Dortmund: Der Herausforderer schaltet auf Angriff
Beide Daumen nach oben: SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz nach seiner Rede auf dem Parteitag in Dortmund. - Foto: Schürmann/AFP
Dortmund

Noch einmal Jubel auf der großen Bühne in der Westfalenhalle. Als zum Abschluss das traditionelle Arbeiterlied "Wann wir schreiten Seit' an Seit'" angestimmt wird, diesmal von einer Rockband, wirkt Martin Schulz wie befreit. Gerade hat der SPD-Parteitag das Wahlprogramm beschlossen - einstimmig. Der Kandidat singt aus voller Kehle mit, die Genossen fassen sich an den Händen. "Das war heute ein wichtiger Moment", gibt sich Schulz zufrieden. Die SPD habe gezeigt, dass sie eine starke, eine selbstbewusste Partei sei, das Kreuz durchdrücke. "Wir haben jetzt drei Monate Zeit", ruft er den Genossen zu. "Lasst uns dafür sorgen, dass die Bundesrepublik Deutschland sozialdemokratisch-links geführt wird."

Schulz hat eine Botschaft: Die SPD ist wieder da - Umfragen-Krise hin oder her. 6000 Gäste in der Dortmunder Westfalenhalle, die Ränge vollgepackt, rhythmischer Beifall, stehende Ovationen im weiten Rund. "Wir stehen nach wie vor hundert Prozent hinter Martin Schulz", ruft Partei-Vize Manuela Schwesig in die Arena. "Du hast alles, was man für dieses Amt braucht", adelt ihn Altkanzler Gerhard Schröder, erntet donnernden Applaus. Nein, kein Zweifel soll aufkommen, die Basis habe den Glauben an den Parteichef aufgegeben. Aber wie kann es ihm gelingen, die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CSU) vom Sockel zu stoßen - trotz ihres haushohen Vorsprungs?

Der Herausforderer schaltet auf Frontalangriff. Merkel und die Union würden sich der Debatte über die Zukunft "systematisch verweigern", die Wähler so von den Wahlurnen fernhalten, ruft Schulz. "In Berliner Kreisen nennt man das asymmetrische Demobilisierung. Ich nenne es einen Anschlag auf die Demokratie!"

80 Minuten redet der Kandidat, die Bühne mit moderner Optik. Schulz spricht vor einer Wand mit dem neuen SPD-Blau. Der Farbe, der eine beruhigende Wirkung nachgesagt wird. "Mann, ist das heiß hier", stellt er zur Hälfte seiner Rede fest, zieht sich das Sakko aus, legt die großen Linien seiner Politik dar: Zukunft der Wirtschaft, Gerechtigkeit, Europa, Frieden. Eine solide Rede, aber weitgehend frei von Überraschungen.

Bei der Gleichstellung Homosexueller legt sich Schulz fest: "Ich werde keinen Koalitionsvertrag unterschreiben, in dem die Ehe für alle nicht verankert ist." Noch größer fällt der Jubel aus, als Schulz eine Botschaft in die Türkei sendet, wo auch deutsche Journalisten hinter Gittern sind: "Hier aus Dortmund rufe ich Ihnen zu, Herr Erdogan: Geben Sie diese Leute frei und wenn möglich noch heute." Begeisterung auf den Rängen, es erschallen "Martin! Martin!"-Rufe.

CSU-Chef Horst Seehofer und Kanzlerin Merkel wirft Schulz vor, in München einen "Versöhnungsgipfel der Heuchelei" zelebriert zu haben, und erklärt: "Wer Merkel wählt, bekommt Seehofer." Auch die Bierzelt-Kritik der Kanzlerin an US-Präsident Donald Trump, unter ihm sei die Zeit der Verlässlichkeit ein Stück weit vorbei, bürstet er ab. "Wie groß ist das Stück eigentlich? Wie unkonkret darf es denn bitte sein" Der Herausforderer bläst zur Attacke.

Schulz hatte Altkanzler Schröder persönlich um Schützenhilfe gebeten, und die liefert dieser in Dortmund. 20 Minuten "Gerd-Show" in der Westfalenhalle, der 73-jährige Altkanzler mal wieder bei den Genossen. Mehr als 20 Punkte habe die SPD 2005 hinter der Union gelegen, den Rückstand in wenigen Wochen fast aufgeholt, erinnert Schröder an seinen letzten eigenen Wahlkampf. "Was damals gilt, gilt heute auch!", ruft er. "Nichts ist entschieden. Wenn wir alle Kräfte mobilisieren, können wir es schaffen."

In seinen Wahlkampf war Schulz als Agenda-Kritiker gestartet, nun soll der Agenda-Kanzler die Partei von ihren Selbstzweifeln befreien. Der Gerd und der Martin - plötzlich ein Herz und eine Seele, fallen sich in die Arme. Schröder lobt das Schulz-Programm als "verantwortungsbewusst und zukunftsorientiert. "Auf in den Kampf!", schwört er die SPD ein. "Venceremos", zitiert er das alte Linken-Kampflied aus Chile: "Wir werden siegen."

Der Schulterschluss mit Schröder zeigt auch: Die Zeit, in der Schulz die Agenda zurückdrehen wollte, als "Robin Schulz" nur auf das Thema soziale Gerechtigkeit gesetzt hatte, ist seit Dortmund endgültig vorbei. Versuche des linken Flügels, die Vermögensteuer ins Programm zu heben und beim Rentenniveau nachzulegen, blockte Schulz ab. Um beide Themen sollen sich nach der Wahl Kommissionen kümmern. Sowohl Linke als auch Jusos fügen sich. In Rekordtempo arbeiten sich die 635 Delegierten durch das dicke Antragsbuch zum "Regierungsprogramm". Einzige Überraschung: Gegen den Willen der Führung stimmt der Parteitag dafür, Abschiebungen nach Afghanistan vorerst komplett zu stoppen.