Am Ende atmet er tief durch und strahlt. Der SPD-Chef hat gekämpft und gewonnen. Ja zu Sondierungen und Ja zu Martin Schulz. Grünes Licht für Gespräche mit der Union über eine Regierungsbildung. Der SPD-Parteitag schließt auch eine große Koalition nicht aus. Das Votum gestern Abend nach fast sechs Stunden kontroverser Debatte fällt am Ende deutlicher aus als erwartet. Der Versuch der Jusos, die Neuauflage auszuschließen, scheitert.

Erleichterung bei der SPD-Spitze nach dem Showdown in der Messehalle Berlin. Beifall von den Delegierten, aber keine Begeisterung. Man fühle sich verpflichtet, "auszuloten, ob und in welcher Form die SPD eine neue Bundesregierung mittragen kann", heißt es in dem vierseitigen Antrag der Parteiführung. "Diese Gespräche führen wir konstruktiv und ergebnisoffen", so der Beschluss. Bereits in der kommenden Woche wollen sich die Partei- und Fraktionsvorsitzenden von Union und SPD treffen, um die Chancen für ein Bündnis auszuloten. Über die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen im Januar soll ein Sonderparteitag entscheiden.

Kurz vor der Abstimmung ergreift Martin Schulz dann noch einmal das Wort, appelliert eindringlich, ihm zu folgen und den Weg in Richtung Regierungsbeteiligung nicht zu versperren, schließlich könnte es eng werden für ihn. Hochspannung und Nervosität vor der Entscheidung. "Einer der spannendsten Tage in der jüngeren Geschichte unserer Partei", schwärmt Schulz von einer "Debatte auf hohem Niveau" und dankt allen Delegierten im Saal.

Martin Schulz kämpft an diesem Tag. 76 Minuten redet der SPD-Chef gestern um kurz vor 12 Uhr vor den 600 Delegierten. "Wir müssen nicht um jeden Preis regieren. Aber wir dürfen auch nicht um jeden Preis nicht regieren wollen", nimmt er den Parteitag in die Pflicht. "Wir tragen alle große Verantwortung", appelliert der SPD-Chef in seiner Rede an die "GroKo"-Gegner in der Halle, die Tür nicht zuzuschlagen. Am Abend dann wird klar: Die Partei folgt ihrem Vorsitzenden, bestätigt ihn schließlich für zwei weitere Jahre als Parteichef.

91 Redner melden sich zu Wort, ein wütender Beitrag folgt auf den nächsten, denn für viele geht es um die Existenz der Partei, die am Abgrund stehe. Am Nachmittag wird die Redelänge von fünf um drei Minuten verkürzt - sonst ginge die Debatte bis in die Nacht.

Der Chef der Jusos, Kevin Kühnert, ist einer der Ersten, die nach Schulz auf die Bühne gehen. Er wird mit seiner Rede zum heimlichen Star und Rebell: Noch eine große Koalition wäre "politischer Selbstmord", macht er Front gegen den Antrag der SPD-Spitze um Schulz zu ergebnisoffenen Gesprächen. Der SPD drohe die Verzwergung, sagt Kühnert: "Wir haben ein Interesse daran, dass hier noch was übrig bleibt von diesem Laden, verdammt noch mal!", donnert der 28 Jahre alte Jungpolitiker unter dem Beifall des "NoGroKo"-Lagers in den Saal.

Gegenrede kommt von Fraktionschefin Andrea Nahles: Die Angst, die SPD opfere sich "auf dem Altar der großen Koalition", sei unbegründet und zeuge von Verzagtheit, wettert sie gegen die Juso-Position. Die Spitzenfrau der SPD wagt sich am weitesten vor, unterstützt von Parteivize Olaf Scholz: "Wenn die das nicht hinkriegen, können wir uns nicht einfach davonstehlen." Und Martin Schulz? Er traut sich gestern nicht auch nur den leisesten Hinweis zu geben, ob "ergebnisoffene" Gespräche nun in Schwarz-Rot münden könnten. "Unsere politischen Inhalte zuerst und keinen Automatismus in irgendeine Richtung", bleibt er jedes Signal schuldig.

Brandgefährlich ist die Lage für den Parteichef, zu groß ist der Ärger, ja die Wut über das Umfallen und die Abkehr von der ursprünglichen Absage. Die SPD müsse wieder "die Partei des Mutes" werden, sagt er zwar an einer der wenigen Stellen seiner Rede, an denen lauter Beifall aufbrandet. Aber an den entscheidenden Stellen bleibt er zaghaft. Schulz steckt massiv in der Defensive, kämpft um sein politisches Überleben. Fast demütig bittet er mit brüchiger Stimme wegen der desaströsen Wahlschlappe "für meinen Anteil an unserer Niederlage um Entschuldigung". Mea Culpa des gescheiterten Kandidaten.