Herr Schmidt, Sie verwenden Glyphosat. Wie gehen Sie damit um angesichts des Verdachts, das Mittel sei krebserregend?

Thomas Schmidt: Ich werde es auch weiter wie bisher einsetzen, weil ich Glyphosat nur nach einer Umweltfolgenabschätzung einsetze. In manchen Jahren brauche ich es gar nicht, ansonsten verwende ich es im Schnitt auf etwa drei bis fünf Prozent meiner Fläche. Das ist für mich die ökologisch sinnvollste Alternative, denn die andere Alternative ist sicher krebserregend – und nicht nur möglicherweise. Von dem her habe ich mit dem Krebsverdacht überhaupt kein Problem.


Welche Alternative meinen Sie?

Schmidt: Pflügen. Ich brauche für einen Hektar ungefähr 25 Liter Diesel – und Dieselabgase sind sicher krebserregend. Wenn ich Glyphosat ausbringe, brauche ich mit dem Schlepper ungefähr einen Liter pro Hektar. Außerdem richtet das Pflügen ökologische Schäden an: Das Bodenleben mit Regenwürmern und Insekten wird dadurch stark gestört. Um Pflanzenschutz weitgehend zu vermeiden setze ich auf ein vielfältige Fruchtfolge.


Herr Luy, wenn Sie das hören: Sind die Warnungen vor Glyphosat da nicht auch ein Stück weit Panikmache?

Matthias Luy: Der Vergleich von Diesel mit Glyphosat ist interessant. Aber es gibt ja auch noch andere Alternativen. Ganz viele Landwirte kommen ohne Glyphosat aus. Das Mittel wird auf 40 Prozent der Ackerflächen eingesetzt, auf 60 Prozent geht es also auch ohne – bei Ökobauern sowieso. Die arbeiten eben anders: mit Fruchtfolge zum Beispiel und mechanischer Unkrautbekämpfung. Ich nehme das Krebsrisiko sehr ernst: Man hat Glyphosat im Urin von Großstädtern festgestellt oder in Muttermilch. Das finde ich ein absolutes Unding, das Verbraucher über Nahrungsmittel solche Stoffe aufnehmen. Ich bin da für null Toleranz.


Herr Schmidt, eine bayerische Molkerei hat jetzt ein Anwendungsverbot für ihre Lieferanten erlassen. Ist das ein Signal für ein Umdenken in der Landwirtschaft?

Schmidt: So ist die Stimmung. Ich will mein Produkt als Marke verkaufen, da sind mir letztendlich die ökologischen Bedenken wurscht. Ich mache, was der Markt vorschreibt.


Herr Luy, Glyphosat vernichtet nicht nur Unkraut, sondern in der Folge auch Insekten und Vögel. Wie sieht es aktuell aus in Bayern?

Luy: Leider verheerend. Es gibt seit 1980 ein Brutvogel-Monitoring für ganz Deutschland – auf großen Flächen, die viermal im Jahr begangen werden. Diese Ergebnisse kann man nicht anzweifeln, das muss auch der Bauernverband zur Kenntnis nehmen. Die Aussagen sind eindeutig: Beim Rebhuhn haben wir einen Rückgang von 94 Prozent, beim Kiebitz 80 Prozent und bei der Lerche haben wir mittlerweile nur noch die Hälfte. Natürlich kann man nicht alles auf einen Faktor, etwa Glyphosat, zurückführen. Wir haben zum Beispiel teilweise sieben Schnitte von Wiesen – in der Zwischenzeit kann keine Pflanze zur Blüte kommen. Dann fehlen die Schmetterlinge, die Hummeln und die Wildbienen. Der Sinn von Glyphosat ist, dass es auf der Ackerfläche nur eine Pflanze gibt: Das kann man aus ökonomischer Sicht verstehen – aber für das Ökosystem ist das eine Katastrophe. Das ist der Grundkonflikt: eine Art – viele Arten.

Schmidt: Es ist aber sowohl im Bio-Landbau also auch in der konventionellen Landwirtschaft das Ziel, eine Art anzubauen und von der möglichst viel zu ernten. Die Arbeit der Bauern ist in jeder Form ein Eingriff in die Natur, ob mit Hacke, Pflug oder Spritze.


Aber hat nicht auch der Bauer ein Interesse an der Artenvielfalt? Das Insektensterben hat dramatische Folgen – etwa für Obstbauern.

Schmidt: Sicher habe ich ein Interesse an der Artenvielfalt. Ich will den Kulturpflanzen mit Glyphosat ja nur einen Wachstumsvorsprung geben: Kurz vor der Saat spritze ich das Feld ab, dann sind alle grünen Pflanzen weg. Danach werden die Erbsen oder der Mais gesät, und eine Woche später kann jedes von den Kräutern wieder aufgehen – und tut’s auch. Aber dann ist der Mais in der Zwischenzeit ein bisschen gewachsen, und das Unkraut überwächst meinen Mais nicht mehr. Glyphosat schaltet also nicht die Artenvielfalt aus. 
Luy: Wenn’s nur so wäre – aber ich habe noch nie einen Maisacker gesehen, in dem auch nur ein Kräutlein wächst.

Schmidt (lacht): Kommen Sie zu mir, ich lad’ Sie ein.

Luy: Ich habe schon Tausende von Maisackern gesehen: Da ist nur ein Stängel neben dem anderen und dazwischen nichts als brauner Boden, monatelang. Ich weiß nicht, was die Landwirte dort tun – vielleicht verwenden sie ja andere Herbizide.

Schmidt: Mich stört in der Argumentation, dass oft alles vermischt wird. Ich wünsche mir von der Politik konkrete Rahmenbedingungen dafür, ob ein Mittel zugelassen wird oder nicht. Momentan wird Glyphosat herausgepickt, und da wird jetzt ein Exempel statuiert. Aber es gibt viele andere Mittel, die möglicherweise weniger geprüft und weniger sicher sind – die bleiben völlig unbeachtet.


Herr Luy, nicht nur Bauern, sondern auch Kommunen oder die Bahn verwenden Glyphosat. Haben Sie schon mal mit denen ein ernstes Wort gesprochen? 

Luy: Wir haben eine Resolution zum Thema Glyphosat beschlossen, darin geht es auch um den Verbrauch in Haushalten und Privatgärten. Der Verbrauch dort ist, verglichen mit dem in der Landwirtschaft, jedoch verschwindend gering. Es handelt sich um 95 Tonnen, in der Landwirtschaft sind es über 5000. Wir suchen aber das Gespräch mit dem Städtetag. Bei der Bahn habe ich keine Informationen. Bei den Gleisen spielen, so glaube ich, Sicherheitsgründe eine Rolle – das Wurzelwerk in den Schotterkörpern kann man nicht tolerieren. Dazu möchte ich mich nicht äußern.


Verbraucher reagieren immer sensibler, was Lebensmittel und deren Unbedenklichkeit anbelangt. Gibt es Erkenntnisse, in welchen anderen Produkten dieses Mittel noch steckt?

Schmidt: In Milch wurde es noch nie nachgewiesen. Es geht ja immer um Glyphosat und seine Abbauprodukte wie Phosphate, die man nicht zuordnen kann: Die können genauso im biologischen Landbau auftreten. Im Bier zum Beispiel kann es aus der Flaschenwaschanlage kommen oder im Wasser aus jedem herkömmlichen Waschmittel.

Luy: Ich sehe das ein wenig anders. Neue Studien besagen, dass auch die Beistoffe von Glyphosat im Zusammenspiel eine katastrophale Wirkung haben – etwa auf Amphibien oder Insekten, die bei der Zulassung bisher vollkommen vernachlässigt werden. Das muss auch berücksichtigt werden.


Herr Schmidt, Glyphosat darf nicht ins Wasser gelangen. Dennoch ist es bereits in Kläranlagen nachgewiesen worden. Wie kann das passieren?

Schmidt: Das lässt sich am Standort nur nachweisen, wenn es nach Starkregen eine Abschwemmung gibt. In der Regel werden eben nur die Abbauprodukte nachgewiesen, die aus vielen Quellen stammen können.


Aber wie wird denn die korrekte Verwendung überprüft?

Schmidt: Ich muss Dokumentationen vom Pflanzenschutzmitteleinsatz machen. In dem Jahr hatte ich zwei amtliche Kontrollen.

Luy: Ich will da jetzt kein Fass aufmachen, ob Sie das fachgerecht machen oder nicht. Aber es ist relativ schwierig zu kontrollieren, ob ein Bauer das nur zweimal im Jahr ausbringt wie erlaubt. Es gibt ja nur indirekte Kontrollen. Solche Substanzen haben im Trinkwasser und Grundwasser einfach absolut nichts verloren. Allerdings schneidet Glyphosat im Vergleich zu anderen Herbiziden relativ gut ab, weil es eine gute Bodenbindung hat. Wir fordern deshalb ein allgemeines Reduktionsprogramm. Ich kenne einen Pionierlandwirt, der sagt: Jeder Bauer hat das Unkraut, das er verdient. Es stellen sich nämlich immer die Pflanzen ein, die der Boden braucht. 

Schmidt: Ich habe ja selber das Interesse, Glyphosat zu reduzieren. Ich bin dabei, wenn es um Einschränkungen geht. Es grundsätzlich zu verbieten, ist aber so, als würde man mit Kanonen auf Spatzen schießen.

Luy: Ich möchte noch einen anderen Gesichtspunkt einbringen: Der Verbraucher beeinflusst auch mit, wie angebaut wird, indem er bestimmte Produkte kauft und andere nicht. Da besteht eine große Chance. Wir wünschen uns eine Agrarwende. Weniger Ertrag zu erzielen ist da auch eine Möglichkeit: Die Gesellschaft hat sehr viel Potenzial, Nahrungsmittel einzusparen. Studien zeigen, dass 30 Prozent der Lebensmittel weggeschmissen werden. Es gibt so viele Verluste – das heißt, wir können es kompensieren, wenn weniger produziert wird. Der Verbraucher muss aber auch bereit sein, für Lebensmittel mehr zu bezahlen. Direktvermarktung ist auch ein Ansatz, um viele Umweltschäden zu reduzieren.

Schmidt: Da sind wir dabei.


Herr Schmidt, ein Verzicht auf Gyphosat hätte Einbußen bei zur Folge. Was könnte man tun, dass auch die Bauern zufrieden sind?

Schmidt: Wenn keine Produkte mehr zu uns geliefert werden, die Glyphosat enthalten. Es ist völliger Quatsch, dass wir uns die Köpfe heiß diskutieren, ob wir reduzieren, und ein paar Kilometer weiter fliegen sie mit dem Flugzeug drüber. So kann’s nicht gehen.“