Johnson macht also den Anfang. Der 53-Jährige war während des Referendums die Galionsfigur im Brexit-Lager. Von May überraschend ins Kabinett geholt, sollte er die innerparteilichen Querelen befrieden. Als Vertreter eines harten Brexit positionierte sich Johnson seitdem als ein möglicher Nachfolger für die angeschlagene Premierministerin. In seiner Rede wollte der Außenminister erklärtermaßen die Hände ausstrecken und eine Brücke zum Lager der Europafreunde schlagen.

Um den Austritt aus der EU zu einem nationalen Erfolg zu machen, "müssen wir auch die erreichen, die noch Ängste haben", womit er die sogenannten Remainers meint, die für den EU-Verbleib gestimmt hatten - immerhin 48 Prozent. "Es ist nicht richtig, den Remainers zu sagen, ihr habt verloren, findet euch damit ab", so Johnson. Allerdings könne das Referendum nicht umgekehrt werden.

Mit Spannung war erwartet worden, was Johnson zu den wirtschaftlichen Konsequenzen des Brexit sagen würde. Er gab sich betont optimistisch. "Die ökonomischen Vorteile einer EU-Mitgliedschaft sind bei Weitem nicht so offensichtlich und unbestreitbar, wie manche meinen." In Zukunft könne das Land eigene Regularien und Zölle einrichten und sei nicht mehr an EU-Vorgaben gebunden. Damit ließ er die Katze aus dem Sack. Nach dem Brexit, erklärte der Chef-Diplomat, dürfe es nicht dazu kommen, dass Großbritannien immer noch EU-Direktiven zu befolgen habe. "Das wäre unerträglich, undemokratisch und würde es unmöglich machen, dass wir ernsthafte Freihandelsabkommen abschließen können". Damit schloss er einen Verbleib im Binnenmarkt und in der Zoll-Union aus.

Die Reaktionen auf Johnsons Ansprache fielen nicht sehr ermutigend aus. Der Labour-Politiker Chuka Umuna, der gegen einen harten Brexit streitet, nannte die Rede eine "Heuchelei erster Güte". Und seine Kollegin Yvette Cooper sagte: "Wir haben genug von phrasenhaften Reden. Die Leute wollen praktische Antworten". Die Kluft im Land, die der Brexit verursacht hat, hat diese Rede nicht schließen können.