Wer wurde für die Studie getestet?

29.529 Schüler aus allen Bundesländern haben teilgenommen, überprüft wurden ihre Leistungen in Mathematik und Deutsch. Dabei ging es unter anderem um Textaufgaben zu Mustern, Form- und Raumverständnis, Zahlen, Größen und Wahrscheinlichkeiten. Im Fach Deutsch wurden Zuhören, Rechtschreibung und Lesen getestet. Die Studie gibt unter anderem den Anteil der Schüler in den einzelnen Bundesländern an, die Mindest- und Regelstandards erreichen.

 

In welchen Bereichen haben sich die Grundschüler verschlechtert?

Die Leistungen im Lesen sind bundesweit weitgehend stabil geblieben. Dennoch: Jeder achte Viertklässler erreicht nicht den Mindeststandard. Bei Zuhören und Orthografie im Fach Deutsch verschlechterten sich die Leistungen bezogen auf die gesamte Bundesrepublik im Schnitt um gut fünf beziehungsweise zehn Prozentpunkte. In Mathematik gab es einen Rückgang um sechs Prozentpunkte.
 

Welche Länder schneiden am schlechtesten ab?

In der Gesamtschau fällt auf: Bayern, Sachsen und das Saarland belegen im Länderranking jeweils die vorderen Plätze. Unterdurchschnittlich schneiden Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen ab. Ganz hinten liegen die beiden Stadtstaaten Bremen und Berlin. Hamburg hat sich im Vergleich zu 2011 deutlich verbessert. In zahlreichen Ländern gab es aber deutliche Verschlechterungen: So sank der Anteil der Kinder, die in Mathematik mindestens die Regelstandards erreichen, in Baden-Württemberg, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt.

 

Wie groß sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern?

Der Abstand ist zum Teil enorm. So erreichten in Bremen 40,2 Prozent der Viertklässler nicht einmal die Mindeststandards bei der Rechtschreibung, in Berlin sind es 33,6 Prozent und in Niedersachsen 27,9 Prozent, in Bayern jedoch nur 12,5 Prozent. Im Fach Mathematik liegt die Spanne beim Anteil der Grundschüler, die die Mindeststandards verfehlen, zwischen 8,3 Prozent (Bayern) und 35,5 Prozent (Bremen).

 

Wie erklären die Autoren den Abwärtstrend?

Es wird auf grundlegende Veränderungen in der Zusammensetzung der Grundschulklassen verwiesen: Erstens, der Anteil von Zuwandererkindern ist bundesweit deutlich gestiegen, um 8,9 Prozent auf 33,6 Prozent. An rund einem Viertel der Schulen sind es sogar mehr als 40 Prozent. Hier handelt es sich meist um Kinder der zweiten Migrantengeneration. Zweitens, immer mehr Kinder mit Behinderungen sind an regulären Grundschulen. Hintergrund ist die Schließung von Förderschulen im Zuge der Inklusion. Unterm Strich: Die Klassen sind heterogener geworden, die Herausforderungen für die Lehrer sind gestiegen. Die Studie zeigt auch, dass nicht allein die Leistungen von Zuwandererkindern in der vierten Klasse schlechter geworden sind, sondern auch die von Schülern ohne Migrationshintergrund.

Bildungsforscher Hurrelmann: Ein sehr bitteres Ergebnis

Herr Hurrelmann, erstmals seit Langem haben sich die Leistungen von Deutschlands Grundschülern verschlechtert. Kommt diese Entwicklung für Sie überraschend?

Klaus Hurrelmann: Es ist ein sehr enttäuschendes, sehr bitteres Ergebnis. Wir hatten seit vielen Jahren stabile bis positive Trends im Grundschulbereich. Es gab ja schon Debatten darüber, warum die Grundschulen so gut sind und die weiterführenden Schulen nicht. Eine solche Entwicklung hat niemand vorhergesagt.


Worauf führen Sie die schlechteren Leistungen von Grundschülern zurück?

Hurrelmann: Der Bericht, den die Kultusministerkonferenz vorgestellt hat, gibt ja bereits eine Tendenz an: Der Hauptgrund dürfte die veränderte Zusammensetzung der Schülerschaft sein. Neu ist vor allem, dass der Anteil von Schülern aus Zuwandererfamilien gestiegen ist. Die Auflösung von Förderschulen führt zudem dazu, dass mehr Schüler mit Behinderungen und Beeinträchtigungen in die Grundschulen hineingekommen sind. Die Lehrer sind offenbar nicht ausreichend in der Lage, damit umzugehen und sich auf die neuen Gegebenheiten professionell einzustellen.


Prompt fordert die Lehrergewerkschaft GEW mehr Lehrerinnen und Lehrer. Ist die Lösung so einfach?

Hurrelmann: Nein, sicherlich nicht. Natürlich darf es keine Lücken im Unterrichtsplan geben. Und die Zahl der fachfremden Lehrer sollte auch nicht zu hoch sein. Es kommt nicht auf die Zahl der Lehrer an, sondern auf deren Qualifikation. Für die Lehrer besteht die Herausforderung darin, dass die Klassen sehr viel heterogener geworden sind. Darauf sind sie nicht ausreichend vorbereitet. Ein gut strukturierter Unterricht mit klaren Konturen ist das Gebot der Stunde. Vieles in den vergangenen Jahren dürfte die Lehrkräfte verunsichert und überfordert haben.


Warum?

Hurrelmann: Sie hatten plötzlich viele Kinder im Unterricht, mit denen sie völlig anders umgehen müssten als gewohnt und gelernt. Die Antwort darauf muss gezielte Weiterbildung sein und eine bessere Vorbereitung auf gemischte Lerngruppen. Das ist eine alte Schwäche des deutschen Schulsystems. Wir waren bisher immer darauf ausgerichtet, dass die Klassen so homogen wie irgendwie möglich sind. Das funktioniert nicht mehr.


Mehr Zuwandererkinder und mehr Behinderte in den Klassen – werden Kinder ohne Behinderung und Migrationshintergrund dadurch beeinträchtigt?

Hurrelmann: Eine Auswertung der Statistik deutet darauf hin. Schülerinnen und Schüler, die neu hinzukommen und nicht in die bisherigen Muster des Unterrichts hineinpassen, sorgen durch ein anderes Sozialverhalten und Sprachprobleme für Unruhe, brauchen mehr Aufmerksamkeit. Darunter können alle anderen Kinder leiden.


Fordern Sie Kommando zurück bei der Inklusion?

Hurrelmann: In vielen Bundesländern sind die Tore geöffnet worden. Kinder mit verschiedensten Behinderungen und Beeinträchtigung sind mit in den regulären Unterricht geholt worden. Oft ist kein zusätzlicher Lehrer mit sonderpädagogischer Ausbildung mit dabei. Das kann so nicht funktionieren. Den Lehrern zu sagen „Macht mal“ ist keine Lösung. Das gilt übrigens auch für den Umgang mit Zuwandererkindern.

Klaus Hurrelmann ist Bildungsforscher an der Hertie-School of Governance.
Die Fragen stellte Rasmus Buchsteiner.