Lesen Sie eigentlich noch privat?

Denis Scheck: Unbedingt. Ich habe mir zwei Refugien erhalten – bei allem Druck und Stress, den man mitunter auch als Literaturkritiker hat: eine viertel Stunde morgens in der Badewanne und vor dem Einschlafen. Meine Freundin und ich lesen uns gegenseitig vor. Sie hat nämlich sehr viele Kinder- und Jugendbücher in meine Bibliothek eingeschleppt. Deshalb lesen wir uns seit zweieinhalb Jahren unter anderem die Werke von Astrid Lindgren vor. Im Moment gerade "Karlsson vom Dach".

Der Junge mit dem Propeller auf dem Rücken.

Scheck: Sehr richtig: "Ich bin ein schöner und grundgescheiter und gerade richtig dicker Mann in meinen besten Jahren", sagt Karlsson auf dem Dach.

Es kommt ein berufliches Lesen dazu. Wie viele Stunden am Tag sitzen Sie denn vor Büchern?

Scheck: Ich komme so auf etwas zwischen 150 und 180 Bücher im Jahr. Daneben nehme ich natürlich sehr viele Bücher wahr durch die Arbeit meiner lieben Kollegen in Zeitungen oder anderen Medien, so dass man doch das Gefühl hat, von wesentlich mehr Büchern zumindest eine Ahnung zu haben. Aber als Literaturkritiker hat man nur einen moralischen Maßstab in einer doch ziemlich verluderten Branche, nämlich, dass ich mich öffentlich niemals über ein Buch äußere, dass ich nicht wirklich von der ersten bis zur letzten Seite gelesen habe.

Das heißt, Sie gönnen sich nicht den Luxus, ein Buch, das Ihnen überhaupt nicht gefällt, einfach wegzulegen?

Scheck: Doch, nur dann melde ich mich in der Öffentlichkeit nicht dazu zu Wort.

In welchem Tempo lesen Sie? Wie lange brauchen Sie für alle drei Bände "Herr der Ringe" mit Anhängen?

Scheck: Also, alle drei Bände "Herr der Ringe" mit Anhängen würde mich garantiert eine Woche beschäftigen. Ich habe die gelesen. Bei den Anhängen, muss ich zugeben, habe ich allerdings ein bisschen geblättert. Ich fand das einen hervorragenden Roman. Übrigens der beste, der je über den zweiten Weltkrieg geschrieben wurde, auch wenn Tolkien selbst diese Interpretation gar nicht gerne gehört hat. Ich lese aber heute bestimmt nicht schneller als ein "normaler" Lesender, weil ich ja mit dem Stift in der Hand lese und Notizen mache, Anmerkungen, Unterstreichungen etc., das hält schon mal etwas auf.

Eine Woche für den "Herrn der Ringe" erscheint dennoch recht flott.

Scheck: Ich hatte übrigens noch das Vergnügen, die erste Übersetzerin Margaret Carroux vom "Herrn der Ringe" persönlich kennen zu lernen. Die literarischen Übersetzer treffen sich ein Mal im Jahr und da hat sie immer wieder aus ihrer Arbeit am "Herrn der Ringe" erzählt. Aber die anderen nahmen sie gar nicht ernst, sondern haben sie immer ausgelacht und gesagt: "Du mit Deinen Zwergen." Es freute mich für sie dann sehr, dass spätestens die Verfilmungen doch erwiesen haben, dass es sich beim "Herrn der Ringe" ganz klar um Weltliteratur handelt.

Der "Herr der Ringe" wurde später von Wolfgang Krege neu übersetzt, um ihm einen modernen Sprachduktus zu verleihen. Ist so etwas nötig? Man würde ja auch nicht auf die Idee kommen, Goethe umzuschreiben, weil er antiquiert klingt.

Scheck: Nein, aber Sie sind damit einem der größten Mysterien der Literatur überhaupt auf der Spur. Nämlich der Frage, warum Übersetzungen altern, Originale aber nicht. Die deutsche Literatur fängt mit einer literarischen Übersetzung an, nämlich mit Luthers Bibel-Übersetzung. Das ist etwas sehr Ungewöhnliches, dass eine Übersetzung am Anfang einer Nationalliteratur steht. Wenn sie aber Luther heute im Original lesen, dann merken Sie, wie alt Luthers Sprachstand ist. Die Schlegel-Tiecksche Übersetzung Shakespeares sorgt dafür, dass wir einen Shakespeare-Ton auf den Bühnen erleben, der eben der eines Schriftstellers an der Schwelle zum 18. Jahrhundert ist. Der deutsche Shakespeare-Ton ist damit 200 Jahre jünger als der englische Shakespeare-Ton. Es ist notwendig, immer wieder Übersetzungen neu zu machen, um die eigene Sprache zu aktualisieren. Denken Sie nur an Raoul Schrott, der die Ilias neu übersetzt und in ein wunderbares, zeitgenössisches Deutsch gebracht hat. Eine sehr freie Bearbeitung, aber ich bin ganz hin und weg von diesem Sound.

Es wurde spekuliert, Sie könnten Elke Heidenreichs Sendung "Lesen" übernehmen. Wäre das ein Format, das Sie reizen könnte?

Scheck: Nein. Ich träume nicht davon, in einer Kinderoper an einem kleinen Schreibtisch zu sitzen und eine halbe Stunde durchzureden. Jeder sollte für sich eine Form entwickeln, so wie ich es mit "Druckfrisch" für mich versucht habe. Als wir mit "Druckfrisch" anfingen, war die Gefahr, dass man sagt: "Ah, jetzt hat Marcel Reich-Ranicki gerade das Quartett beendet, jetzt spielen die auch Quartett." Aber ich hatte nur eine halbe Stunde zur Verfügung und schon deshalb war klar, dass diese Form nicht funktionieren würde. Auch nicht, wenn man es zu einem Duett oder Terzett machen würde. Deshalb haben wir überlegt, was könnte man stattdessen machen und vor allem eine fernseh-affine Form zu finden, die nicht nur abgefilmtes Radio ist: Dass wir mit Autoren sprechen, die aber so ins Bild setzen, dass das Statuarische des Talking-Head-Fernsehens nicht ganz so schlimm wird. Vor allem aber, dass man die Geste der Ironie und der Selbstironie für sich entdeckt, um nicht in die Gefahr zu geraten, wie ein Regierungssprecher literarisch-apodiktische Urteile zu fällen.

Sie haben Reich-Ranicki erwähnt. Teilen Sie seine Einschätzung über das deutsche Fernsehen?

Scheck: Ich glaube, dass Marcel Reich-Ranicki schon vor vielen Jahren aufgehört hat fernzusehen. Wahrscheinlich so, wie er vor vielen Jahren aufgehört hat, die deutsche Gegenwartsliteratur zu verfolgen oder die internationale. Deshalb muss er immer von Thomas Mann reden. Ich glaube also, er hat etwas Richtiges getroffen, indem er aus Versehen mit einer breit streuenden Schrotwaffe geschossen hat. Wenn man auf diesen Sack Fernsehen eindrischt, trifft man immer den Richtigen. Ich glaube nicht, dass es einen Niveauverfall im Fernsehen gibt, der nicht mit einem Niveauverfall der Gesellschaft zusammenhängt. Ich glaube, dass heute intelligenteres und niveauvolleres Fernsehen zu sehen ist als vor 30 Jahren. Es gibt mehr intelligentes Fernsehen im Angebot, als irgendjemand konsumieren könnte. Das Problem ist nur, dass die meisten Zuschauer offenbar gerne idiotisches Fernsehen konsumieren. Das Mehr an gutem Fernsehen ersäuft in einem Ozean des Trivialen. Dennoch war doch die Existenz eines Senders wie arte vor 30 Jahren völlig unvorstellbar. Aber es ist doch die Frage, warum nicht 80 Prozent der Zuschauer arte gucken. Dieser Frage müssen wir uns stellen.