

Genauso haben es Journalisten gelernt. Die zweite Quelle galt als Recherchepflicht. Ist das heute in der Ausbildung noch relevant?

Meier: Ja. Die Ausbildung lehrt noch genau das, was guten Journalismus ausmacht. Es ist aber Neues dazu gekommen. Die Welt ist unübersichtlicher geworden, weil Informationen zunehmend losgelöst von der Quelle verbreitet werden. In den sozialen Netzwerken läuft man Gefahr, dass man einer "Nachricht", die ein "Freund" teilt, ohne Skepsis Glauben schenkt und sie unkontrolliert weiterverbreitet - vielleicht weil man dem Freund vertraut oder weil die Geschichte zu gut ins eigene Weltbild passt. Dabei wäre im Prinzip jeder in der Pflicht, zuerst zu hinterfragen, ob die Informationen, die er weiter verbreitet oder auch nur mit "like" markiert, wirklich geprüft sind. Das ist eine große Herausforderung für Medienbildung.

 

Wie sollte der Journalismus auf diese Entwicklung reagieren? Mit mehr Offenheit und Transparenz darüber, wie man zu seinen Nachrichten kommt?

Meier: Ja, auf jeden Fall Quellen offenlegen, dem Leser oder Nutzer deutlich machen, woher die Information stammt. Außerdem sollte man besser erklären, warum ein Ereignis als Nachricht ausgewählt wird oder warum nicht. Wie etwa mit dem aktuellen Beispiel des Mordes in Freiburg. Hier hat sich die Reaktion der "Tagesschau" öffentlich intensiv bemüht zu erklären, warum sie darüber zunächst nicht berichtet hat.

 

Reicht das aus?

Meier: Auch Journalisten sollten zunehmend soziale Netzwerke nutzen. Und es braucht neue Formate, etwa einen "Faktencheck". Am besten den Leser oder Nutzer mit einbeziehen: "Schickt uns, was ihr wissen wollt, wir überprüfen das für euch im Faktencheck."

 

Was sagen Sie dazu, dass angesichts der Debatte um Fakenews Politiker zunehmend lauter nach neuen Gesetzen rufen?

Meier: Wir brauchen keine neuen Gesetze, sondern müssen zusehen, dass unsere sehr guten Gesetze auch auf Facebook oder Twitter durchgesetzt werden, also Hass-Postings schnell gelöscht und Verleumdungen strafrechtlich verfolgt werden. Neue Gesetze laufen Gefahr, dass der Staat in einen Bereich eingreift, aus dem er sich eigentlich heraushalten muss: die Frage nach der Wahrheit. Sonst sind wir schnell beim Orwell'schen "1984", wo der Staat im Wahrheitsministerium definiert, was die Wahrheit ist.

 

Aber man sagt doch, dass jeder Mensch zwar das Recht auf eine eigene Meinung, aber nicht auf eigene Fakten hat?

Meier: Ja, das natürlich schon. Aber wer soll das kontrollieren? Die Fakten in öffentlichen Debatten müssen in erster Linie nicht vom Staat überprüft werden, sondern von einem unabhängigen Journalismus. Gerade deshalb sind Social Media ja so gefährlich, weil dort der Anschein erweckt wird, dass Öffentlichkeit auch ohne Journalismus gehen würde. Ein Beispiel für den Propagandakrieg, in den wir heutzutage immer wieder geraten, ist die angebliche Vergewaltigung eines russlanddeutschen Mädchens in Berlin Anfang des Jahres, was russische Medien und rechte deutsche Gruppen verbreitet haben. Das wurde von vielen - auch von Menschen in der Region um Ingolstadt - geglaubt; es gab Demos. Richtigstellen können das nur unabhängige Medien durch kritische Recherchen, etwa bei Behörden.

 

Allerdings galt doch früher die Journalistenregel: "Was nicht ist, ist keine Nachricht." Man hat recherchiert, und wenn es sich als falsch herausgestellt hat, war es keine Geschichte.

Meier: Da werden Journalisten umdenken müssen. Wenn immer mehr Menschen ein Ereignis behaupten beziehungsweise die Behauptung weiterleiten, das so nie stattgefunden hat, muss man es trotzdem oder gerade deswegen zum Thema machen, um die Fakten zu klären.

 

Und was ist mit der aktuell so oft zitierten Glaubwürdigkeitskrise des Journalismus? Macht Journalismus immer alles richtig?

Meier: Nein, natürlich nicht. Alles geht immer auch besser, in allen Berufen. Aber eine angebliche Glaubwürdigkeitskrise wird schon stark dramatisiert und politisch befeuert. Drei Viertel der Deutschen vertrauen nach wie vor Tageszeitungen und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Journalismus kann dennoch besser werden: mehr Wert auf Recherche legen, transparenter werden, Fehler zugeben, wenn sie mal passieren, und erklären, warum sie passiert sind. Und sich mal auf einen interaktiven Prozess mit dem Publikum einlassen - etwa auf einen Faktencheck. ‹ŒDK

 

Das Gespräch führte

Eva Chloupek.