Post aus der Hauptstadt

Also blieben nur der 17.und der 24.September. 15 Bundesländer plädierten für den 24., und nur ein einziges für den 17.September: natürlich Berlin. Denn am letzten Sonntag im September, in diesem Jahr am 24., findet traditionell der Berlin-Marathon statt. Was heißt das für eine Stadt mit guter Infrastruktur, siehe Großbaustelle BER? Ein einziges Spießrutenlaufen durch die Stadt, Verkehrschaos und ein nicht ganz ausgeschlossener Einsatz von Soldaten.

Denn 30 der 1779 Stimmbezirke werden von der Marathon-Strecke durchteilt. So müssen 22.000 der rund 2,5 Millionen wahlberechtigten Berliner die Laufstrecke queren, um zur Wahlurne zu kommen. Das wäre so, wie wenn sich die Köschinger und die Gaimersheimer gemeinsam zur Wahl aufmachen und dabei einen Hindernisparcours überwinden müssten. In Berlin ist man freilich noch recht zuversichtlich, dass die Freiwilligen die Leute an den 32 Querungspunkten sicher zur anderen Straßenseite hinüber geleiten, ohne dass es zu nennenswerten Zusammenstößen mit Läufern kommt. Jeder der von der Querung betroffenen Wahlberechtigten hat mit den Wahlunterlagen eine Karte erhalten, auf der „sein“ Querungspunkt zu sehen ist.

Das große Chaos ist im Regierungsbezirk Mitte zu erwarten. Alle Straßen rund ums Brandenburger Tor sind wegen des Marathons gesperrt. Beinahe hätte die Bundestagswahl deshalb unter Ausschluss der internationalen Öffentlichkeit stattfinden müssen: Das Bezirksamt Mitte sagte ausländischen TV-Sendern und Produktionsfirmen, die Stellplätze für Übertragungswagen möglichst mit Blick auf den Reichstag beantragt hatten, einfach pauschal ab und schickte sie nach guter Berliner Behördensitte woanders hin, nämlich zur Bundestagsverwaltung. Die wurde wegen der vielen Anfragen immer fuchtiger, weil sie natürlich nicht für die Genehmigung von Flächen im Straßenraum zuständig ist. Aber das war dem Bezirksamt völlig egal.

Die Bundestagsverwaltung erhielt auf ihre verärgerten Mails an das Bezirksamt die stereotype Antwort: „Sehr geehrte Damen und Herren,Ihre E-Mail wird nicht gelesen und weitergeleitet. Die Bearbeitung erfolgt nach Eingang der E-Mail.“ Nach einigem Hin und Her zwischen Bundestag und Bezirksamt scheint es jetzt eine Lösung zu geben: Die Fernsehteams dürfen sich auf den Washingtonplatz am Hauptbahnhof stellen. Und wenn sie im richtigen Blickwinkel stehen, haben sie sogar noch einen kleinen Ausschnitt vom Reichstag im Bild. Möglicherweise können die Wahlbeobachter am Sonntag aus dem Regierungsbezirk Mitte auch noch über ein anderes Schreckensszenario berichten: Wähler könnten vor verschlossenen Türen ihrer Wahllokale stehen. Denn der Personalrat genehmigte Schulhausmeistern keine Sonntagsarbeit, da ohnehin schon zu viele Über- stunden auf den Arbeitszeitkonten stünden. Das beträfe 46 Schulen mit mehr als 90 Wahl- lokalen.

Nun hat am Dienstag das Bezirksamt die Reißleine gezogen und beschlossen, Sonntagsarbeit für die Schulhausmeister anzuordnen –oh- ne Zustimmung des Personalrats. Der wiederum überlegte, ob er dagegen gerichtlich vorgeht. Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel verspricht hoch und heilig, dass im Re- gierungsviertel gewählt werden kann. „Wir sind auf jedes Krisenszenario eingestellt“, sagt der Grünen-Politik er. In aller-größter Not würde er auch bei der Bundeswehr vorstellig werden und Feldjäger um das Aufsperren der Schulen bitten. Mei, das wären wirklich schöne Bilder von Soldaten vor Schulen am Tag der Bundestagswahl! Da hätte Berlin einen guten Nachrichtenplatz sicher. Noch vor Nordkorea und dem Sudan.



Die Ingolstädterin Sabine Beikler lebt seit vielen Jahren in Berlin und arbeitet dort als politische Korrespondentin beim Tagesspiegel.