Ingolstadt: Hilfe mit Nadel und Faden
Sie sprüht vor Energie: Barbara Schacht aus Ingolstadt ist dabei, ihre Nähwerkstatt nach Griechenland zu verfrachten und in Athen ein Hilfsprojekt für Flüchtlingsfrauen zu starten. - Foto: Hammer
Ingolstadt

Doch die 70-Jährige ist gerade dabei, alles zusammenzuräumen und in Kartons zu verstauen: die Stoffe, die Garne und Bänder, die Nadeln und Scheren, die Nähmaschinen und das Bügeleisen. Denn sie wandert aus - mit Sack und Pack nach Griechenland. Im Athener Hostel Welcommon will die Ingolstädterin ihre Werkstatt wieder aufbauen und ein Projekt für Flüchtlingsfrauen starten.

Von Beruf ist Barbara Schacht Kunst- und Sportlehrerin. Doch mit knapp 50, die drei Kinder waren aus dem Haus, hängte sie ihren Job an den Nagel und wanderte nach Griechenland aus. Dort, in Kallithea, einer Großstadt nahe Athen, eröffnete sie ein Modeatelier. Sie entwarf eigene Kleider, die sie recht erfolgreich verkaufte. "Zu meinen Kundinnen zählten auch Frauen von Botschaftern", erzählt sie. Ihre rechte Hand war eine taubstumme Albanerin.

Doch das Abenteuer Griechenland nahm kein Happy End, und Barbara Schacht kehrte zurück nach Ingolstadt. Wieder eröffnete sie eine Nähwerkstatt. Als ihr der Laden gekündigt wurde, ging sie als Großmutter-Au-pair nach Indien und Frankreich. Und kam erneut zurück. Weil ihr soziales Arbeiten immer am Herzen lag, entwickelte sie das Projekt "zusammen-nähen" - eine Integration mit Nadel und Faden. 2014 ging es los: Frauen aus 17 Nationen trafen sich in der ehemaligen Schmiede, um aus Stoffresten Taschen oder Kissen und andere Dinge zu nähen.

Noch gut erinnert sich die 70-Jährige an einen der schönsten Momente: Zur Gruppe gehörte eine junge Afghanin, die monatelang keinen Ton herausbrachte, während die anderen Frauen beim Handarbeiten munter plauderten. Doch eines Tages sprang sie auf und rief: "Fertig!" Und hielt stolz ihre Arbeit hoch. "Das war so ein toller Moment", so Schacht.

Doch jetzt ist Schluss mit "zusammen-nähen", weil die finanzielle Förderung ausläuft. Barbara Schacht weiß das natürlich schon länger und hatte immer überlegt, wie es weitergehen solle. Der Zufall half: Eine Freundin schenkte ihr heuer zum 70. Geburtstag eine Ausgabe des DONAUKURIER. "Super", dachte sich Schacht, "tolles Geschenk." Bis sie beim Blättern auf einen Bericht über das Ehepaar Mayer aus Hitzhofen stieß, das tatkräftig und mit Spenden das Flüchtlingsprojekt "Welcommon" in Athen unterstützt. So kam eins zum anderen: Barbara Schacht nahm erst mit den Mayers und dann mit den griechischen Organisatoren vor Ort Kontakt auf und bot ihre Hilfe als Ehrenamtliche an. Ihr Vorschlag, mit den teils schwer traumatisierten geflüchteten Frauen zu nähen, kam gut an: "Also bin ich nach Athen geflogen, habe mir alles angeschaut und denen gesagt, dass ich gleich meine ganze Werkstatt mitbringe. Da habe ich offene Türen eingerannt." Mit dem Nähen soll den Frauen, die zum Nichtstun verdammt sind, eine sinnvolle Beschäftigung angeboten werden. "Sie sitzen den halben Tag auf der Straße und starren nur auf ihre Handys", schildert die 70-Jährige ihre Beobachtungen. "Ich habe bei meinen Besuchen im Hostel die Hoffnungslosigkeit, das Unglücklichsein hautnah erlebt." Zudem gibt es ihnen auch die Chance, eine eigene Existenz aufzubauen, denn die genähten Sachen sollen auf Märkten verkauft werden. "Mein Hauptanliegen ist, den Frauen Mut zu machen und ihnen mit Kreativität Momente des Glücks zu vermitteln. Sie können etwas herstellen, das Freude macht."

Mehr als 30 Umzugskartons hat Barbara Schacht inzwischen gepackt, Mitte Dezember soll es losgehen. "Inzwischen herrscht Chaos", meint die Ingolstädterin und fragt sich, wie sie das viele Zeug, das sich im Laufe der Jahre angesammelt hat, verstauen soll. Zumal sie noch gar nicht weiß, wie sie den Transport nach Griechenland bewerkstelligen oder wo sie selber eine Bleibe finden soll. "Ich habe schlaflose Nächte", sagt sie. "Ich brauche dringend Spenden, um das Projekt umsetzen zu können." Immerhin: Bei ihrem jüngsten Athen-Besuch hat Schacht die Räume für ihre Werkstatt schon einmal besichtigt - im Operationssaal des ehemaligen Krankenhauses. "Mitte Januar fange ich an", sagt die energiegeladene Seniorin. Sie ist fest entschlossen: "Ich werde dieses Projekt durchziehen."

Als Künstlerin hat Barbara Schacht Wandteppiche gestaltet. "Ich male eigentlich mit Stoffen", beschreibt sie ihre Arbeit. Ihr Leben wirkt im Grunde auch wie ein großer Wandteppich - aus vielen bunten Flecken. Und wie es aussieht, ist dieser Teppich noch lange nicht fertig, denn bald wird ein neues Stück Stoff dazugenäht.
 

Hostel Welcommon in Athen

Im Zentrum von Athen entstand 2016 in einer ehemaligen Klinik ein Wohnprojekt für Flüchtlinge - das Hostel Welcommon. Leitlinien des Modellvorhabens sind Beteiligung der Bewohner an der Gestaltung des Hauses, Eigenverantwortung und Aktivierung von Fähigkeiten. Das Haus soll ein Zentrum mit Arbeitsplätzen für Geflüchtete und Einheimische werden. Das Wohnprojekt geht in seinem Anspruch weit über eine Bereitstellung von Unterkunft und Verpflegung hinaus. Es wird vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen gefördert und soll beispielgebend für andere Flüchtlingsunterkünfte werden. Eine wichtige Rolle bei dem Projekt spielen ehrenamtliche Helfer. Träger des Hauses ist die soziale Kooperative "Anemos Ananeosis - Wind of Renewal" (www.anemosananeosis.gr). Deren Vorsitzender Nikos Chrysogelos saß von 2012 bis 2014 als Grüner aus Griechenland im Europaparlament. An dem Wohnprojekt für Flüchtlinge sind das Greek Migrants Forum und andere nicht staatliche Organisationen beteiligt, darunter auch der deutsche Verein "Respekt für Griechenland", den Bärbel und Franz Mayer aus Hitzhofen (Landkreis Eichstätt) unterstützen (wir berichteten bereits). Inzwischen wurde die Flüchtlingsunterkunft in das "Relocation Programm" der EU einbezogen.