Mittwoch, 30.05.2012 |

 

11.02.2012 00:10 Uhr | 150x gelesen
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Mit Pavarotti auf die Kloschüssel


Bild: Mit Pavarotti auf die Kloschüssel.  Ingolstadt (DK) So sollten Konzerte beginnen: Die Musiker kommen auf die Bühne, verneigen sich, das Publikum klatscht, und die Musik beginnt. Alles falsch! Die Georgier haben noch keine drei Minuten vom Nocturne op. 9 Nr. 2 von Frédéric Chopin unter der Leitung von Werner Thomas-Mifune gespielt, da kommt ein älterer Herr auf die Bühne des Festsaals und ruft energisch „Halt“.

Ingolstadt (DK) So sollten Konzerte beginnen: Die Musiker kommen auf die Bühne, verneigen sich, das Publikum klatscht, und die Musik beginnt. Alles falsch! Die Georgier haben noch keine drei Minuten vom Nocturne op. 9 Nr. 2 von Frédéric Chopin unter der Leitung von Werner Thomas-Mifune gespielt, da kommt ein älterer Herr auf die Bühne des Festsaals und ruft energisch „Halt“.


Hildebrandt GKO
Bild: Schaffer Zu zweit am Cello: Werner Thomas-Mifune und Surab Shamugia spielen als Duo, während Dieter Hildebrandt das Spektakel beobachtet.
So sei das alles nicht geplant, sagt Dieter Hildebrandt. Zunächst sollte er auf die Bühne kommen und dann viel später erst das Orchester. „Ich darf Sie bitten, noch mal herunterzugehen“, erklärt er mit einer freundlichen Deutlichkeit, die keinen Widerspruch duldet.
 
Nun geht ein Feuerwerk der Pointen los. Von Anfang an kann das Publikum kaum aufhören zu lachen, wenn der kleine Mann auf der Bühne mit Unschuldsmiene auf höchst liebenswürdige Weise eine Bosheit nach der anderen loslässt. 
„Die gehen wirklich“, staunt er den Musikern nachblickend, um dann zu erkären, dass er sich schon immer gewünscht habe, Orchester von der Bühne zu schicken. Er sehe schon die sparwütigen Stadtpolitiker vor sich „mit Freudentränen der Begeisterung in den Augen“, wenn er ihre Kommunen besuche und die Orchester abschaffe. Dann stellt er sich als „Vorsitzender des Verbandes zur Verhütung von Ü-Musik“ vor – dabei stehe Ü für überflüssig. Und Ü-Musik gebe es überall im Übermaß. Es dringe aus wummernden Autos und beriesele in Flugzeugen und Zügen. „Dann geht man aufs Klo, da hilft einem Pavarotti auf die Schüssel, zur Spülung gibt es die Matthäuspassion. Und mit Justus Frantz wird man von irgendeinem Bestattungsinstitut ins Jenseits befördert“, nörgelt Hildebrandt. 
 

zur Diashow Vorsicht Klassik | Ingolstadt

 
Von seiner witzigen Gehässigkeit, seiner Galligkeit, hat der 84-jährige Dieter Hildebrandt nichts verloren. Nach wie vor spielt er den leicht naiven Griesgram, der sich nicht genug über die Welt wundern kann, und Beleidigendes ausstößt, bis das Publikum Tränen lacht. Und dabei ist er so schlagfertig wie eh und je. Als ein Zuschauer im Publikum „lauter!“ ruft, reagiert er blitzschnell. „Ich bin offen und lauter“, versichert er, um dann anzudrohen, mit dem gesamten Programm noch einmal von vorne zu beginnen, diesmal in der richtigen Lautstärke. 
 
Später bemerkt er zufrieden: „Sehen Sie, solange ich rede, können die keine Musik machen.“ Der ganze Abend ist für ihn nicht mehr als ein „Konzert mit Störfaktor“ – wobei er, Hildebrandt, natürlich der Unruhestifter ist. 
Ganz der Alte (wie man ihn etwa von „Notizen aus der Provinz“ kennt) ist Hildebrandt, wenn es um Politik geht. Da teilt er aus. Die Länge von Musikstücken bemisst er in „Wulffs“ – die Zeitspanne von einem Skandal zum nächsten. Und er empfiehlt die Maßeinheit auch für die Zahnpasta-Werbung: „Man denkt, es ist nichts mehr drin. Aber auf Druck kommt immer noch etwas heraus.“ Ihr Fett ab bekommen auch die allzu sorglose Ilse Aigner, die „Verbrecher . . . äh, Verbraucherschutzministerin“, und zu Guttenberg, der es allen emsig abschreibenden Doktoranden jetzt so schwer gemacht habe.
Bei diesem verbalen Wirbelwind bleibt dem Orchester oft nur eine Nebenrolle. Dabei haben die Musiker durchaus enorm Komisches zu bieten. Etwa ein „Choo-choo Boogie“ von Thomas-Mifune, bei dem die Musiker perfekt die Geräusche einer Dampflokomotive imitieren und in diesem Lärm auch noch durchhören lassen, dass die Fahrt in Richtung der „schönen blauen Donau“ geht. Bei einer genialisch misslungenen Version der Fünften von Beethoven darf Cellist Surab Shamugia ständig virtuos aus der Reihe tanzen. Und das „Regentropfen-Prélude“ von Chopin ist hier ein abenteuerlicher Pizzicato-Tanz. Nichts allerdings ist so witzig wie der „Frühlingsstimmenwalzer“ von Johann Strauß in einer zeitgemäßen budgetgerechten Version: Surab Shamugia und Werner Thomas-Migune teilen sich ein Cello, wobei den beiden naturgemäß gelegentlich die Übersicht im Dickicht der wirbelnden Finger und Bögen verloren geht. 
 
So grandios der Abend ist, am Ende will er keinen Abschluss finden. Eine Zugabe folgt der anderen. Nach fast drei Stunden kündigt Hildebrandt die „Zauberflöte“ von Mozart an – glücklicherweise in einer Zweiminutenfassung. 
 



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