Unwetter in Norditalien
Eine Frau geht auf dem Campingplatz Sant Angelo Village in Cavallino bei Venedig an umgestürzten Bäumen vorbei. Bei Unwettern über Norditalien sind mehrere Menschen verletzt worden.
Michael Krämer/dpa

„Ich habe das Gewitter über dem Meer heranziehen sehen und bin zum Campingplatz gelaufen. Die Bäume um mich herum stürzten um, und einer traf eine 42-jährige Touristin“, sagte ein Feuerwehrmann, der in dem Ort Jesolo Ferien machte, der Zeitung „Corriere della Sera“ (Freitag). Zusammen mit einem Arzt habe er am Donnerstag die Äste durchbrochen, bis die Frau befreit war. Die Verletzte hätten sie dann auf einem Surfbrett zum Strand transportiert, von wo aus sie mit einem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus geflogen wurde.

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Ob es sich dabei um die im Italien-Urlaub verletzte Sozialministerin Brandenburgs, Diana Golze (Linke), handelte, war zunächst unklar. Die Politikerin wurde in Norditalien von einem umstürzenden Baum getroffen und schwer verletzt. Der Vorfall habe sich am späten Donnerstagnachmittag bei einem Unwetter auf einem Campingplatz in Norditalien ereignet, hieß es aus dem Ministerium. Golze sei in einem Krankenhaus sofort operiert worden, und es gehe ihr den Umständen entsprechend gut.

Um die 50 Menschen hätten sich an die Unfallstellen der umliegenden Krankenhäuser gewandt, nachdem über die Orte Caorle, Jesolo und San Michele al Tagliamento an der Adriaküste eine Windhose gezogen war. Die Menschen waren von umherfliegenden Gegenständen getroffen worden. Die meisten seien leicht verletzt, berichtete Ansa.

Jörg Schlagbauer: "Die Menschen hatten Angst."

Im Campingort Cavallino macht derzeit auch der Ingolstädter Jörg Schlagbauer mit seiner Familie Urlaub. Schlagbauer sitzt im Audi-Aufsichtsrat und ist Vertrauenskörperleiter der IG Metall. Uns berichtet er am Telefon von „Panik“, die am Donnerstag gegen 16 Uhr ausgebrochen sei, als der Sturm begann. Er selbst habe sich mit seinem Sohn in ein Strandrestaurant geflüchtet.

Es sei draußen extrem dunkel und laut gewesen. „Manche dachten sogar, es käme ein Tsunami“, berichtet Schlagbauer. Sintflutartiger Regen sei gegen die Scheiben geprasselt, Liegestühle und Sonnenschirme seien durch die Luft geschleudert worden. „So ein heftiges Unwetter habe ich noch nie erlebt“, sagt Schlagbauer. „Die Leuten hatten Angst – und auch ich.“

Auf dem Campingplatz seien 300 bis 400 Bäume umgefallen – teils krachten sie auf Wohnwagen. „Für mich ist es ein Wunder, dass niemand ums Leben gekommen ist“. Seinem Kenntnisstand nach, gab es zum Glück nur Leichtverletzte. Auch Einheimische hätten ihm berichtet, dass sie in den letzten Jahrzehnten so etwas noch nicht erlebt hätten. Schlagbauer lobte aber das professionelle Handeln der Italiener: Sofort seien Notunterkünfte bereitgestellt worden, etwa in der Kirche oder im Fitness-Studio.

Sebastian Oppenheimer

In Portogruaro deckte der starke Wind einen Supermarkt ab, in Caorle wurden Unterkünfte und Strandbäder in Mitleidenschaft gezogen, wie „Corriere della Sera“ berichtete. Die Schäden werden in der Region Venetien auf mehrere Millionen Euro geschätzt.

Video: Unwetter in Norditalien - Ein Video von Ramona Vogl

Unwetter wüteten am Donnerstag auch in der Region Friaul-Julisch Venetien, die an der Grenze zu Österreich und Slowenien liegt. Das Stromnetz brach zusammen, 70 000 Kunden waren betroffen, wie der Versorger e-distribuzione mitteilte. Rund 500 Techniker waren im Einsatz, am Freitagmorgen war ein Großteil der Haushalte wieder versorgt. 18 000 Kunden mussten allerdings noch ohne Strom ausharren.

Während die Feuerwehren im Norden wegen Unwetterschäden im Einsatz waren, hielten bereits am Freitagvormittag mehr als 100 Wald- und Buschbrände in südlicheren Regionen die Kräfte auf Trab. Die Temperaturen mäßigten sich zum Wochenende hin aber auch dort. Hatte das Gesundheitsministerium in den vergangenen Tagen noch die höchste Hitzewarnstufe für mehr als ein Dutzend Städte verhängt, galt diese am Freitag nur noch für das sizilianische Catania und Bari in der Region Apulien.