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25.08.2016 20:30 Uhr | x gelesen
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Die Mundräuber sind unter uns


Bild: Die Mundräuber sind unter uns.  Ingolstadt (DK) Auf öffentlichen Flächen wachsen viele Obstbäume. Jetzt reifen die Früchte, aber oft \nverfaulen sie einfach so. Die Initiative Mundraub will diese Verschwendung verhindern.\nAuf einer Karte im Internet kann jeder eintragen oder nachschauen, wo man pflücken darf.

Ingolstadt (DK) Auf öffentlichen Flächen wachsen viele Obstbäume. Jetzt reifen die Früchte, aber oft verfaulen sie einfach so. Die Initiative Mundraub will diese Verschwendung verhindern. Auf einer Karte im Internet kann jeder eintragen oder nachschauen, wo man pflücken darf.


Mundraub in Ingolstadt
Bild: Hammer Ernten erlaubt: Diana und Matthias von den „Freunden der Donau“ sammeln ÄpfeL, die vermutlich sonst verfault wären. Der Apfelbaum steht auf öffentlichem Grund mitten in Ingolstadt – darum dürfen sich die Mundräuber bedienen.
Es ist fast wie im Schlaraffenland: Überall in Ingolstadt wachsen Bäume und Sträucher auf öffentlichem Grund, wo einem die reifen Früchte in der Erntezeit quasi direkt in den Mund oder in den Schoß fallen. Ob im Haslangpark oder in der Mailinger Aue, auf dem neuen Landesgartenschaugelände nahe dem Westpark oder entlang der Kriegsallee nicht weit vom Klinikum. Selbst mitten im Zentrum, an der Stadtmauer, stehen Apfelbäume, deren Äste sich gerade unter der Last der reifen Früchte biegen.

Die „Freunde der Donau“, eine Gruppe engagierter junger Leute, haben begonnen, diese Nutzpflanzen aufzuspüren, zu katalogisieren und im Internet auf der Seite „mundraub.org“ zu posten, damit auch andere Leute etwas davon haben. „Die Liste ist aber noch nicht vollständig, weil wir in Ingolstadt so überwältigend viele Nutzpflanzen haben“, sagt Laura Pöhlmann. „Kirschen, Sauerkirschen, Äpfel, Birnen, Nüsse, Holunder, Beeren, Zwetschgen, Aprikosen, Bärlauch, Thymian, Quitten, Mirabellen, Waldmeister, Esskastanien, Hagebutten – alles wächst gleich am Wegesrand. Man muss nur die Augen offen halten.“

Oder die mundraub-Map anklicken – eine Seite mit aktuell knapp 40 000 Usern und 2,4 Millionen Aufrufen pro Jahr. Diese digitale, interaktive Karte zeigt den „Mundräubern“, bei welchen Obstbäumen, Nüssen, Wildfrüchten und Kräutern sie in ihrer Stadt oder Gemeinde zugreifen dürfen. „Wir haben mehr als 2000 Tonnen Lebensmittel auf unserer Karte, die sonst vielleicht verschimmeln würden“, meint Andie Arndt, Sprecherin der Initiative. Tausende Menschen nutzen die Plattform, um Fundorte einzutragen und abzurufen, miteinander zu teilen und zu kommentieren, ihre Erfahrungen und Rezepte auszutauschen. „Diese Gemeinschaft steht für uns im Vordergrund“, meint Andie Arndt. „Zusammen losziehen und etwas sammeln – das ist die Mundraub-Magie.“

Bei Mundraub handelt es sich um eine gemeinnützige Organisation mit Sitz in Berlin. Ziel der Initiative ist es, Stadt- und Landbewohner auf die Naturschätze ihrer Region aufmerksam zu machen und gemeinsam mit Kommunen nachhaltige Modelle zur Pflege öffentlicher Obstbaumbestände zu entwickeln. In jüngster Zeit sind immer mehr Städte wie Hamburg oder Göttingen dazu übergegangen, ihre Baumkataster komplett auf die Mundraub-Map übertragen. „Das ist für uns die einfachste Methode, denn damit sind die Bäume legal zur Nutzung freigegeben.“

In Ingolstadt muss der Bürger noch bei der Stadt anrufen und nach Standorten von öffentlichen Obstbäumen oder Nutzpflanzen fragen. Denn im städtischen Gartenamt ist man nicht allzu begeistert, wenn die Standorte der Nutzpflanzen im Internet auftauchen. Zu groß sind die Bedenken, professionelle Pflücker könnten anrücken und die Bäume innerhalb kürzester Zeit abernten und sie dabei auch noch beschädigen. Laura Pöhlmann kann diese Befürchtungen nicht nachvollziehen: „Obstdiebe gab und gibt es immer schon. Man sollte nicht vor allem Angst haben, sondern das Positive sehen.“

Mundraub - Kräutergarten im Schloss Ingolstadt
Bild: Hammer Der Kräutergarten im Innenhof des Neuen Schlosses in Ingolstadt: Hier darf sich jeder für den Eigenbedarf etwas pflücken.
Zum Parking Day 2015 hatten die „Freude der Donau“ vergangenes Jahr einfach mal so 70 Kilogramm Äpfel aus öffentlichen Gärten, Parks oder Grünanlagen gesammelt und verschenkt. „Wir haben dazu nicht einmal eine Stunde gebraucht. Unter den öffentlichen Obstbäumen sind sogar viele alte Sorten, die nicht mehr im Supermarkt erhältlich sind“, erklärt Pöhlmann. „Schade nur, dass das meiste Obst nicht gesammelt wird. Die Leute kaufen sich Äpfel aus Neuseeland – und das heimische Obst verrottet an den Bäumen.“

Um diese Verschwendung zu stoppen und die Aufmerksamkeit der Leute zu wecken, sind die „Freunde der Donau“ Mundräuber geworden. Ihr Motto: „Die Stadt hat dir mehr zu bieten!“ Und zwar in Hülle und Fülle, wie Laura Pöhlmann von ihren Radltouren weiß. Grundsätzlich hat die Stadt nichts dagegen, wenn Bürger im öffentlichen Grün zulangen und sich bedienen. „Dort, wo Obstbäume auf städtischem Grund stehen, darf man pflücken. Das Obst ist für die Bevölkerung natürlich auch umsonst“, erklärt Ingrid Schmutzler, Sprecherin der Stadt. „Wir möchten bloß nicht, dass die Standorte auf öffentlichen Foren bekannt gegeben werden.“

Die Stadt Eichstätt hingegen bietet ihren Bürgern auf der Homepage an, zur Erntezeit die Früchte der Obstbäume auf öffentlichem Grund in haushaltsüblichen Mengen zu ernten. Eine Liste mit knapp 270 Obstbäumen steht im Internet. Alle öffentlichen Bäume sind mit einer grauen Metallmarke und Nummer identifiziert. Damit ist jeder, der sich einen Apfel oder ein paar Zwetschgen pflückt, auf der sicheren Seite.

In Pfaffenhofen haben Bürger schon vor Längerem einen InterKulturGarten angelegt, zu dem auch 40 Parzellen gehören, in denen Nahrung angebaut wird. Es gibt dort aber auch viele Obstbäume. Im Herbst sind alle Bürger zur kostenlosen Obsternte eingeladen. Doch die Pfaffenhofener wollen mehr, und aus dem bürgerlichen Engagement ist inzwischen ein städtisches Anliegen erwachsen: „Erklärtes Ziel ist, alle möglichen Flächen in der Stadt in urbane Lebensräume umzugestalten“, erklärt der Künstler Manfred „Mensch“ Mayer, einer der Koordinatoren der Gestaltungsgemeinschaft InterKulturGarten. „Dabei steht auch das Urban Gardening auf der Agenda.“

Auch Pfaffenhofen taucht auf der Mundraub-Map auf, ebenso wie Neuburg, Schrobenhausen, Kelheim, Dietfurt oder Münchsmünster. Man muss die Orte nur anklicken und pflücken. So einfach geht das – fast wie im Schlaraffenland.
 

Regeln für Mundraub

 
Die Initiative Mundraub hat strenge Regeln aufgestellt. Hier die Kurzform:
 
  • Stellt vor dem Eintragen oder Ernten sicher, dass keine Eigentumsrechte verletzt werden.
  • Geht behutsam mit den Bäumen, der umgebenden Natur und den dort lebenden Tieren um. Für den Eigenbedarf pflücken ist erlaubt, aber nicht im großen Stil gewerbsmäßig. Dazu braucht es eine behördliche Genehmigung.
  • Teilt die Früchte eurer Entdeckungen und gebt etwas zurück.
  • Engagiert euch bei der Pflege und bei der Nachpflanzung von Obstbäumen.

 
Verbotene Früchte

 
Jetzt im Spätsommer lockt die Natur mit süßen Früchten. Aber oft sind es verbotene Früchte. Wenn zum Beispiel im Garten des Nachbarn schöne Äpfel wachsen, vielleicht sogar an einem Ast, der über den Zaun nach draußen ragt, dann darf man sich nicht einfach einen dieser Äpfel pflücken und essen. Man muss den Besitzer des Baumes vorher um Erlaubnis fragen, denn solange der Apfel am Ast hängt, ist es seiner. Das gilt auch für Felder, auf denen Bauern Kartoffeln oder Mais anbauen. Dort kann man sich nicht einfach selber bedienen. Denn das ist nicht erlaubt: Früher hieß das Mundraub, heute Diebstahl – und der wird bestraft. Etwas anders sieht es aus mit Früchten, die auf öffentlichem Grund wachsen – etwa auf einer Wiese, die der Stadt gehört. Viele Städte haben nichts dagegen, wenn Menschen dort zugreifen. Früchte von wild wachsenden Pflanzen wie Brombeeren oder Pilze darf man dagegen jederzeit pflücken.

Von Suzanne Schattenhofer

 
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