Jahrzehntelang: Flossenbürg und die Last der Steine
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Jahrzehntelang
Während Besucher schweigend über den ehemaligen KZ-Appellplatz schreiten, dringen vom Steinbruch nebenan Bagger- und Sprenggeräusche herüber. "Eigentlich möchte man, dass es ruhig ist, dass man versuchen kann, sich der Geschichte zu nähern", sagt der Historiker Alexander Schmidt über die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. "Es ist auf keinen Fall ein Ort, wo Laster durchkrachen sollten und wo gesprengt wird." Längst müsste der frühere KZ-Steinbruch nach Meinung des Historikers Bestandteil der Gedenkstätte sein. Stattdessen wird dort weiter Granit abgebaut - und der Freistaat Bayern verdient daran.

Wegen des Granitvorkommens war das KZ Flossenbürg überhaupt erst entstanden. KZ-Häftlinge mussten im Steinbruch schuften - unter unmenschlichen Bedingungen, die viele nicht überlebten. "Man versteht Flossenbürg nicht, wenn man den Steinbruch nicht wahrnimmt", sagt Schmidt. Trotzdem hat der Freistaat das Gelände immer wieder verpachtet und mehrere Chancen verstreichen lassen, daraus einen Gedenkort zu machen. "Als Sterbeort für Tausende Häftlinge hat der Steinbruch einen anderen Umgang verdient", sagt Schmidt, ehemals Pädagogischer Leiter der Gedenkstätte Flossenbürg und heute wissenschaftlicher Mitarbeiter des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände in Nürnberg.

Über die Jahre wurde laut Schmidt nicht nur das Steinbruchgelände durch den Granitabbau immer mehr umgeformt, auch mehrere historische Bauten dort verfielen. "Der Freistaat stellt die Gebäude unter Denkmalschutz und sorgt nicht dafür, dass irgendetwas für den Erhalt passiert. Das finde ich schon fragwürdig." Noch bis 2025 soll im Steinbruch Granit abgebaut werden - so lange läuft der Pachtvertrag.

Dabei plädiert auch die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, eindringlich dafür, "dass der Steinbruch als Teil der KZ-Gedenkstätte erhalten bleibt". Unserer Zeitung sagte sie: "An diesem Ort haben die Menschen - auch aus meiner Familie - furchtbar gelitten, wurden grausam gequält. Mit diesem sensiblen Ort muss sehr wohlüberlegt und verantwortungsvoll umgegangen werden."

Diesen sensiblen Umgang vermisst neben Schmidt auch Stefan Krapf aus Flossenbürg. Unermüdlich kämpft der Maschinenbauer in seiner Freizeit dagegen an, dass im Steinbruch noch mehr historische Spuren verwischt werden. Schon dass der Steinbruch überhaupt noch in Betrieb ist, empfindet der 39-Jährige als "pietätlos". Zwar werde an der historischen Abbruchkante, an der KZ-Häftlinge schuften mussten, kein Granit abgebaut. Doch türmten sich dort Abraum und Produktionsabfälle. "Ich gehe davon aus, dass die Wand um fünf bis zehn Meter verschüttet wird."

Es vergeht kaum eine Woche, in der Krapf keinen Brief an Politiker oder Behörden schreibt. Viel gebracht hat es bisher nicht. "Es ist ein Schwarzer-Peter-Spiel, jeder schiebt die Verantwortung auf den nächsten, es geht quasi im Kreis herum." Ob Kultusministerium, Stiftung Bayerische Gedenkstätten, Landratsamt Neustadt an der Waldnaab oder Landesdenkmalamt - einig sind sich alle darin, dass es keine Versäumnisse der Behörden gab und diesen rechtlich die Hände gebunden sind. "Die komplexen Eigentums- und Pachtverhältnisse und die daraus resultierenden Rechtsverbindlichkeiten sind ein Faktum, über das wir uns nicht hinwegsetzen können", schrieb der Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, Karl Freller, in einem Brief an Krapf.

Bei der Betreiberfirma Granitwerke Baumann kann man den Wirbel nicht nachvollziehen. Den Vorwurf, an der historischen Bruchwand Abraum zu lagern, weist Geschäftsführer Wolfgang Baumann zurück. Sein Unternehmen stehe in enger Verbindung mit der Gedenkstätte und habe mit dieser abgesprochen, "was an dem Steinbruch erhaltenswert ist". Um die Instandhaltung der Gebäude kümmere sich ausschließlich seine Firma und habe dafür schon rund 100 000 Euro aufgebracht - ohne vom Freistaat einen Cent Unterstützung zu bekommen.

Die Arbeiten im Steinbruch hält Baumann keineswegs für pietätlos: Nur ein "lebender Steinbruch" könne den Besuchern vermitteln, "wie schwierig die Arbeiten waren, die früher von den Häftlingen gemacht wurden". Diese Einschätzung teilt der Leiter der Flossenbürger Gedenkstätte, Jörg Skriebeleit, so nicht. Er versichert auf Anfrage, man arbeite schon jetzt "mit einer Langzeitperspektive daran, was nach dem Erlöschen der Betriebserlaubnis mit dem historisch sehr wertvollen Steinbruchareal passieren kann". Krapfs "Alarmismus" könne er aber nicht nachvollziehen.

Krapf wiederum kann nicht verstehen, dass noch weitere Jahre verstreichen sollen, bis im Steinbruch der Opfer gedacht werden kann. Während manch Behörde zunehmend genervt auf seine Schreiben reagiert, würdigt die französische Vereinigung der ehemaligen Flossenbürg-Häftlinge Krapfs Engagement am 25. März mit einer Ehrenmedaille.