Wenn jemand fragt, was Sie beruflich machen, was sagen Sie?

Patrick Ulmer: Ich sage, dass ich eine Alibi-Agentur habe, schiebe aber gleich hinterher, dass es dabei nicht immer ums Fremdgehen geht.

 

Worum dann?

Ulmer: Termine absagen, aus unangenehmen Situationen rauskommen, kleine Notlügen.

 

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, dass man mit so etwas Geld verdienen kann?

Ulmer: Ich habe vorher für eine andere Agentur gearbeitet und vor fünf Jahren meine eigene gegründet. Es gibt natürlich noch mehr solche Agenturen. Aber manche Alibis bekommt man nur bei mir.

 

Zum Beispiel?

Ulmer: Ganz neu ist der Pkw-Service. Ein Kunde gibt zum Beispiel vor, in München zu sein, fährt aber nur nach Frankfurt. Irgendwie müssen dann ja die Kilometer auf den Tacho kommen. Wir fahren für den Kunden die Kilometer weiter. Oder ein Kunde will nach München, gibt aber vor, nur nach Frankfurt zu fahren. Dann buchen wir ihm für die Reststrecke ein Mietauto.

 

Sind Sie schon mal an den Punkt gekommen, wo Sie bei Ihrer Arbeit ein schlechtes Gewissen bekommen haben?

Ulmer: Einmal hatte ich einen Fall, da ging es um viel Geld. Die Frau, mit der unser Kunde zu tun hatte, war beim letzten Gespräch am Boden zerstört. Da habe ich dem Kunden gesagt: Entweder er beendet das Alibi oder wir führen für ihn keine Aufträge mehr aus.

 

Sie plagen sich nicht täglich mit Gewissensbissen?

Ulmer: Sowieso nicht. Ich sehe das als Dienstleistung. Ich verdiene damit Geld – nicht hauptberuflich, denn leben kann man davon nicht. Gefühlsmäßig darf einen das nicht belasten.

Ist schon mal ein Alibi aufgeflogen?

Ulmer: Einmal ist eins aufgeflogen, aber das war nicht unsere Schuld, sondern die des Kunden.

 

Was sind Ihre häufigsten Anfragen? Ist es das klassische Fremdgehen?

Ulmer: Nein. Die meisten Anfragen klingen so: Ich möchte übers Wochenende unterwegs sein und brauche von Ihnen eine Einladung, die ich als Alibi vorzeigen kann. Ganz banale Sachen.

 

Damit fängt es an, und es geht rauf bis zu Großaufträgen wie „Alibi all inclusive“...

Ulmer: Das ist für die Doppelleben. Unser längstes Alibi bisher läuft seit zwei Jahren.

 

Was sind das für Leute, die ein Alibi bei Ihnen buchen?

Ulmer: Es sind auf jeden Fall Leute mit mehr Geld. Aber ich bin kein Unmensch. Weniger wohlhabende Kunden bekommen von mir Rabatt. Ich bin nicht auf das Geld fixiert, sondern möchte helfen. Jeder war doch schon mal in einer Notlage, wo er so ein Alibi hätte brauchen können.

 

Sie selber auch?

Ulmer: Ich nicht, weil ich in meinem Privatleben klar sage, was los ist. Ich habe Familie und lebe das krasse Gegenteil.

 

Woher kommen Ihre Kunden?

Ulmer: Mein Hauptklientel liegt in Frankfurt, Stuttgart, München, Österreich und der Schweiz. Ich wohne zwar in Norddeutschland, aber von den etwa 2000 Alibis, die ich bisher erstellt habe, waren nur etwa 50 hier oben. Die Leute im Süden sind offener für so etwas.

Ist das der Grund, warum Sie demnächst eine Filiale in München aufmachen?

Ulmer: Filiale kann man es nicht direkt nennen. Wir haben dort eine Mitarbeiterin, mit der die Kunden persönliche Treffen vereinbaren können.

 

Sie setzen auch Schauspieler ein, zum Beispiel wenn Kunden einen Partner vorspielen, den sie nicht haben. Wo finden Sie die?

Ulmer: Die bewerben sich bei uns. Aber es sind nicht genug. Derzeit suchen wir dringend Männer. Unsere Mitarbeiter sind zu 99 Prozent Frauen.

 

Woran liegt das? Können Männer nicht so gut lügen?

Ulmer: Die sind nicht so offen und haben es einfach nicht so drauf. Man muss sich auch mal schnell in eine Situation hineinversetzen können. Das können Männer nicht so gut.