Beinahe hätte Diana Müll den Flug verpasst, der ihr die schlimmsten Momente ihres Lebens bescheren wird. Die 19-Jährige hat die ganze Nacht mit sieben Freundinnen in ihrer Stammdisco "Graf Zeppelin" auf Mallorca durchgefeiert. Der Schalter ist schon geschlossen, als die Reisegruppe endlich die Abflughalle erreicht. Nur dem Verhandlungsgeschick des Besitzers der Diskothek ist es letztlich zu verdanken, dass die Lufthansa-Maschine "Landshut" nicht ohne sie abhebt.

Die Frauen aus Deutschland sind nicht die einzigen Nachzügler: Auf dem Rollfeld begegnen sie einem Paar, etwa Mitte 20. Der Mann trägt eine dicke, lila karierte Wolljacke, über die sich die jungen Frauen noch lustig machen. Nur wenig später macht dieser Mann aus dem Heimflug der Mallorca-Urlauber nach Frankfurt eine Odyssee des Grauens, die keiner der gut 80 Passagiere vergessen wird.

Dieser Flug wird sich ins kollektive Gedächtnis der Deutschen einbrennen. Es ist der 13. Oktober des Jahres 1977. Zu Hause in Deutschland hält die "Rote Armee Fraktion" die Bundesrepublik in Atem. Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer ist seit fünf Wochen in der Hand der RAF. Die Entführer wollen die in Stuttgart-Stammheim inhaftierten Terroristen um Andreas Baader freipressen. Das vierköpfige palästinensische Kommando an Bord der "Landshut" - zwei Männer und zwei Frauen - unterstützt ihre deutschen Verbündeten.

Gegen 14 Uhr, also etwa eine Stunde nach dem Start, stürmt das Paar vom Rollfeld plötzlich das Cockpit. "Im ersten Moment sah das aus, als wenn sich die beiden in die Haare bekommen haben, und er will sie erschießen. Wie ein Ehestreit", erinnert sich Diana Müll. "Wir hätten so etwas nie in einen Zusammenhang gebracht mit der RAF."

Erst nach und nach wird klar, um was es hier geht. Die Terroristen um "Kapitän Märtyrer Mahmud" - so nennt sich der Anführer - lotsen den Flug mit der Nummer LH 181 zunächst nach Rom. Dort haben die Passagiere noch die Hoffnung, dass sie schnell freigelassen werden. "Als wir dort wieder abgehoben sind, hat sich das Blatt gewendet. Da wussten wir schon, die Geschichte ist viel schlimmer als wir denken", sagt Müll.

Es geht weiter über Larnaka auf Zypern auf die arabische Halbinsel nach Bahrain und Dubai, wo die Lage eskaliert. Es ist Tag drei der Entführung, die Zustände an Bord sind katastrophal. Als den Entführern der benötigte Sprit verweigert wird, rastet Mahmud aus und droht mit der Erschießung von Geiseln. Vier werden sogar ausgesucht - und die Deutsche Diana Müll ist die Nummer eins. Zuerst ruft Mahmud aber einen anderen Passagier ins Cockpit, nur um ihn dann wieder zurückzuschicken und die 19-Jährige zu holen. Psychoterror pur. "Das war wirklich der blanke Horror", sagt Müll. Sie muss vor Mahmud knien, er tritt ihr gegen den Kopf, dann stellt er sie an die offene Tür und hält ihr die Pistole an die Schläfe.

"Er hat gesagt: ,Ich erschieße jetzt Diana, 19 Jahre alt, aus Gießen.' Dann hat er angefangen zu zählen. Da wusste ich, jetzt geht es zu Ende." Die junge Frau verabschiedet sich innerlich von ihrer Familie, schaut in die Sonne und wartet auf den Schuss. "Und dann habe ich nur gehört, wie vom Tower irgendetwas geschrien wurde. Und von da weiß ich nichts mehr." Die junge Frau kollabiert, aber sie hat überlebt.

An der nächsten Station in Aden muss ein anderer sterben: der Pilot Jürgen Schumann. Der Terrorist Mahmud richtet ihn mit einem Kopfschuss hin, weil er nach der Inspektion des Fahrwerks nicht sofort ins Flugzeug zurückgekehrt ist. Die anderen Passagiere werden gezwungen zuzuschauen. "Ich saß direkt daneben. Meine ganzen Füße waren voller Blut", sagt Müll. Von da an herrscht in der "Landshut" die pure Todesangst. Es geht weiter zur Endstation des Horrortrips: Mogadischu, Somalia.

Am 18. Oktober, fünf Minuten nach Mitternacht, dann die Erlösung. Die meisten Passagiere schlafen, als es einen lauten Knall gibt. Dann geht alles blitzschnell. Die GSG 9, eine nach dem Attentat auf die israelische Olympia-Mannschaft 1972 in München gegründete Eliteeinheit des Bundesgrenzschutzes, stürmt die Maschine. Die Befreiungsaktion dauert sieben Minuten. Drei der Entführer werden getötet, eine der beiden Frauen wird schwer verletzt. Alle Geiseln überleben.

Um 0.12 Uhr kann der nach Mogadischu gereiste Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski an Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) melden, dass die Aktion geglückt ist. Schmidt hatte für den Fall des Scheiterns sein Rücktrittsschreiben schon in der Schublade. Das Risiko war groß. Es hätte auch ein Blutbad unter den Geiseln geben können. Müll hat sich nach der Befreiung aber nie die Frage gestellt, ob der GSG 9-Einsatz aus ihrer Sicht zu riskant war. "Es war so wie es war. Ich fand die Entscheidung Helmut Schmidts sehr mutig", sagt sie später.

Die Befreiungsaktion beendet den Kampf der RAF um die Gefangenen von Stammheim. Noch in der Nacht des 18. Oktober nehmen sich Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe das Leben. Irmgard Möller überlebt ihren Selbstmordversuch schwer verletzt. Am Tag darauf wird im Elsass die Leiche des ermordeten Hanns Martin Schleyer in einem Kofferraum gefunden.

Diana Müll haben die Erinnerungen an die schrecklichen Tage im Herbst 1977 nie richtig losgelassen. Bis heute hat sie ein komisches Gefühl, wenn sie einen Flieger besteigt. "Wenn der Erste aufsteht, der komisch aussieht, werde ich schon ganz weiß im Gesicht", sagt sie. Vor zehn Jahren hat die heute 59-Jährige angefangenen, ein Buch zu schreiben, das unter dem Titel "Mogadischu" erschienen ist. Sie hat sich vorgenommen, die Erinnerung wachzuhalten. Durch das Buch und Vorträge, künftig vielleicht auch in der "Landshut". Denn die zwischenzeitlich in Brasilien ausrangierte Boeing 737 wurde Ende September nach Deutschland zurückgebracht. In Friedrichshafen am Bodensee soll sie im Dornier-Museum ausgestellt werden. Diana Müll war bei der Landung dabei. "Das war Gänsehaut pur", sagt sie.

Und was macht der Terror von heute mit ihr? Der Anschlag vom 11. September 2001, als zwei Passagiermaschinen in das World Trade Center in New York City und eine weitere in das Pentagon in Washington gesteuert wurden, war für sie eine Art Déjà-vu. "Das habe ich oft mit unserer Entführung verglichen. Da konnte ich tagelang nicht arbeiten gehen." Die Anschläge der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) auch in Deutschland sind für sie dagegen etwas anderes. Das sei alles viel willkürlicher als damals, sagt sie. "Das bringe ich mit meiner Geschichte überhaupt nicht in Verbindung, weil das ein ganz anderer Terror ist." ‹Œdpa