Richard David Precht: "Die Philosophie ist eine sehr konservative, rückwärtsgewandte Disziplin an unseren Universitäten." - Foto: oh

Wie erklären Sie sich den Erfolg Ihrer Einführung in die Philosophie?

Richard David Precht: Ich glaube, das letzte philosophische Buch, das einen solchen Erfolg hatte, war Jostein Gaarders "Sophies Welt", wobei sich "Sophies Welt" sehr stark von meinem Buch unterscheidet – vor allem deshalb, weil es nicht den Anspruch hat, über den aktuellen Stand der Philosophie zu informieren. Es soll auch keinen Überblick über die philosophischen Probleme liefern. Es ist ein assoziatives Buch eines Mannes, der eine bestimmte Weltanschauung transportieren wollte. Das Interessante ist, dass wir auf dem Buchmarkt auf der einen Seite sehr spannende Fachliteratur haben, die nur von sehr wenigen Menschen gelesen wird, da sie meistens schwer verständlich ist. Und auf der anderen Seite haben wir eingängige philosophische Ratgeber, die allerdings meist nicht ganz die Ansprüche erfüllen, die man sich als Leser wünscht. Immerhin gibt es in Deutschland mindestens 200 000 Menschen, die es etwas genauer wissen wollen.

Es gibt tausende Philosophiebücher und mindestens hunderte von Einführungen. Woher haben Sie den Mut genommen, noch eine weitere Einführung in die Philosophie dem Buchmarkt hinzuzufügen?

Precht: Meine Einführung unterschiedet sich von anderen in einem wesentlichen Punkt: Ich bin nicht auf das Fach Philosophie beschränkt. Meine Frage, was stimmt jetzt eigentlich, was wissen wir über den Menschen, orientiert sich nicht allein an der Fachphilosophie. Gehirnforschung, Soziologie, Psychologie sind auch darin verarbeitet, eigentlich gleichrangig. Eine solche Einführung kenne ich bislang nicht.

Wenn man ein Buch über Philosophie schreibt, hat man leicht auch einen aufklärerischen Impetus. Ist das so bei Ihnen? Wird die Welt durch die Philosophen besser?

Precht: Das ist mir zu pathetisch formuliert. Aber, wenn man etwas genauer lernt, über sich und die Welt Bescheid zu wissen, und ich denke das Bedürfnis haben sehr viele Menschen, kann das nicht schaden und das kann auch glücksfördernd sein.

In Ihrem Buch spielen auch Erkenntnisse der Gehirnforschung eine wichtige Rolle. Welche Erkenntnis ist hier besonders einschneidend für die Philosophie?

Precht: Vielleicht die neuen Erkenntnisse zur Willensfreiheit – eine Fragestellung, die zunächst von Philosophen aufgeworfen wurde. Schopenhauer hat schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts als Erster die Willensfreiheit bestritten. Aber er steht damit relativ allein in der Philosophie. Die Hirnforschung hat diesen Gedanken aufgegriffen, mit ganz anderen Methoden zu bestätigen versucht und dadurch der Philosophie etwas sehr Wichtiges ins Stammbuch geschrieben: Dass nämlich der überwiegende Teil der Philosophie den Menschen zu sehr über die Vernunft definiert. Daher kommt es zu einem verzerrten Bild der kognitiven Leistungen, aber auch des menschlichen Handelns. Und alle moralischen Appelle an den Menschen gehen an ihm vorbei, solange man nicht begreift, was er ist. Es handelt sich um ein Wesen, das zum größten Teil vom Unterbewussten gesteuert wird.

Gibt es ein Experiment, das für die Philosophie besonders einschneidende Folgen hatte?

Precht: Ja, die Versuchsreihen von Benjamin Libet in den 60er und 70er Jahren. Er hat Versuchspersonen eine Art Uhr anschauen lassen. Auf der Uhr waren aber keine Zahlen, es rotierte vielmehr ein schwarzer Punkt. Mit einer Bewegung des Armes sollten sie den Punkt stoppen und sich gleichzeitig merken, wo der Punkt stand, als sie ihre Entscheidung fällten. Libet hat währenddessen gemessen, was mit dem Gehirn passiert. Das Interessante ist, dass die Handlungsneuronen deutlich früher agierten, als das Bewusstsein kapierte, was da eigentlich geschah. Erst kommt die Bewegung des Handgelenks und dann wird uns bewusst, dass wir etwas entschieden haben. Der Beginn der Handlung geht also dem bewussten Willen voraus, etwa 0,4 Sekunden.

Damit scheint es keine Willensfreiheit zu geben.

Precht: Es ist nun so, dass die Hirnforscher überziehen – ähnlich wie die Darwinisten zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Gleichwohl wird diese Erkenntnis Folgen in der Philosophie haben.

Wenn man Ihr Buch liest, ist man erstaunt, wie viele aktuelle gesellschaftliche Diskurse Sie reflektieren. Es geht also doch, Philosophie hat etwas zu unseren aktuellen Debatten beizutragen. Aber warum erheben akademische Philosophen so selten das Wort?

Precht: Dafür gibt es mehrere Gründe. Es liegt etwa am Ausbildungssystem. Wir haben ein esoterisches Bildungssystem an den Universitäten. Die fleißigsten Studenten kommen durch, nicht die besten. Es liegt auch an den enormen Qualifikationsanforderungen in Form von umfangreichen Arbeiten, die man schreiben muss. Und es gibt einen sehr hohen Spezialisierungsgrad. Wenn Sie an einer Universität habilitieren, und Sie schreiben ein Buch über die Liebe, was ja ein sehr interessantes Thema zwischen Philosophie, Neurowissenschaften und Psychologie wäre, dann würden Sie das an keiner einzigen deutschen Universität tun können. Schreiben Sie aber das 300. Buch über Kants "Kritik der Urteilskraft", dann haben Sie sehr gute Chancen, dass das akzeptiert wird. Kurz gesagt: Die Philosophie ist eine sehr konservative, rückwärtsgewandte Disziplin an unseren Universitäten. Das ist der eine Grund.

Der zweite Grund ist, dass man im Studium in der Regel verlernt zu reden und zu schreiben. Der akademische Diskurs bei uns ist voller Fremdwörter, voller umständlicher Satzkonstruktionen, Passivkonstruktionen – und all das wird an den Universitäten positiv goutiert. Das ist eine verheerende Entwicklung, die nicht typisch deutsch ist, wir haben das auch in Italien und Frankreich, nicht aber an den amerikanischen und englischen Universitäten. In dem Punkt kann man viel von den Angelsachsen lernen. Philosophen, die sich nur untereinander verstehen, sind für die Gesellschaft wertlos.

Gerade ist die Verfilmung Ihres Erinnerungsbuches "Lenin kam nur bis Lüdenscheid" in die Kinos gekommen. Was macht Ihre Jugend so interessant für Leser und Kinogänger?

Precht: Ich komme aus einem sehr linken, marxistisch inspirierten Elternhaus. Da ich nicht in der DDR aufgewachsen bin, sondern in der westdeutschen Provinz, hatte ich dadurch eine ungewöhnliche Kindheit. Meine Eltern waren sehr engagierte Menschen, sie haben zwei Kinder aus Vietnam adoptiert. Ich bin ausgesprochen antiamerikanisch erzogen worden, ich hatte eine Kindheit, die sich von derjenigen der Nachbarn doch sehr unterschied.

Im Moment wird die 68er-Zeit aufgearbeitet. Wie positionieren Sie sich da politisch?

Precht: Vieles von dem, was als Folge von 1968 betrachtet wird, ist gar keine Folge der Studentenrevolte. Sozialpsychologisch war es eine interessante Zeit, weil die Leute daran geglaubt haben, sie könnten die Gesellschaft verändern. Das macht den großen Reiz von 1968 aus. Denn das unterscheidet diese Epoche fundamental von unserer heutigen Zeit. Ökonomisch gesehen war es eine kapitalistische Erneuerungsbewegung. Da war nichts links an ’68. Die Eröffnung der neuen Märkte für die Sexualität, der gesamten Pornoindustrie etwa, noch wichtiger, die Öffnung der Märkte für die Mode, vorher gab es eigentlich gar keine Mode, die ganze Sexualisierung der Gesellschaft, die Musikalisierung der Gesellschaft, der neue Markt der Popmusik, die ganz neuen Segmente im Buchmarkt, all das wurde durch 1968 geöffnet und hat zu Milliarden-Geschäften geführt und hat diese Gesellschaft flott und zukunftsfähig gemacht. Im Unterschied dazu die DDR, die keine richtige 68er-Revolte hatte und dadurch im Grunde die gleiche ästhetische Ausstrahlung hatte wie die Adenauer-Zeit in Westdeutschland. Uschi Obermaier hat im "Stern" gesagt: "Wir wollten eine Gesellschaft aus Sex und Rock ’n’ Roll." Die ist auch gekommen.