Der Wahlkampf zwingt die Kanzlerin zum Klartext. Ihre Äußerungen beim Kampagnenstart in Dortmund sind auch als Reaktion auf jüngste Umfragen zu sehen, die ihr sinkende Beliebtheitswerte und der Bundesregierung Fehler im Umgang mit den Manipulationen bei VW, Mercedes & Co. attestieren. In der Sache hat Merkel kaum etwas anderes gesagt als das, was Ende vergangener Woche bereits im Fünf-Punkte-Plan ihres Herausforderers Martin Schulz zu lesen war. Allein beim Thema E-Auto-Quote grenzt sie sich deutlich von ihm ab.

Vorhang auf für die heiße Phase dieses Bundestagswahlkampfs. Schwer vorstellbar, dass es Schulz und der SPD noch gelingt, die politische Stimmung im Land bis zum 24. September zu drehen. Doch das Beispiel Abgas-Skandal zeigt, dass es sich für die Kanzlerin schnell rächen kann, Themen auf die leichte Schulter zu nehmen. Ihre 2009 und 2013 erfolgreiche Wahlkampf-Strategie, auf Zuspitzung nach Möglichkeit zu verzichten und es damit den Sozialdemokraten schwer zu machen, ihre eigenen Leute zu mobilisieren, birgt Risiken.

Die SPD ist deutlich sortierter und besser aufgestellt als vor den zurückliegenden Bundestagswahlen. Doch bei ihrem Wahlkampfstart am Wochenende hat Merkel bewiesen, dass sie ihren Gegner keinesfalls unterschätzt. Geschickt hat sie ihre Kritik an den Autobossen inszeniert, auch wenn offenbleibt, welche Taten ihren Worten folgen sollen. Zudem besetzt Merkel sozialpolitische Themen, von denen sich die SPD viel verspricht. Gegen diese Kanzlerin zu punkten, fällt schwer. Schulz hat das richtige Rezept bisher nicht gefunden.