Donnerstag, 28. Juli 2016 |

 

20.01.2016 21:36 Uhr | x gelesen
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"Es gibt keine Wunschtermine"


Berlin (DK) Schluss mit langen Wartezeiten: Gesetzlich Versicherte in Deutschland haben ab kommenden Montag Anspruch auf einen Facharzttermin innerhalb von vier Wochen. Die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) haben Terminservicestellen eingerichtet, an die sich Patienten telefonisch wenden können. KVen-Vorsitzender Andreas Gassen sieht die Neuerung kritisch.


 

Herr Gassen, sind die Mediziner auf den zu erwartenden Patientenansturm vorbereitet?

Andreas Gassen: Ob es wirklich ein Ansturm wird, muss sich erst zeigen. Die KVen haben auf jeden Fall ihre Hausaufgaben erledigt. Die Terminservicestellen werden spätestens am 25. Januar ihre Arbeit aufnehmen. Die niedergelassenen Ärzte in der Bundesrepublik haben den KVen dazu Termine gemeldet.

 

Gibt es bei den Servicestellen den Wunschtermin beim Wunscharzt in der Nähe?

Gassen: Nein, über die Terminservicestelle werden keinesfalls Wunschtermine beim Wunscharzt vermittelt. Aufgabe der Terminservicestelle ist es, einen Termin bei einem Arzt der jeweiligen Fachrichtung zu vermitteln, der in den nächsten vier Wochen einen freien Termin zur Verfügung hat. Dazu müssen bestimmte Bedingungen erfüllt sein - wie das Vorliegen einer Überweisung. Häufig werden es für den Patienten unbekannte Ärzte sein, die vermittelt werden. Wer einen Termin beim Arzt seines Vertrauens möchte, sollte sich auch weiterhin am besten direkt an die Praxis wenden.

 

Was müssen Patienten noch beachten, wenn sie sich an die neuen Servicestellen wenden?

Gassen: Der Terminservice richtet sich an gesetzlich krankenversicherte Patienten, die eine mit der entsprechenden Dringlichkeit gekennzeichnete Überweisung bekommen haben. Für die Vermittlung eines Augenarzt- oder Frauenarzttermins ist keine Überweisung notwendig. Die Terminservicestelle vermittelt innerhalb einer Woche einen Termin bei einem Arzt der entsprechenden Fachrichtung, der mit maximal vier Wochen Wartezeit verbunden ist. Davon ausgenommen sind allerdings Bagatellerkrankungen und Routineuntersuchungen. Darunter fallen zum Beispiel Untersuchungen zur Früherkennung.

 

Wie häufig wird es vorkommen, dass Patienten in Kliniken statt zum Facharzt verwiesen werden, weil es in den Praxen keine Termine gibt?

Gassen: Das wird sich zeigen, wenn die Terminservicestellen ihre Arbeit aufgenommen haben. Wir gehen aber davon aus, dass die Terminvermittlung bei einem niedergelassenen Kollegen klappen wird. In Sachsen besteht der Terminservice der KV schon seit November 2014. Dort hat es bislang noch keinen einzigen Fall gegeben, im dem ein Patient gegen seinen Willen ins Krankenhaus vermittelt werden musste.

 

Die Krankenkassen kritisieren, einige Kassenärztliche Vereinigungen würden die Servicestellen für Versicherte so unattraktiv wie möglich gestalten. Ist da etwas dran?

Gassen: Die Kassenärztlichen Vereinigungen erfüllen ihren gesetzlichen Auftrag und setzen die Terminservicestellen passend zu ihren regionalen Gegebenheiten um. Dass wir die Einrichtung der Terminservicestellen kritisch sehen, ist sicherlich kein Geheimnis. Wir können die Notwendigkeit dieser Einrichtung nicht wirklich erkennen. Im internationalen Vergleich zeigt sich immer wieder, dass wir in Deutschland mit die geringsten Wartezeiten auf einen Arzttermin haben.

 

Untersuchungen zeigen, dass Privatversicherte in Deutschland immer noch schneller Termine bekommen als gesetzlich Versicherte. Bringen die Servicestellen jetzt das Ende der Zwei-Klassen-Medizin?

Gassen: In Deutschland werden alle Versicherten - egal ob gesetzlich oder privat krankenversichert - sehr gut medizinisch versorgt, der Vorwurf einer Zwei-Klassen-Medizin ist in meinen Augen nicht gerechtfertigt. Nicht ohne Grund haben 92 Prozent der Teilnehmer unserer jüngsten Versichertenbefragung angegeben, dass sie ein gutes oder sehr gutes Vertrauensverhältnis zu ihrem Arzt haben. Mehr als 60 Prozent der Befragten erhalten sofort oder innerhalb von maximal drei Tagen einen Termin bei ihrem Wunscharzt. Nur wenige Patienten in Deutschland halten die Wartezeit für zu lang.

 

Die Fragen stellte unser Berlin-Korrespondent Rasmus Buchsteiner.

 


Donaukurier
 
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