Seit 2001 ist der Anteil derjenigen, die die Grundschule nur mit rudimentärer Lesefähigkeit verlassen und kaum in der Lage sind, einfache Verständnisfragen zu beantworten, von 16,9 auf 18,8 Prozent gestiegen. Hinzu kommt: Im internationalen Vergleich sind viele Länder an Deutschland vorbeigezogen. Hintergründe zur neuen IGLU-Studie:

 

  • Der zentrale Befund: Für die Erhebung wurde eine repräsentative Stichprobe von 4000 Viertklässlern von 200 Grund- und Förderschulen untersucht. 47 Länder nahmen teil. Geprüft wurde, ob die Kinder verschiedene Texte verstehen. Der Anteil der Viertklässler, die beim Test durchgefallen sind, ist in Deutschland gegenüber 2001 um zwei Prozentpunkte auf 18,9 Prozent gestiegen. Das heißt, fast jeder Fünfte kann nach Verlassen der Grundschule nicht richtig lesen. Der Zwischenerfolg von 2011, als der Anteil auf 15,4 gesunken war, hat sich also dramatisch ins Gegenteil gekehrt. Auch der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die gerne lesen und mehrfach in der Woche ihre Nasen in Bücher stecken, ist um fünf Prozentpunkte auf 70 Prozent gesunken.

 

  • Soziale Herkunft: Die Schere unter den Schülern hat sich weiter geöffnet. Vergangenes Jahr war die Chance auf eine Gymnasialempfehlung von Kindern aus oberen Schichten 3,4-mal so hoch wie von Kindern aus sozial schwächeren Elternhäusern. 15 Jahre zuvor war ihre Chance nur 2,6-mal höher. Im Klartext: Die Schulen in Deutschland verhelfen den Kindern aus bildungsfernen Haushalten heute noch weniger zum Erfolg als 2001, und die Kluft ist größer als in den meisten anderen Ländern.

 

  • Die Lichtblicke: Nicht überall sind die Leistungen nach unten gegangen. Im Schnitt ist die Lesekompetenz heute so hoch wie 2001. Das liegt daran, dass der Anteil der besonders leistungsstarken Schulkinder von 8,6 auf 11,1 Prozent gewachsen ist. Insgesamt lesen die deutschen Viertklässler besser als in den meisten Vergleichsländern. Besonders gut stehen Schleswig-Holstein und Bayern da.

 

  • Die Reaktionen: Regelrecht bestürzt reagierte Susanne Eisenmann, Kultusministerin von Baden-Württemberg und Vorsitzende der Kultusministerkonferenz (KMK). "Lesen zu können ist entscheidend für einen gelingenden Start ins Leben. Wer nicht lesen kann, ist stark im Nachteil", warnte sie gestern im Gespräch mit unserer Berliner Redaktion davor, dass Kinder mit mangelnder Lesekompetenz den Rückstand später nie wieder aufholen könnten. "In der Bundesrepublik gibt es erheblichen Handlungsbedarf." Sie will sich dafür einsetzen, dass gute Förderprogramme wie das Projekt "Lesen macht stark" aus Schleswig-Holstein nun von anderen Bundesländern übernommen werden. Über eine "Schande" für das Land der Dichter und Denker klagte der Dortmunder Bildungsforscher Wilfried Bos. "Es ist nicht genug passiert", zieht er ein düsteres Fazit der Bemühungen der Bundesländer, bei der Leseförderung Fortschritte zu machen.

 

  • Konsequenzen: Hans-Peter Meidinger stellte im Gespräch mit unserer Berliner Redaktion einen Forderungskatalog auf: "Schon vor der Einschulung müssen Kinder bundesweit auf ihre Sprachkompetenz und ihre Deutschkenntnisse hin geprüft werden." Wo eklatante Schwächen festgestellt würden, müsse die gezielte Sprachförderung ansetzen. Das sei vor allem Aufgabe der Bundesländer, aber der Bund müsse ihnen finanziell und mit Ressourcen unter die Arme greifen: "Vorschulische Sprachförderung ist eine Bedingung für gelingende Integration, das ist eine bundesdeutsche Aufgabe!" Um die Sprachförderung zu verbessern, müssten Grundschullehrer speziell ausgebildet, aber auch Ergotherapeuten und andere Fachleute einbezogen werden. Und weil Eltern mit Migrationshintergrund ihre Kinder oft nicht in den Kindergarten schickten, fordert der Experte: "Wir brauchen die Kita-Pflicht. Ohne wird es nicht gehen."