Herr Meier, derzeit wird viel über die Mitschuld der Medien am Erstarken der AfD diskutiert. Ist da was dran?

Klaus Meier: Die Medien haben Strategie und Wahlkampf der AfD beflügelt. Vor allem das Fernsehen hat das Thema der AfD willfährig als Großthema der Wahlkampfberichterstattung übernommen - und auch die Bewertung dieses Themas als riesige Bedrohung, mit der die etablierten Parteien angeblich nicht zurechtkommen. Ein anderer Aspekt ist, dass die AfD immer wieder auffällt durch kalkulierte Übertreibungen, Tabubrüche, Verzerrungen und gezielte Unwahrheiten und damit Empörung und Aufmerksamkeit erregt. Redaktionen, die darüber berichten, schaffen so eine Plattform für die AfD.

 

Im Land sind die Menschen nicht für mehr Rente oder sozialen Wohnungsbau auf die Straße gegangen, sondern wegen der Flüchtlinge. Die Themen waren zuerst da, dann haben die Medien sie aufgegriffen.

Meier: Es ist eher umgekehrt: Wir wissen aus vielen wissenschaftlichen Studien, dass die Themen, über die sich die Menschen Sorgen und Gedanken machen, über die Berichterstattung kommen. Erst dann, wenn über einen Atomunfall oder den Diesel-Skandal berichtet wird, macht man sich Sorgen über die Umwelt. Und so sorgten sich gerade jetzt in den Wochen vor der Wahl viele Menschen um Flucht, Migration und Integration, als das Thema in allen Kanälen befeuert wurde. Die Themen und ihre Bewertung werden von den Medien forciert. Das verdrängt andere Sachthemen, die vielen Menschen auch am Herzen liegen, die in der Wahlkampfberichterstattung aber untergegangen sind. Symptomatisch dafür war das Kanzler-Duell, wo sehr lange nur über dieses eine Thema gesprochen wurde und die Fragen auch nur mit AfD-Perspektive, teilweise mit falschen Zahlen garniert, gestellt wurden.

 

Hat die Berichterstattung der letzten drei Wochen vor der Wahl also zum Erstarken der AfD beigetragen?

Meier: Da bin ich mir sehr sicher. Aber nicht alleine das Fernsehen: Auch Facebook hat als mediale Plattform dazu beigetragen. Menschen, die sich sowieso schon im Themenspektrum der AfD bewegen, werden dort hineingezogen in diesen Sog mit Provokationen, Falschmeldungen und Hetze, die in teilweise geschlossenen Gruppen nicht korrigiert werden. Ein weiterer Aspekt ist die Frage, warum viele Spätaussiedler die AfD gewählt haben: Diese Gruppe ist einer starken Propaganda von russischen Staatsmedien ausgesetzt, die das Ziel haben, westliche Demokratien zu destabilisieren und deshalb die Realität in Deutschland extrem einseitig und verfälscht darstellen und damit der Strategie der AfD in die Hände spielen.

 

Stichwort Provokationen. Wie sollten die Medien damit umgehen?

Meier: Man kann sie nicht komplett ignorieren. Man muss aber immer wieder überlegen, wie relevant die Provokation war und ob es sich lohnt, Sendezeit oder Platz in der Zeitung dafür zu verschwenden und andere Themen zu vernachlässigen. Ist die Provokation nur Strategie oder geht tatsächlich eine Gefahr von ihr aus? Wenn eine Politikerin freiwillig eine Talkshow verlässt, darüber muss man wirklich nicht berichten. Wenn aber der Holocaust geleugnet oder Schießbefehle an Grenzen gefordert werden, dann kann man das nicht verschweigen. Die große Gefahr ist, dass Medien beim ständigen, wenn auch kritischen Wiederholen den Eindruck vermitteln, es gehöre zur normalen demokratischen Streitkultur, sich mit rechtsnationalem und völkischem Vokabular und Weltbild zu beschäftigen.

 

Online-Zahlen belegen, dass diese Texte viel gelesen werden. Das Interesse scheint da zu sein.

Meier: Man bedient damit aber kaum sachliches Interesse, sondern ein Unterhaltungsinteresse des Publikums. Muss ein Qualitätsmedium die Gier nach Sensationen und die Faszination, die vom Tabubruch ausgeht, bedienen? Eklatant war der Wahlabend, als schon die ersten Hochrechnungen in ARD und ZDF mit Wörtern wie "Erdbeben" und "tektonische Verschiebung" beschrieben wurden. Der "Spiegel" titelt "Die AfD überrollt die Volksparteien". 87 Prozent haben nicht die AfD gewählt, da muss man den Ball flach halten und das Ganze sachlicher angehen.

 

Klaus Meier ist Journalistik-Professor an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Der 48-Jährige ist Experte für Ethik des Journalismus.

Die Fragen stellte Verena Belzer.

Foto: KU