Seine: "Syrien ist gefährlicher als jede Flucht"
Endlich in Sicherheit: Hossam mit seinen Kindern Mohamed, Taim und Rushan. Die Mutter wollte nicht aufs Bild. Die Flüchtlingsfamilie lebt in einer Unterkunft in Neuburg - Foto: Schattenhofer
Neuburg

Sein Name ist Hossam Al Haj Hasan. Er ist Palästinenser, 37 Jahre alt, verheiratet und hat drei kleine Kinder. So steht es in seinem „yellow paper“ – einem wichtigen Dokument für jeden Asylbewerber. Hossam lebte zuletzt mit seiner Familie in Syrien, in Damaskus. Angst und Ausweglosigkeit trieben sie in die Flucht. Die endete jetzt in Neuburg in einer Erstaufnahmeeinrichtung.

Das große Backsteingebäude hat die Stadt Neuburg auf die Schnelle für die Flüchtlinge hergerichtet. Hossam und die Seinen teilen sich mit einer anderen Familie einen großen Raum mit fünf Stockbetten. Die wenigen Habseligkeiten der Menschen liegen gebündelt auf und unter den Schlafstätten.

In der Mitte des Zimmers markiert ein zusammengerolltes Bettlaken auf dem Boden eine Art Trennlinie. Eine Grenze? Hossam lacht und zeigt, wie er mit ein paar Handgriffen das alte, löchrige Spannlaken abends als Sichtschutz benutzt, indem er die vier Zipfel oben und unten in die gegenüberstehenden Bettgestelle einhängt. Flucht macht erfinderisch. So entsteht wenigstens ein Gefühl von Privatsphäre, die es an diesem Ort nicht gibt.

Immerhin haben die Flüchtlinge hier ein festes Dach überm Kopf. Hossam erzählt von einer anderen syrischen Familie, die kurzerhand nach Erding umquartiert wurde und dort in einem Container lebt. Dabei leistete der Vater in Neuburg wertvolle Dienste als Dolmetscher. Selbst die Betreuer der Unterkunft vermissen die nette, hilfsbereite Familie. „Am liebsten würde ich nach Erding fahren und sie wieder zu uns holen“, sagt einer der Sicherheitskräfte.

Hossam spricht als einer der wenigen Flüchtlinge Englisch. Er sagt, er sei happy. „Hier sind wir endlich in Sicherheit“, meint er und blickt auf seine Kinder, die vergnügt mit anderen Mädchen und Buben auf dem langen Gang herumwuseln: Mohamed, der Älteste, ist fünf, Taim vier und die kleine Rushan erst eineinhalb Jahre alt. „Manchmal mussten wir stundenlang laufen, und die Kinder konnten nicht mehr und weinten, weil sie müde und hungrig waren. Meine Frau und ich haben sie dann getragen“, erzählt Hossam über den langen Weg über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien und Österreich nach Bayern.

Drei Wochen lang waren sie unterwegs, teils auch auf dem Mittelmeer in einem Schlauchboot. So eine Flucht, so eine Gefahr nimmt keiner ohne Not auf sich mit drei Kindern. „Wir hatten in Syrien kein sicheres Leben mehr“, erzählt der Familienvater. „Zu viele Bomben. Das ist viel schlimmer, als es im Fernsehen gezeigt wird. Immer wenn ich irgendwo hingehen musste, habe ich mich verabschiedet, als würden wir uns zum letzten Mal sehen. Syrien ist gefährlicher als jede Flucht.“

Jetzt ist er angekommen. Aber irgendwie doch nicht. „Ich tue nichts. Ich bin einfach nur da. Ich weiß nichts. Ich verstehe nichts“, sagt Hossam und kneift die Augen zusammen, als wolle er etwas fokussieren. Aber was? „Nichts ist normal“, sagt er dann und sackt ein wenig in sich zusammen. Manchmal geht er mit seiner Familie in die Stadt. „Neuburg ist eine schöne Stadt. Und die Deutschen haben ein großes Herz.“ Er wiederholt: „Ich bin wirklich glücklich.“

Hossam erzählt, er sei von Beruf Tänzer und viel herumgekommen. „Nächstes Mal zeige ich dir einen Film, wie ich tanze“, verspricht er. Dann spricht er von seiner Kindheit im Libanon: „Dort habe ich schon den Krieg erlebt. Das vergesse ich nie.“ Und seine Kinder? In den ersten Tagen bekamen sie furchtbare Angst, wenn Militärflugzeuge vom Fliegerhorst Neuburg über die Unterkunft hinwegdonnerten. Aber das hat sich gelegt. Hossam erklärt: „Mir ist nur eines wichtig: Meine Kinder sollen eine Zukunft haben.“